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Masern

Volksgesundheitspopulismus

Das nun in Kraft tretende Maserngesetz als politisches Sittenbild.

Von Irene Poczka

Die berechtigte Sorge um den Coronavirus lässt heute die Aufregung schon wieder vergessen, die vergangenes Jahr einige Hundert Masernfälle in Deutschland nach sich zogen. Doch tritt zum 1. März als deren Folge ein neues Gesetz in Kraft: Kinder, die älter als ein Jahr sind, müssen gegen Masern geimpft sein, wenn sie in eine Schule, eine Kita oder anderweitige Tagesbetreuung gehen. Gleiches gilt für das dortige Personal. Beschlossen wurde das im November 2019 - und die im Dezember von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichten Zahlen, nach denen die Masern 2018 weltweit 140 000 Leben forderten, erschienen als nachträgliche Bestätigung. Dennoch zielt das Gesetz am Problem vorbei.

Das liegt an einer populären Grundthese, die sich durch die Medienberichte und die parlamentarischen Diskussionen zu dem Gesetz zieht - und sich am Ende sogar in dessen offizieller Begründung findet: Schuld an jener Masernhäufung sei das Aufleben einer irrationalen, esoterischen Impfkritik gewesen, die zu viele Eltern davon abhalte, ihre Kinder immunisieren zu lassen. Dies scheint irgendwie nahezuliegen und lässt sich in Talkshows auch bestens skandalisieren - nicht aber seriös begründen. Die Verengung der Diskussion auf die vermeintliche Impffaulheit postmodern versponnener Eltern zielt am Problem vorbei.

Denn tatsächlich steigt hierzulande die Beteiligung an der ersten Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) bei Kleinkindern seit 2004 kontinuierlich. Sie liegt laut Robert-Koch-Institut bei über 97 Prozent. Die WHO geht davon aus, dass 95 Prozent einer Bevölkerung geimpft sein müssen, damit der Masernvirus »eliminiert« wird: Es waren auch ohne die nun in Kraft gesetzte Quasiimpfpflicht ausreichend viele Eltern kleiner Kinder vom Sinn der MMR überzeugt.

Das wirkliche Problem liegt anderswo: Nach jüngeren Erkenntnissen reicht diese erste Impfung nicht, um sicher vor Masern zu schützen. Gerade bei der nötigen zweiten Impfung steigt die Quote bei Kleinkindern aber nur noch langsam oder stagniert. 2017 hatten je nach Bundesland nur 92 bis 95 Prozent der Kinder bei Schuleintritt diese zweite Impfung erhalten - was sich kaum auf eine generelle Impfabstinenz von Eltern zurückführen lässt.

Und auch der Blick auf die tatsächlichen Erkrankungen widerlegt die These, jene unverantwortliche Impfabstinenz der Eltern von Kleinkindern, der das Gesetz nun symbolisch entgegentritt, sei der Kern des Problems: Es gibt hierzulande immer wieder kleine Masernepidemien, doch seit 2006 sank die Zahl der jährlichen Fälle deutlich. 2015 war in Deutschland eine gewisse Ausnahme - doch das Jahr 2019, das dann zu dem Gesetz führte, zählte gerade nicht zu diesen Ausreißern. Darüber hinaus sind bei diesen sporadischen Ausbrüchen nur gut ein Drittel der Betroffenen Kinder unter 16 Jahren. Bei den Altersgruppen, die bei einer Maserninfektion am häufigsten - etwa zu 50 Prozent - hospitalisiert werden müssen, handelt es sich nicht nur um die Ein- bis Vierjährigen, sondern auch um die 20- bis 39-Jährigen.

