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So fern und in manchem doch so nah

Was die DDR mit den umweltpolitischen Idealen von Greta Thunberg zu tun hat

  • Von Matthias Krauß
  • Lesedauer: 9 Min.

Die DDR wusste naturgemäß nichts von Greta Thunberg, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weiß Greta so gut wie nichts über die DDR. Allenfalls, was die deutsche Aufarbeitungsindustrie an dieser Stelle nach Schweden exportiert hat.

Doch lässt sich diese Armut des heutigen offiziellen Rückblicks auf diesen Staat gerade auf Greta Thunbergs Feldern besonders sinnfällig machen, denn hierbei liegen sie in bemerkenswerter Häufung vor, die Gegenbeispiele, die sich eben in einem ganz anderen als dem Aufarbeiter-Sinne dem Begriff »typisch DDR« zuordnen lassen.

Wer, wie der Autor dieser Zeilen, während seiner Studienzeit im Leipziger Hauptbahnhof die Reichsbahn verließ und erst einmal - vor allem in der trüben Jahreszeit - zehn Minuten lang diesen Mix aus Schwefel und den Abgasen von verbrannter Salzkohle in der Nase hatte (danach war man sozusagen wieder angepasst und roch das nicht mehr), der wusste: Er war auf dem Tiefpunkt der Leipziger Tieflandsbucht angekommen. Diese Riesensenke ließ die Luft schlecht abziehen, Abgase bildeten rasch eine Glocke. Die benachbarten Industriestandorte Halle und Leuna brachten sich atmosphärisch zur Geltung. Zu Recht dichtete Gerhard Schöne in seinem Lied vom Engel: »Da flog er südwärts durch die Welt, erbrach sich über Bitterfeld.« Die Leipziger Luft ist seither sauberer geworden.

Eine Frage der Planung

Mitte Januar wurde bekannt, dass der Berliner Bezirk Spandau die Einführung eines neuen O-Busses testen wolle. O-Busse sind Oberleitungsbusse, wie sie beispielsweise einst durch den Potsdamer Stadtteil Babelsberg gefahren sind. Aha, denkt der alte Ossi, es ist ja interessant, dass ihr die O-Busse der DDR nach 1990 fast alle abgewrackt habt, um sie jetzt als umweltschonende und übrigens auch geräuscharme Variante des Innenstadtverkehrs wieder einzuführen.

Natürlich ist das nur ein Beispiel und begründet keine Gesamtbewertung. Hinsichtlich umweltschonender Verkehrsvarianten ist die DDR aber wesentliche Schritte gegangen; Schritte, die sich nicht ohne weiteres unter dem Label »Runterwirtschaften« verkaufen lassen. Ihr Netz des Öffentlichen Personennahverkehrs war ungleich dichter als heute, der Bus fuhr - gerade in ländlichen Regionen - wesentlich häufiger. Greta Thunberg würde es wohl gefallen.

1990 waren 40 Prozent des Fernbahnnetzes der DDR elektrifiziert, also auf den Kohle- oder Dieselantrieb nicht mehr angewiesen. Ein Anteil, der höher lag als in der alten Bundesrepublik. Getreu ihrer Strategie »Mehr Transport auf dem Wasser und auf der Schiene« betrug der Anteil des DDR-Bahntransports am gesamten Gütertransport mindestens das Dreifache des heutigen Werts. Nach 1990 wurden Tausende Kleinbahnhöfe, Verladestellen, Nebengleise, Anschlussrampen stillgelegt, mindestens zehn Prozent des Schienennetzes überhaupt, die diese positive Bilanz abgesichert hatten. Die Einführung der Marktwirtschaft 1990 hat im großen Stil dafür gesorgt, dass ökologisch günstigeren Transportvarianten der Boden entzogen wurde.

Auch was den umweltschonenden Wirtschaftstransport auf dem Wasser angeht, lag die DDR vorn. Sie verfügte in den 80er Jahren über eine moderne Schubprahm-Flotte, ein dichtes Netz von Flusshäfen; ein System, mit dem 15 bis 20 Prozent des Industrietransports auf dem Wasser - also deutlich umweltfreundlicher - bewältigt wurden. Heute sind es 2 bis 3 Prozent - wenn überhaupt. Die Schubprahmen wurden nach der Wende verkauft oder verschrottet. Und ebenfalls alles andere als unwichtig: Das DDR-Standardauto, der Trabant, verbrauchte weniger Kraftstoff auf 100 Kilometer als die meisten heute neu verkauften Pkw, wenngleich mit Zweitaktmotoren.

Natürlich hängt vieles davon mit der DDR-Planwirtschaft zusammen, mit Überlegungen und Strategien, denen zufolge die Dinge auch im großen Stil zueinander passen und miteinander harmonieren müssen. Die heute so übel beleumdete Staatswirtschaft konnte an dieser Stelle tatsächlich mehrere Vorteile ausspielen. Eine Situation wie die gegenwärtige, wo der Norden der Nation mit seinen Windrädern überflüssigen Strom produziert, der im Süden nicht abgenommen wird, weil die Zuleitungen fehlen, wäre in der DDR schwer vorstellbar gewesen.

