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Hanau

Politisch paranoid

Der Täter von Hanau war vermutlich psychisch krank. Vor allem war er rechtsradikal.

Von Veronika Kracher

Am 19. Februar eröffnete ein rechtsradikaler Verschwörungstheoretiker das Feuer auf zwei Shisha-Bars in Hanau, eine 100 000-Einwohner-Stadt, 20 Kilometer von Frankfurt am Main entfernt. Es gehört für Rechtsterroristen anscheinend inzwischen dazu, Bekennerschreiben und -Videos zu veröffentlichen. So auch dieses Mal.

Das Bekennerschreiben des Täters, der in Hanau zehn Menschen, inklusive der eigenen Mutter, ermordete und sich selbst das Leben nahm, ist eine Mischung aus paranoiden Verschwörungstheorien - geheime Mächte würden ihn überwachen und verfolgen - , und expliziten rassistischen Vernichtungsfantasien. Es gibt Einblick in sein Denken. Wer es gelesen hat, kommt zu dem Schluss, dass der Täter mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit paranoid war.

Es ist jedoch grundfalsch, seinen Anschlag als den eines psychisch kranken Einzeltäters zu behandeln, wie es schon jetzt von Relativierern rechter Gewalt getan wird. Das Attentat ist einer der schwersten Angriffe auf die migrantische Community in Deutschland, mit Shisha-Bars wurden gezielt Safe Spaces für Menschen mit Migrationshintergrund ausgewählt.

Ähnlich wie der Attentäter von Halle war der Täter, ein 43 Jahre alter Bankangestellter aus Hanau, bisher nicht polizeibekannt; noch war er anderweitig als gewaltbereiter Neonazi aufgefallen. Beide vertraten ein ideologisch in sich geschlossenes antisemitisches und rassistisches Weltbild. Doch gibt es auch Differenzen, die nicht außer Acht gelassen werden dürfen, gerade weil sie aufzeigen, wie vielfältig und mehrdimensional gefährlich die rechtsradikale Szene heutzutage ist.

Der Attentäter von Halle verortete sich in der rechtsradikalen Szene um Imageboards im Internet wie »8kun« (vorher: »8chan«). Das trifft auch auf die ihm als Inspiration dienenden Terroristen von Christchurch, Poway, El Paso und Oslo zu. Im Falle von Hanau haben wir es mit einem rechtsradikalen Verschwörungstheoretiker zu tun, der sich soweit bekannt auf keiner der bei Rechtsextremen beliebten Plattformen umtrieb.

Sein Bekennerschreiben lässt auf Misogynie, Zynismus, emotionale Kälte und das Kokettieren mit der eigenen Abgestumpftheit schließen. Insgesamt ist es geprägt von dem Glauben, dass sein Verfasser von Geburt an überwacht worden sei. Im Text geht er auch auf seinen zölibatären Lebensstil ein und äußert sich ausdrücklich sexistisch. Dennoch gehört er nicht der sogenannten »Incel«-Bewegung an, zu der der Täter von Halle zu zählen ist. Incel steht für involuntary celibacy, also unfreiwilliges Zölibat. Der Täter von Halle schreibt, dass er noch nie eine Beziehung zu einer Frau gehabt hatte. Allerdings findet sich in seinem Bekennerschreiben keinerlei Bezug zur Incel-Ideologie. Stattdessen wird deutlich: Sein Anschlag war explizit rassistisch motiviert.