Denn in dieser Altersgruppe der zwischen 1970 und 1980 Geborenen ist der Impfschutz oft lückenhaft. Den damaligen Empfehlungen folgend wurden sie, wenn überhaupt, nur einmal geimpft. Zu dieser Zeit glaubte man noch, dass eine Impfung ausreiche. Zugleich nahm durch die steigenden Impfquoten ab den 1970ern die Wahrscheinlichkeit ab, sich einmal im Leben tatsächlich mit Masern anzustecken oder durch den Kontakt mit dem Wildtyp des Virus eine natürliche »Auffrischung« zu erhalten. Die Immunität in der Gruppe der Erwachsenen nahm dadurch sukzessiv ab. Deshalb profitierten auch Neugeborene in den ersten Lebensmonaten nicht mehr so stark von der Immunität der Mütter. So entstanden sogenannte Impflücken. Genau in diesem Zeitraum hörten die Masern also auf, eine »Kinderkrankheit« zu sein. Es ist daher ein grober Fehler, sie weiterhin als solche zu bezeichnen und zu behandeln - und die Diskussion infolgedessen auf die Impfung von Kleinkindern einzuengen.

Viele heutige Erwachsene und Jugendliche haben als Kleinkinder nur eine Impfung erhalten und sind damit möglicherweise nicht geschützt. Sie bilden zusammen mit den noch ungeimpften Säuglingen und Kindern eine ausreichend große Gruppe, in der der Virus weiter zirkulieren kann. Dieses Problem ist nicht unbekannt: Die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts hat 2010 eine einmalige Impfung für nach 1970 Geborene empfohlen, bei denen der Impfschutz nicht dokumentiert ist - oder die als Kinder nur eine Masernimpfung erhalten haben. Aber wer weiß eigentlich von dieser Empfehlung?

Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Sommer 2012 kannten 81 Prozent der nach 1970 geborenen Befragten diese Masernimpfempfehlung für Erwachsene nicht. Sie wussten also nicht, dass gar nicht jene Anti-Impf-Esoterik das Problem ist, sondern womöglich sie selbst. Spätere Umfragen bestätigten das. Und doch sendet die Regierung mit ihrem Gesetz am Ende die Botschaft aus, es mangle nicht an Informationen und Aufklärung für alle, sondern nur an der Bereitschaft von Eltern, kleine Kinder zu impfen. So wurde vergangenes Jahr - wie schon 2015 - eine fachlich unangemessene, kampagnenförmige Aufregung über eine vermeintlich allerorten grassierende Impfabstinenz entfacht, die die Volksgesundheit gefährde.

Tatsächlich schuf man so nur eine enorme Aufmerksamkeit für ein bisher irrelevantes Randphänomen - und leistete demselben womöglich auch noch unfreiwillig Vorschub. Wann aber hat es eine ernsthafte Informationsoffensive zu den Masern gegeben? Seit 2012 sucht »Deutschland« auf den witzigen Plakaten der BZgA »den Impfpass«. Die Menschen schmunzeln: Stimmt ja eigentlich! Das war es dann aber im Wesentlichen mit dem Effekt. Jene großen, sich angeblich über Jahrzehnte erstreckenden staatlichen Herkulestaten zur Steigerung der Impfbereitschaft, von denen im Vorfeld des Maserngesetzes so vollmundig geredet wurde, haben nie stattgefunden.

Die meisten Erwachsenen in Deutschland - wenn sie nicht gerade Kinder bekommen haben -, denken generell selten über Impfungen nach und schon gar nicht über solche gegen vermeintliche »Kinderkrankheiten«. Die neue Impfpflicht wird sie darin nur bestätigen, weil sie sich auf Kleinkinder fokussiert. Hinzu kommt, dass Impfungen für Erwachsene, etwa vor Reisen, in einem von neoliberaler Rationalität geprägten Gesundheitsdiskurs, wenn überhaupt, als Frage des individuellen Lifestyles verhandelt werden. Solidarität mit denen, die aus irgendeinem Grund nicht von Impfungen profitieren können - weil sie etwa vergessliche oder auch impfskeptische Eltern haben -, spielt für diese Altersgruppe kaum eine Rolle.