1979 ging das Pumpspeicherwerk Markersbach (damals Bezirk Karl-Marx-Stadt) ans Netz, lange Zeit mit einer Leistung von 1050 Megawatt der Champion unter den artgleichen Bauwerken in Deutschland und auch heute noch eines der größten seiner Art weltweit. Das Prinzip: In Zeiten des Strom-Überangebots wird Wasser in ein höher gelegenes Becken gepumpt, und wenn ein Strombedarf besteht, treibt das niederschießende Wasser die stromerzeugenden Turbinen an. Auch dies ein Beitrag zum sinnvollen Strommanagement.

30 Pfennig Flaschenpfand

Von den 60er Jahren an wurden in der DDR - zumindest dort, wo es sich anbot - im großen Stil Industrieabwärme zum Heizen von Wohngebieten genutzt. Ein frühes Beispiel war Hennigsdorf-Nord, ein Neubaugebiet, das sich vom örtlichen Stahlwerk wärmen ließ. Das sozialistische Zusammenspiel von Industrie- und kommunaler, räumlicher Planung machte dies möglich, es war die Planung aus einem Guss, wie man das nannte. Ein Unding in der heutigen Zeit; angesichts der verschiedenen Eigentümerinteressen, die niemand unter einen Hut bekäme, ein Wunschtraum,

Auch die Smogglocke über dem Industriegebiet Halle-Leipzig ließ die DDR-Führung nicht so unbeeindruckt, wie man glauben mag. In Stendal wurde ein Atomkraftwerk projektiert und gebaut, das die halbe DDR mit Strom versorgt und einen Großteil der Braunkohleverstromung ersetzt haben würde. Zweifellos war das eine Entscheidung, die heute anfechtbar wäre. Aber es war eine Entscheidung in ihrer Zeit. Sie sollte der Kohlendioxid-Emission, der schlichten Kohleverstromung, entgegenwirken.

Gegenüber den DDR-Jahren hat sich das Hausmüllaufkommen in Ostdeutschland nach 1990 verdreifacht. Noch einmal gesteigert wurde dies durch die zusätzlichen Unmengen an Verpackungsmüll, wie sie durch das unselige Internet-Bestellsystem entstehen. Von den gigantischen Müllbergen, die durch die zeitgenössische Werbewirtschaft gebildet werden, ganz zu schweigen. Am Ende produzierte auch die DDR beispielsweise Plastetüten, aber in einem Umfang, der gemessen am heutigen unbeträchtlich zu nennen wäre.

Obst und Gemüse wurden seinerzeit in Papiertüten verpackt und verkauft, das müssten Gretas Jünger ja regelrecht schillernd finden. Auch das kommt allmählich wieder. Die rot-grüne Bundesregierung zwischen 1998 und 2006 hat übrigens neben vielem anderen, bei weitem nicht nur Positivem, die Einführung eines Pfandflaschensystems nach dem Vorbild der DDR zu verantworten. Wenn auch die Inkonsequenz auf der Hand liegt. Richtig - die Millionen in der Landschaft vergammelnden Büchsen gibt es faktisch nicht mehr - eine eigenartige Rückkehr zu den DDR-Gegebenheiten, in denen die »Büchse Bier« kein Begriff und so ungewöhnlich war, dass es dem Gewerkschaftschef Harry Tisch übel angerechnet wurde, als ihm dieses Wort einmal in einem Interview herausrutschte. Die acht Cent Pfandgeld für die Bierflasche können den 30 Pfennigen zu DDR-Zeiten nicht das Wasser reichen.

Vor allem aber: Das Rücknahmesystem erstreckte sich zu DDR-Zeiten auch auf Wein- und Schnapsflaschen, auf Gemüsegläser, Papier, Alttextilien und Schrott. Ein dichtes System der Annahmestelle überzog die DDR. Die dabei gezahlten Preise wurden in Abständen erhöht, weil das Interesse an der Rückgabe ein ungebrochenes sein sollte. Nichts durfte verloren gehen. Alte Autobatterien waren regelrecht kostbar, sie wurden ob ihres Bleigehalts von Käufer und Verkäufer geschätzt und hoch bezahlt. Die DDR hatte ein wirkungsvolles System der Wiedergewinnung installiert, zu dem uns heute nun nachgerade alles fehlt.

Der ganze Vorgang wurde Anfang der 70er Jahre modernisiert und auf zeitgemäße Füße gestellt. Das Logo »Rumpelmännchen« der ersten DDR-Jahrzehnte wich dem volkseigenen Kombinat Sero (Sekundärrohstoffe), das im nationalen Maßstab, in großem Stil und bei Einsatz moderner Methoden der Rückgewinnung eine - vergleichsweise - brillante Form der Nachhaltigkeit darstellt.