Wir haben es mit einem ähnlichen Tätertypus zu tun, den Klaus Theweleit in seinem Werk »Das Lachen der Täter: Breivik u.a. Psychogramm einer Tötungslust« (2015) ausführlich analysiert hat. All diese Täter haben im Alleingang gehandelt und waren nicht in Neonazi-Strukturen organisiert. Dies bedeutet jedoch mitnichten, dass sie alleine gehandelt hätten. Der rechtsradikale Täter hat eine Online-Armada und geistige Brandstifter in den Parlamenten und auf der Straße, die ihn in seinem Denken und Handeln bestätigen. Die radikale Rechte fantasiert sich einen von Juden geleiteten Rassekrieg zusammen, in dem der einzelne weiße Mann gegen nichts Geringeres kämpfen muss als den Genozid an den Weißen, den »großen Austausch«. Dieser wurde in sämtlichen rechtsradikalen Attentaten des letzten Jahres von den Tätern als Motiv genannt.

Der Typ Täter, von dem wir hier sprechen, ist der narzisstisch gekränkte Mann, der die Kränkung erlebt, trotz seiner Hautfarbe (weiß) und seines Geschlechts (männlich) eben nicht mehr als Krone der Schöpfung bewundert zu werden. Der erfährt, dass tagtäglich an der althergebrachten weißen, männlichen Hegemonie gerüttelt wird, sei es durch Migration, sei es durch feministische Bewegungen, sei es durch die ominöse »Homolobby«.

Die Paranoia, die den Attentäter von Hanau begleitete, muss als »politische Paranoia« begriffen werden; diese ist der antisemitischen Verschwörungstheorie immanent. Sie ist eine Übersprungshandlung aus der narzisstischen Kränkung im Spätkapitalismus, permanent die eigene Ohnmacht und Unbedeutendheit vor Augen gehalten zu bekommen.

Die eigene neurotische Welterklärung wird zu einem Maßstab für die Außenwelt gemacht, die dieser pathologisch verzerrten Betrachtung unterworfen wird. Innere Neurosen, Kränkungen und Affekte werden also an ein äußeres, und in der Regel bereits durch gesellschaftliche Ressentiments prädisponiertes Feindbild geheftet, welches anschließend zu einer Projektionsfläche für den Täter wird - die antisemitisch chiffrierten »Geheimdienste«. Zudem versucht der Täter in seinem Schreiben äußere Geschehnisse, die von Fußballergebnissen über Hollywood bis hin zum islamistischen Anschlag des 11. September reichen, als von diesen »Geheimdiensten« gesteuert zu begreifen, die wiederum einen Bezug zu ihm selbst haben sollen. Das gibt ihm das Gefühl einer gesellschaftlichen Relevanz, die jedoch de facto nicht existiert.

Der Terroranschlag ist für den Täter eine Wiedergutmachung der narzisstischen Kränkung. Der Täter ist der festen Überzeugung, im Begriff der absoluten Wahrheit zu sein, die er mittels seiner Schriftstücke, als auch mit dem Gewehr, in die Öffentlichkeit tragen muss. Die Manifeste werden für eine Nachwelt verfasst, die er vom eigenen Denken - oder vielmehr: dem eigenen neurotischen Fühlen - überzeugen will. Dieser Typus Täter glaubt, als Akteur eines übergeordneten Rechts zu handeln, das über einer bürgerlichen Gesetzgebung steht: Er ist Soldat in einem Krieg um die weiße Rasse, er hat das Recht, den von ihm imaginierten Ausnahmezustand »großer Austausch« zu bekämpfen. Das bedeutet, schreibt der Attentäter von Hanau in seinem Bekennerschreiben ganz explizit: die Vernichtung von Nicht-Weißen und Juden.

Diese Männer, ob sie jetzt in Halle oder Hanau agieren, wünschen sich einen Krieg, in dem sie als bedeutende Generäle kämpfen und, wenn auch erst in Zukunft, Beachtung erfahren können. Sie sind keine Rädchen im Getriebe mehr, sondern die Verfechter der in ihren Augen größten Sache: des deutschen Volkes und der weißen Rasse.

Eine Pathologisierung des Täters lediglich als »verrückt« leugnet den Vernichtungswillen, der sich durch sein komplettes Bekennerschreiben zieht. Das Problem heißt: Rechtsradikalismus.