Dass die Aufmerksamkeit für das Thema Impfungen mit dem Alter abnimmt, zeigt sich auch an den Versäumnissen bei der zweiten MMR bei Kindern. Offensichtlich sinkt das Dringlichkeitsgefühl nach der ersten Impfung, bietet diese doch vermutlich Schutz für eine gewisse Zeit. Auch die Kindermedizin drängt weniger stark auf jene zweite Impfung vor dem zweiten Geburtstag. Dabei ist diese hinsichtlich des Schutzes vor Masern, anders als viele denken, keine Auffrischung, die nur den Effekt der Erstimpfung verstärkt. Sie soll vielmehr sicherstellen, dass auch diejenigen immunisiert werden, bei denen die erste Impfung nicht zur Bildung von Antikörpern geführt hat. Denn je reifer ein Immunsystem ist, desto unwahrscheinlicher wird ein solches »Impfversagen«. Auch jene zwei bis fünf Prozent der Kinder, die bis zur zweiten Impfung ungeschützt bleiben, würden von immunisierten Erwachsenen profitieren. Immunität ist etwas Kollektives - und deswegen ist Solidarität gerade auch generationenübergreifend unabdingbar.

In Deutschland regieren aber traditionell eher individualistische Vorstellungen von Impfen und Immunität. Nach der Verabschiedung des Masernschutzgesetzes verlangte denn auch der Ethikrat aus rechtlichen Gründen einen Einzelimpfstoff gegen Masern. Sonst drohe das Gesetz, das ja das MMR-Paket vorschreibt, die bürgerliche Freiheit über Gebühr zu beschneiden! In der Tat fragt man sich angesichts dieser allgemeinen Fokussierung auf die Masern allmählich, wozu die Impfung gegen Mumps und Röteln überhaupt gut sein soll.

Vielleicht wäre jetzt eine gute Gelegenheit, darüber zu informieren, dass auch der Schutz vor Röteln und Mumps vor allem mit Blick auf spätere Schwangerschaften oder - bei Männern - die Zeugungsfähigkeit höchst wünschenswert ist. In Deutschland wissen die wenigsten, dass Mumpsinfektionen unter jungen Erwachsenen in Europa und den USA seit der Jahrtausendwende enorm zugenommen haben, nämlich um bis zu 600 Prozent. Aktuell erlebt Irland den seit Langem schwersten Mumpsausbruch mit über 1000 Fällen seit Jahresbeginn. Es wird in Fachkreisen bereits diskutiert, ob eine dritte MMR-Impfung für jene prekäre Altersgruppe der jüngeren Erwachsenen empfohlen werden sollte. Denn gegen Mumps haben erneute Impfungen tatsächlich einen Auffrischungseffekt.

Doch stimmt die deutsche Maserndebatte seit 2015 hinsichtlich der Umsetzung von Fachwissen nicht gerade optimistisch. Geht es so weiter, steht zu fürchten, dass man auch bei Mumps zunächst untätig bleibt - um irgendwann mit gehörigem Schimpf auf wen auch immer eine separate Mumps-Pflichtimpfung an Berufsschulen und Unis einzuführen.

Rund 80 Prozent der Bevölkerung befürworten nach einer YouGov-Umfrage vom Herbst 2019 die Masern-Impfpflicht. Schon immer waren »Seuchen« hoch emotionales, politisch vielfach instrumentalisiertes Thema. Dass dabei aber noch heute wider besseres Wissen Halb- bis Viertelwahrheiten öffentlich breitgetreten werden, um Probleme einem Popanz zuzuschieben und dann Lösungen zu finden, die keine sind - das ist ein Sittenbild einer politischen Kultur, die weit weniger »aufgeklärt« ist, als sie behauptet.

Und damit zurück zum Coronavirus, der nunmehr die Republik zu erreichen scheint.