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Equal Care Day

Dran gedacht?

Sascha Verlan fordert am Equal Care Day eine gerechte Verteilung von Sorgearbeit in der Gesellschaft

Von Lena Fiedler

Was für Care-Arbeiten haben Sie heute schon erledigt?

Ich bin früh aufgestanden, habe meine Kinder geweckt und in die Schule verabschiedet. Und dann die kleinen Dinge zwischendurch, Spülmaschine ausräumen, überlegen, was ich später kochen könnte. Was bei diesen Routinen oft in den Hintergrund tritt ist die Selbstsorge.

Wo liegt da der Unterschied?

Der Begriff Care wird häufig mit Fürsorge übersetzt, das heißt, ich tue etwas für jemanden. Zu dem englischen Care-Begriff zählt aber auch die Selbstsorge. Ich muss mich zu allererst, wenn ich das kann, um mich selbst kümmern.

Welche Rolle spielt Care in unserem Wirtschaftssystem?

Care ist die Grundlage des Lebens. Wenn sich nicht ganz am Anfang des Lebens jemand um uns kümmert, würden wir gar nicht leben können. Und Care ist die Grundlage von Gesellschaft. In den Ursprüngen der Ökonomie ist die Sorge wesentlich: Zu schauen, wie man die Grundbedürfnisse des Menschen erfüllen kann. Wir haben inzwischen einen sehr verengten Blick auf Wirtschaft. Wir denken, sie müsste etwas mit Produktion oder Prozessoptimierung zu tun haben, und da lässt sich Care-Arbeit schwer einordnen. Man kann sein Kind nicht schneller erziehen oder jemanden schneller pflegen.

Welches Ziel verfolgen Sie mit den Equal Care Days?

Wir machen darauf aufmerksam, dass Sorgearbeit sehr einseitig und zulasten der Frauen organisiert wird. Wenn wir uns die Zahlen der beruflichen Care-Arbeit ansehen, dann haben wir einen Frauenanteil von 84 Prozent. Kürzlich hat das Bundesfamilienministerium ausgerechnet, dass der Care Gap in privaten Haushalten geringer ist, 52,4 Prozent. Doch hier geht es um die reine Zeit, die jemand mit einer Aufgabe verbringt. Viel wichtiger ist der Verantwortungsaspekt, der sich in Zeit nicht umrechnen lässt: das Organisieren, Planen, Erinnern und Mitdenken. Das übernehmen in den meisten Familien Frauen.

Wie kommt das?

»Das war schon immer so« ist ein historisch nicht haltbares Argument. Die Archäologie ist dabei, die Zuschreibung von »der Jäger« und »die Sammlerin« zu überarbeiten. Die Aufteilung der Arbeiten nach Geschlecht scheint nie so strikt gewesen zu sein, wie sie heute gelebt wird. Das Ideal der Hausfrau wurde zum Ende des 19. Jahrhunderts entworfen. Die Frauen- und Emanzipationsbewegung hat sehr viel in der beruflichen Gleichstellung der Frauen erreicht. Die Care-Arbeiten mussten aber trotzdem gemacht werden. Werden die nicht auch zu gleichen Teilen von Männern übernommen, führt das zu einer Doppelbelastung der Frauen, die Haushalt und Berufstätigkeit vereinen müssen. Der Schlüssel liegt in einer fairen Verteilung, in der Männer wie Frauen zu gleichen Teilen Care- und Sorgearbeit und auch Verantwortung übernehmen.

In welchen Situationen fällt Ihnen der Care-Gap besonders auf?

Eigentlich immer. In der Krabbelgruppe meiner inzwischen erwachsenen Tochter war ich der einzige Vater. In der Familienumkleidekabine im Schwimmbad war es genauso. Wenn man in der Nachbarschaft darauf achtet, wer zu der kranken Nachbarin geht, sind das Frauen. Wer denkt im Büro daran, wenn Kolleg*innen Geburtstag haben? Wer kümmert sich um das Zwischenmenschliche?

Ich sehe den Care-Gap besonders an Weihnachten. Meine Brüder kommen immer erst, wenn der Tisch gedeckt ist. Ich möchte mich darüber beschweren, aber gleichzeitig das Weihnachtsfest nicht ruinieren.

Der Eklat ist nicht, es anzusprechen, sondern der Eklat ist eigentlich, dass es so abläuft. In dieser Situation greift eine Schuldumkehrung. Wenn Sie sich beschweren, ruinieren nicht Sie das Weihnachtsfest, sondern die Brüder, weil sie nicht mithelfen. Normalerweise wäre Verweigerung richtig, aber in diesem Fall ist es dann vielleicht die Mutter, die einspringt. Ich würde das Gespräch nicht direkt in der Situation suchen, sondern später. Wenn Männer dann anfangen zu diskutieren und sich zu rechtfertigen, ist es eigentlich schon gelaufen. Sie müssen die Bereitschaft mitbringen, zuzuhören und sich erklären zu lassen, wie die Situation für die beteiligten Frauen ist.

Gibt es ein überzeugendes Argument, das auch Männer dazu bewegen würde, sich für eine gerechtere Aufteilung der Care-Arbeit einzusetzen?

