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Leistungsdruck im Kinderzimmer

Das Anmeldeverfahren für die weiterführenden Schulen sorgt für Stress, lange bevor es überhaupt losgeht

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 4 Min.

Christine N. sollte sich eigentlich entspannt zurücklehnen können. Ihr Sohn ist einer von rund 25 000 Berliner Sechstklässlern, die derzeit von ihren Eltern an einer weiterführenden Schule angemeldet werden. Und mit einem Notenschnitt von 1,4 hat er gute Karten, an einer seiner »Wunschschulen« angenommen zu werden. Sollte man wenigstens meinen. Das Problem: Christine N. wohnt mit ihrem Sohn in Prenzlauer Berg, und hier soll der er auch auf eine Sekundarschule gehen, an der er sich wohl fühlt. Nur: Die Auswahl ist begrenzt. »So absurd das klingt, wir zittern selbst mit der 1,4 noch«, sagt Christine N., die ihren vollständigen Namen aufgrund des laufenden »Ausleseverfahrens« nicht in der Zeitung lesen will.

Noch bis Freitag haben die Eltern Zeit für die Anmeldung, wobei sie hier drei »Wunschschulen« angeben dürfen. Vor allem in kinderreichen Bezirken wie Pankow, Lichtenberg oder Friedrichshain-Kreuzberg ist die Unsicherheit aber groß, ob das Kind auch wirklich an einer der drei Schulen angenommen wird. Es mangelt schlicht an Plätzen, zumindest an den »Wunschschulen«, den Gymnasien, Sekundarschulen mit gymnasialer Oberstufe und Gemeinschaftsschulen in Wohnortnähe und mit vermeintlich oder tatsächlich »gutem« Ruf.

Konkret läuft das Vergabeverfahren so: Bis zu zehn Prozent der Plätze sind für Härtefälle und Kinder mit Geschwistern an der jeweiligen Schule reserviert. Mindestens 60 Prozent werden nach den individuellen Aufnahmekriterien der Schule vergeben. Das ist in der Regel der Notendurchschnitt, der aus dem Zeugnis des zweiten Halbjahres der 5. Klasse und des ersten Halbjahres der 6. Klasse gebildet wird. Die restlichen 30 Prozent werden schließlich verlost.

Und wer Lospech hat? Der bekommt eine andere Schule zugewiesen, mitunter weit weg, mitunter eine mit einem »schlechten« Ruf. Eben eine, auf der mangels Nachfrage noch Plätze frei sind. Genau davor graut vielen Eltern und Kindern.

Norman Heise, Vorsitzender des Berliner Landeselternausschusses, kennt die Furcht: »Wir teilen die Elternsorgen. Wir sind selbst Eltern, die von dem Verfahren betroffen waren beziehungsweise sein werden.« Heise empfiehlt Eltern, sich rechtzeitig mit dem Thema zu befassen, vor allem aber »nicht drei übernachgefragte Schulen als Wunschschulen auszuwählen«. Aber was tun, wenn wie bei Christine N. und ihrem Sohn nahezu alle Schulen im näheren Umkreis übernachgefragt sind, weil es in dem bei Familien beliebten Stadtteil viel zu viele Sechstklässler für viel zu wenige 7. Klassen gibt?

Das gesamte Verfahren sorgt seit Jahren für Diskussionsstoff - und für gut besuchte Tage der offenen Tür an den begehrten Schulen. »Im letzten Jahr waren wir an drei bis vier Schulen an einem Tag der offenen Tür, in diesem Jahr noch einmal bei drei«: Christine N. sagt, schon das sei »Stress pur« gewesen, für alle Beteiligten. Sie erzählt auch von teilweise skurrilen Szenen, die sie auf diesen »Schulcastings« erlebt hat. Etwa von aggressiven Eltern, die bei der Gelegenheit versucht haben, »sich an bestimmte Lehrer ranzuwanzen«, um ein »gutes Standing« für ihr Kind zu bekommen: »Da krieg ich Brechreiz.«

Dabei gibt sie selbst zu, dass es ihr im Nachhinein unangenehm ist, »dass ich meinen Sohn im letzten Jahr so getriezt habe«: »Ich habe ja schon Panik bekommen, wenn er mit einer 2 nach Hause gekommen ist.« Mitunter hat die berufstätige Mutter extra von zu Hause aus gearbeitet, um ihren Sohn bei der Vorbereitung von wichtigen Arbeiten und Präsentationen zu unterstützen. Nicht zuletzt kritisiert die Angestellte, »dass jetzt schon Fünft- und Sechstklässler unter einem krassen Leistungsdruck stehen«.

Im Haus von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sieht man die Sache demonstrativ entspannt. »Die allermeisten Schüler erhalten einen Platz an ihren Wunschschulen. Es besteht kein akuter Änderungsbedarf«, teilt Scheeres’ Sprecher Martin Klesmann auf »nd«-Anfrage mit. Tatsächlich hatten im letzten Jahr rund 23 000 der damals insgesamt 25 500 Sechstklässler einen Platz an einer der drei Wunschschulen erhalten, das waren immerhin 90,1 Prozent. Auf der anderen Seite heißt das aber: Gut 2550 Kinder gingen in Berlin zunächst leer aus. Sie bekamen eine »Empfehlung« für eine andere Schule.

Bis zur Schulreform vor zehn Jahren galt in Berlin das Wohnortprinzip. Ob ein Schüler aufgenommen wurde oder nicht, hing vor allem von der Erreichbarkeit der Schule ab. Auch damit war niemand sonderlich glücklich. Seither gilt - zumindest theoretisch - das Wunschschulenprinzip.

Norman Heise vom Landeselternausschuss erinnert daran, dass seine Interessenvertretung »seinerzeit bei der Neueinführung des Verfahrens aktiv dabei« war und »sich am Ende nicht dagegen ausgesprochen« hat. Auch Heise stellt jedoch klar: »Es gibt derzeit aus unserer Sicht keine Alternativen, die nicht negative Effekte in unterschiedlicher Hinsicht mit sich bringen würden.«

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