Mangel und Nachhaltigkeit

Selbst Grünen-Politiker - einer besonderen DDR-Vorliebe unverdächtig - räumen ein, dass Dünger- und Pestizideinsatz in der DDR deutlich geringer war als nach der Wende. In der Enquetekommission zur Aufarbeitung der Aufarbeitung, die sich der brandenburgische Landtag zwischen 2009 und 2014 leistete, wurde ermittelt, dass die Feldfrüchte in den LPG-Jahren vielseitiger, reichhaltiger und die Fruchtfolge artgerechter erfolgte als in den Monokulturen der Nachwendezeit. Die Tier- und Pflanzenwelt Ostdeutschlands war in den DDR-Jahren wesentlich vielfältiger als heute. Damals: räudig, aber lebendig, heute: schön, aber tot. Merkwürdig zudem: Luft und Wasser wurden nach 1990 immer sauberer, Allergien bei den Ostdeutschen gibt es heute viermal mehr als damals. Ihre Körper verhalten sich, als würde ihre Umwelt immer giftiger.

Die DDR war keine Wegwerfgesellschaft, sie war eine Reparaturgesellschaft. Unter dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit wäre das ein Lob wert. Die Dinge, welche die Menschen zum Teil teuer bezahlen mussten, sollten lange halten. Das taten sie auch - zum Teil bis heute - und das erwarteten die Menschen. Der polytechnische Unterricht in der Schule versetzte die DDR-Bürger zudem in die Lage, Reparaturen selbst auf einem beträchtlichen Niveau vorzunehmen. Erleichtert wurde ihnen das durch die DDR-typische weitgehende Standardisierung der eingesetzten Bauteile, die dem Wegwerfen zusätzlich entgegenwirkte. Dagegen achten Produzenten heute streng darauf, dass ein Austausch von Baugruppen mit denen anderer »Mitbewerber« nicht möglich ist.

Lichtverschmutzung, also die nächtliche Lichtüberfülle, war auch nicht etwas, dessen sich die DDR in besonderem Maße zu zeihen hätte. Der Volksmund verarbeitete die Realität auf diesem Gebiet zum Witz: »Die DDR ist der einzige Staat der Welt, der den Mond konsequent zu friedlichen Zwecken nutzt.« »Zu welchen denn?« »Zur Straßenbeleuchtung.«

Spätestens in diesem Stadium des Gedankenaustauschs wird mir erleichtert entgegengehalten, dass dies alles irgendwie und irgendwo zwar stimme, aber eben letztlich doch nur dem »Mangel« geschuldet sei, wie er in den DDR-Jahren geherrscht habe. Nur: Nicht einmal wenn dies vollkommen wahr wäre - es ist zum Teil wahr -, wäre das aus Greta Thunbergs Sicht einen Vorwurf wert, denn sie hat ihre Forderungen nicht unter einen Reichtums- oder Armutsvorbehalt gestellt. In ihrem Denken gibt es keine Einteilung in höherwertig oder minderwertig bei Nachhaltigkeit, Umwelt- und Ressourcenschutz. Und diese Dinge waren damals nicht nur Mangelfolgen, sondern auch Ergebnisse vernünftiger Überlegungen und bewusster Wirtschaftspolitik: »Aus jedem Gramm Material, jeder Kilowattstunde und jeder Arbeitsstunde einen höheren Nutzeffekt«, hieß eine bekannte Losung.

Licht und Schatten

Natürlich wäre es Unsinn, als Fazit nun anbieten zu wollen, dass die DDR Greta Thunbergs Utopie schon mal in die Wirklichkeit umgesetzt habe. Es gab nicht wenige stinkende Flüsse, das Benzin-Öl-Gemisch des Trabant-Kraftstoffs hat bei der Verbrennung noch ganz andere Stoffe in die Umwelt abgegeben als Kohlendioxid. Weil es keine diesbezüglichen Messarmaturen in den Neubauwohnungen gab, war der Verschwendung von Wasser Tür und Tor geöffnet. Und die Zimmertemperatur wurde nicht selten mit dem Fenster reguliert.

Dennoch: Viele und keineswegs unwichtige Dinge im Bereich Ressourcenschutz, Ökologie und Wiederverwendung haben in diesem Staat sehr gut funktioniert. Die DDR hat sich Großartiges vorgenommen und ist auf verschiedenen Feldern beachtlich vorangekommen. Wenn es wirklich in dieser Welt zu einer ökologischen Wende kommen soll, dann wird man die gesamtgesellschaftliche Planung und Leitung wohl oder übel wieder aus der Mottenkiste des DDR-Sozialismus holen und etwas abstauben müssen. Der zeitgenössischen »Aufarbeitung« stünde gut zu Gesicht anzuerkennen, dass sich seither eben nicht nur Dinge verbessert haben, sondern sich auch vieles messbar verschlechtert hat.

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