In Deutschland leben Männer im Durchschnitt fünf Jahre kürzer als Frauen. Das hat wenig mit Biologie, sondern mehr mit sozialen Prägungen zu tun: Risikobereitschaft, nicht auf die Signale des eigenen Körpers zu hören, zu spät zum Arzt zu gehen oder eigenes Unwohlsein wegzuwischen. Diese Verhaltensmuster sind sozial erlernt durch Sprüche wie: »Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.« Ein anderes Verhältnis der Männer zur Selbstsorge und Fürsorge würde ihnen faktisch Lebenszeit bringen.

Wie könnten wir Anreize schaffen, damit junge Männer ein persönlicheres Verhältnis zu Care-Arbeit und Pflege entwickeln?

Wir müssen in den Kinderzimmern ansetzen: Jungen bekommen im Durchschnitt mehr Taschengeld. Und Mädchen müssen im Durchschnitt sehr viel mehr im Haushalt helfen. Werbung, Spielwaren, Apps, Bücher, Filme und Computerspiele reproduzieren noch die Geschlechterunterschiede: Kümmern ist weiblich. Wenn ein Junge dennoch mit einer Puppe spielt, macht er die ersten Ausgrenzungserfahrungen. Das heißt, wir müssen viel früher ansetzen und die Jungen in ihrer Fürsorglichkeit und in ihrem Wunsch nach körperlicher und seelischer Unversehrtheit mitnehmen. Wir sollten unsere Gesellschaft so gestalten, dass es ein gleichberechtigtes Fürsorgen und Selbstsorgen geben kann.

Statt Arbeiten gerechter zu verteilen - könnte man sie nicht für alle verringern, zum Beispiel durch neue Technologien?

Die Hoffnung, dass Technik unsere gesellschaftlichen Probleme in den Griff kriegt, ist schon sehr alt. Gerade in der Pflege kommen sehr schnell komplizierte ethische Fragen mit ins Spiel: Was ist mit der Selbstbestimmung einer pflegebedürftigen Person, die heute mal nicht aufstehen oder gerade nicht essen will? Wie lässt sich programmieren, dass ein Pflegeroboter mit der nötigen Sensibilität verfährt? Und dann haben wir noch gar nicht die Frage gestellt, ob wir als Menschen tatsächlich gerne von Robotern gepflegt werden wollen. So sind wir wieder bei der Definition von Care im Sinne von: »Hauptsache satt und sauber.«

Können wir Care nicht auch als etwas anderes als Arbeitsbelastung auffassen?

Ich kann da aus eigener Erfahrung nur sagen, dass sowohl meine Zeit als Zivildienstleistender in einer Pflegeeinrichtung als auch die Zeit als 50/50-Vater prägend war. Aber da kommen wir in dem Diskurs gar nicht mehr hin, weil es primär um Pflege als Problem geht: Pflegenotstand, Finanzierbarkeit und Fachkräftemangel. Die Pflege anderer Menschen kann persönlich gewinnbringend sein, als Gewinn an Persönlichkeit, an Entwicklung und Beziehung.

Bin ich Teil des Problems, wenn ich eine*n Babysitter*in einstelle?

Es ist ganz wichtig zu betonen, dass wir alle in diesem System leben. Wenn Sie jetzt die Babysitterin nicht in Anspruch nehmen, werden sich die Verhältnisse nicht ändern. Das ist eine Individualisierung des Problems, wo es eigentlich um gesellschaftliche Veränderungen geht. Durch die finanzielle Geringschätzung von Care-Arbeit lohnt es häufig, die Erziehungsarbeit outzusourcen. So funktioniert das System, und wir profitieren als Individuen. Wichtig ist, dass sich die größeren politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ändern.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat das Triple-Win Projekt initiiert, mit dem Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben werden, die keinen Job haben. Das klingt doch super, oder?

Wenn wir Care-Arbeit auslagern, dann meistens an Frauen mit Migrationsgeschichte. Diese ganzen Pflegelösungen basieren darauf, dass wir Arbeitskräfte holen, die dann in ihren Herkunftsländern eine Lücke hinterlassen. Klassisches Beispiel wäre eine polnische Frau, die hier herkommt und sich drei Monate um eine pflegebedürftige Person kümmert. Sie selbst aber hat eigentlich auch Verpflichtungen, die sie für drei Monate nicht leisten kann. Das heißt, sie ist gezwungen, ihre eigenen Pflegeaufgaben dann an eine rumänische oder ukrainische Frau zu übertragen. So entstehen Care-Chains.

Wie könnte ein reformiertes Care-System aussehen?

Das Konzept des Equal Care Days basiert darauf, das komplexe Feld der Care-Arbeit zusammenzudenken. Die sozial-gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen sich verändern, besonders im Bereich des Ehegattensplittings und der Familienversicherung. Für uns ist zentral, dass wir gesellschaftlich anerkennen, dass Sorgearbeit die Grundlage von Leben und Gesellschaft ist. Das ist nicht verhandelbar. Das lässt sich nicht über eine Pauschale abrechnen. Und wir müssen uns bewusst werden, dass nur eine faire Verteilung der Sorgearbeit in den anderen Bereichen des gesellschaftlichen und individuellen Lebens zu Gleichberechtigung führen kann. Wenn wir auf dieser Grundlage ins Gespräch kommen, wäre es interessant, Care-Arbeit vom Ideal her zu betrachten. Also nicht einfach zu schauen, was machbar und finanzierbar ist. Sondern: Was wünschen wir uns?

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