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Was ist schwerer als eine Geburt?

Vielerorts lautet die Antwort: einen freien Kreißsaal zu finden. Die Misere erklären Kerstin Wolter und Alex Wischnewski

  • Von Kerstin Wolter und Alex Wischnewski
  • Lesedauer: 4 Min.

In Deutschland erblicken von Jahr zu Jahr mehr Babys das Licht der Welt. So wurden laut Bundesamt für Statistik im Jahr 2018 gut 2500 Kinder mehr geboren als noch im Vorjahr. Doch während die Anzahl der Geburten in Deutschland steigt, wird das Kinderkriegen immer unsicherer. Mehr und mehr Geburtsstationen müssen schließen. Das liegt am wachsenden Rationalisierungsdruck auf Krankenhäuser. Obwohl die Hegemonie des Neoliberalismus seit der Krise 2008 Risse bekommen hat, hat sie das Gesundheitswesen erstaunlich fest im Griff.

Der Anteil privatwirtschaftlicher Kliniken hat sich seit 1992 von 15 auf 37 Prozent mehr als verdoppelt. Ein Fünftel aller Kliniken musste seitdem ganz schließen. Und das, obwohl sich die Anzahl derjenigen, die ein Krankenhaus aufsuchen, im selben Zeitraum erhöht hat. Die Folgen sind, dass Krankenpfleger*innen und Ärzt*innen bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gehen müssen und viel zu häufig sogar darüber hinaus. Immer weniger Personal hat immer mehr Patient*innen zu betreuen. Dadurch besteht die Gefahr, dass diese nicht mehr ordentlich versorgt werden können.

Sorge- und Pflegetätigkeiten lassen sich nicht bis ins Unendliche rationalisieren. Jedenfalls nicht, ohne dass die Gesundheit aller Betroffenen leidet: der Patient*innen und des Personals. Aber um’s Gesundwerden sollte es in Krankenhäusern doch eigentlich gehen.

Dass im Zuge dieser Entwicklung Geburtsstationen zunehmend von Schließungen bedroht sind, ist besonders perfide. Dabei ist spätestens seit Beginn der 2000er Jahre die Erhöhung der Geburtenrate zu einem Leitziel der staatlichen Familienpolitik erklärt worden. In den Ausbau von Kindertagesstätten und das Elterngeld wurde denn auch investiert. Bei diesen Maßnahmen geht es nicht nur um das Bedürfnis der Menschen, sondern auch um das Ziel, die Erwerbsrate von Frauen zu steigern. Zugleich wird die Gründung einer Familie - und das Gebären selbst - immer weiter erschwert. Im Übrigen wird es auch gefährlicher. Aufgrund der Unterversorgung und des Hebammenmangels in vielen Kliniken müssen werdende Mütter oft an mehrere Krankenhauspforten klopfen, bis sie endlich angenommen werden. Gerade auf dem Land können so gern mal anderthalb Stunden vergehen, bis man im Kreißsaal ankommt. Immer mehr Kinder kommen deshalb im Krankenwagen zur Welt. Wenn es nach Jens Spahn (CDU) geht, sollen Geburtsstationen sogar noch weiter reduziert werden. Der Gesundheitsminister will, dass sich Kliniken auf bestimmte Behandlungsbereiche spezialisieren. Das heißt im Endeffekt: weitere Wege für Patient*innen ebenso wie für Schwangere.

Auf die Spitze getrieben hat den Rationalisierungsdruck gerade in Geburtsstationen die Einführung einer Fallpauschale vor fast 20 Jahren. Die Vergütung, die ein Krankenhaus pro Behandlungsfall erhält, ist im Fall von Geburten besonders niedrig - und das, obwohl Geburten eine sehr langwierige Angelegenheit sein und sehr viel Personal binden können. Gibt es einen Kaiserschnitt, ist die Fallpauschale übrigens gleich doppelt so hoch - auch wenn der Eingriff oft viel schneller geht. Das Kinderkriegen lohnt sich für die Krankenhäuser meist einfach nicht, oft zahlen sie am Ende sogar drauf. Gebären ist der Profitlogik unterworfen.

Hinzu kommt, dass Kürzungen und Schließungen oft geräuschlos vollzogen werden. Anders lief das im Dezember in einer kleinen Stadt in Mecklenburg-Vorpommern: In Crivitz konnten Kundgebungen und Demonstrationen, getragen von einem breiten Bündnis, vorerst verhindern, dass die Frauen- und Geburtsstation zum Jahresende 2019 geschlossen wird. Das ist ein Erfolg, aber es wird ein Tropfen auf den heißen Stein bleiben, wenn sich am System nichts ändert.

Der Kapitalismus und sein Drang, aus immer weiteren Bereichen unserer Gesellschaft Profit zu schlagen, macht auch vor der öffentlichen Daseinsvorsorge keinen Halt. Aber die Entwicklung ist widersprüchlich. Es scheint, dass der Neoliberalismus derzeit in eine Hegemoniekrise gerät. Privatisierungen im großen Maßstab werden seltener durchgesetzt - außer im Gesundheitsbereich: Hier geht die Rationalisierung ständig weiter. Und das, obwohl das gerade beim Gebären besonders schwierig ist. Ein Schelm, wer auf die Idee kommt, es liege daran, dass hauptsächlich Frauen betroffen sind.

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