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84 Minuten, 33 Sekunden

»Forum«: Der Film »Maggie’s Farm« besteht aus genialen, schief liegenden Bildern

  • Von Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Baum, zwei Büsche, im Hintergrund eine Autobahn. Mit dieser Szene beginnt der Film »Maggie’s Farm«. Die Kamera bewegt sich nicht, nur das Gras im Wind, das sie zeigt. Man hört die Autos. Es ist eine lange Plansequenz. So lang, dass man langsam skeptisch wird: Ist das schon der Film? Das Bild bleibt so, wie es war. Die zweizeilige Info, die es zu dem Film gibt, lautet: »Porträt einer Kunstinstitution in Kalifornien«. Länge: 84 Minuten. Die Skepsis wird zur Spannung: Was, wenn diese Szene 84 Minuten dauern würde? Jedoch folgt die nächste Szene: zwei schräge Bäume, wahrscheinlich am selben Ort bzw. im selben Wald. Wieder eine lange Plansequenz. Etwa dreieinhalb Minuten dauert die Einstellung. Man hat ja Zeit, die Sekunden zu zählen. Dann folgt die nächste: die Bäume aus einem anderen Blickwinkel. Man versucht wohl, rational zu denken: Sind es Bilder von Maggies Farm? Gibt es eine Kausalität zwischen den Sequenzen? Man beginnt, auf die Details zu achten. Ob sich irgendetwas an dem Bild allmählich verändert, wenn man ganz genau hinschaut. Ob eine kleine Maus vielleicht irgendwo im Busch versteckt ist. Doch nichts ändert sich.

In der vierten Plansequenz, etwa 20 Minuten sind vergangen, verlassen die ersten Menschen den Kinosaal. Es wird aufregender, obwohl fast nichts passiert. Man denkt über die Bedeutung des Kinos, der Bilder, der Kunst nach. Hat dieses Werk eine ähnliche Botschaft wie das Musikstück »Vier Minuten, 33 Sekunden« von John Cage? Hat es überhaupt eine Botschaft? Ob man nach einem Ganzen suchen soll, das diese Einzelszenen abbilden? Man kann sich im Kino seine Gedanken aufschreiben, man verpasst ja nichts. Man hat sogar Zeit, seine Schreibfehler zu korrigieren! Und trotzdem fließen die Ideen ununterbrochen. Beim Betrachten eines Films, in dem nichts geschieht. Das ist großartig. Man denkt an die Filme, in denen es nur so wimmelt vor lauter Geschehen und Dialogen, die einen aber kaum auf irgendeinen Gedanken bringen oder überraschen können mit ihren sich zum tausendsten Mal wiederholenden Geschichten und ihrem Blabla.

Inzwischen zeigen die folgenden Plansequenzen weiterhin verschiedene Baum- oder Wald-Szenen. Die zweite Welle derer, die das Kino verlassen, folgt.

Mit der neunten Sequenz gibt es einen Ortswechsel. Die Spannung steigt. Doch nur diejenigen, die geblieben sind, dürfen das erleben. Es sind Innenraum-Bilder einer Institution, fast alle schief: Decke mit grünem Exit-Schild. Ecke mit Mülltonne, Treppenhaus, der Ausschnitt einer Tür, schwarzes Brett, Wand, graue Schließfächer. Ein institutionelles Stillleben. Gelegentlich hört man Schritte. Mal piept ein Fahrstuhl. Ab und zu geht ein Ventilator an. Kurz ist eine Melodie zu hören: Country. Gitarre und Harmonika. Als wäre ein Radio für ein paar Sekunden an. Die Szenen bleiben menschenfrei. Einige Leute im Kino beginnen, bei jeder neuen Sequenz zu schmunzeln. Über die Banalität der Bilder vielleicht? Ob sie sich verarscht fühlen? Mehr als eine Stunde ist vergangen. Manche verlassen den Saal erst jetzt. Und der Rest starrt einen grauen Mülleimer an. Conceptual Art im Kino. »Maggie’s Farm« ist ein Film, der wie ein Ready-made im Kunstmuseum betrachtet werden soll. Die alltägliche Raucherecke wird im Rahmen des Kinos zur Kunst. Man soll sich diese dreieinhalb Minuten anschauen und sich wohl fragen: Was soll das? Auf der Leinwand passiert nicht viel, aber im Kopf des Betrachters. Gleichzeitig ironisiert der Film den traditionellen Kinobegriff. Jeder Satz über dieses Werk ist ein Spoiler. Sieht man sich einen Film an, wenn man vorher weiß, dass er aus 24 teilweise schräg stehenden Bildern besteht? Doch als ein Happening funktioniert er wunderbar.

Nach 84 Minuten sind es immerhin noch 20 bis 30 Menschen im Saal. Schmunzelnd, überrascht, begeistert, sich leer fühlend oder zu Tode gelangweilt. Denken manche noch an Maggie und ihre Farm?

»Maggie’s Farm«: 26.2., 20 Uhr, silent green; 1.3., 14 Uhr, Delphi

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