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Coronavirus

Viel Wissen und doch zu wenig

Wie gefährlich ist das Coronavirus? Täglich ändern sich die Einschätzungen.

Von Steffen Schmidt

Schaut man in älteren medizinischen Lexika nach, dann findet man dort Coronaviren hauptsächlich als Erreger von Krankheiten bei Tieren. Beim Menschen traten lange Zeit nur einige dieser Viren in Aktion, die harmlose Erkältungen auslösten. Das änderte sich schlagartig 2002 mit Sars. Die Abkürzung steht für »severe acute respiratory syndrome« - deutsch: Schweres Akutes Atemwegssyndrom. Die Krankheit breitete sich innerhalb weniger Wochen von Südchina über nahezu alle Kontinente aus. Von insgesamt etwa 8000 Infizierten starben 774 Menschen. Das damals grassierende Virus Sars-CoV war anscheinend weniger ansteckend als etwa Grippeviren. Zum Vergleich: Allein in Deutschland infizierten sich in der Grippewelle 2017/18 etwa 18.000 Menschen, 1674 starben daran.

Bei der Ende 2019 in der zentralchinesischen Provinz Wuhan ausgebrochenen Covid-19 genannten Lungenkrankheit ist anscheinend ein deutlich ansteckenderes Virus am Werk. Der Sars-CoV 2 getaufte Erreger hat inzwischen mehr als 80.000 Menschen weltweit angesteckt, 78 000 davon in China (aktuelle Zahlen: www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/situation-reports/). Überdies, so hieß es am Donnerstag aus dem Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, ist Covid-19 offenbar tödlicher als die Grippe. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Grippe zu sterben, liege bei 0,1 bis 0,2 Prozent, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler. Nach den bisher bekannten Zahlen liegt die Rate beim Virus Sars-CoV-2 fast zehnmal so hoch - bei ein bis zwei Prozent. 80 Prozent der Infizierten hätten nur milde Symptome, doch 15 Prozent erkrankten schwer.

Allerdings sind derartige Vergleiche mit Vorsicht zu genießen, denn zum einen ist die Zahl der tatsächlich mit Sars-CoV 2 Infizierten wahrscheinlich höher als die gemeldeten Fälle, da viele Patienten mit milden Symptomen gar nicht erfasst werden. Zum anderen sind die Zahlen zur Grippe aus den gleichen Gründen ebenfalls nur bedingt verlässlich. Letztlich wird nur ein Teil sowohl der Infizierten als auch der Verstorbenen tatsächlich auf Grippeviren gestestet.

Was Sars-CoV 2 womöglich ansteckender macht als den alten Sars-Erreger und den verwandten, 2012 im Nahen Osten aufgetauchten Mers-Erreger, ist sein Verhalten im infizierten Körper. Sars-CoV 2 kann sich anders als die Sars- und Mers-Erreger nicht nur in den unteren Atemwegen vermehren, sondern bereits im Rachenraum. Das hat zur Folge, dass Menschen bereits andere anstecken können, wenn sie selbst noch gar keine Erkrankungssymptome spüren. Ein Fall in Japan legt zudem nahe, dass man mit einer überstandenen Infektion keine dauerhafte Immunität erwirbt. Wie der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité dem Sender NDR Info sagte, ist die Ansteckungsgefahr für Personen aus dem weiteren Umfeld von Infizierten bei dem Sars-CoV-2-Virus aber wahrscheinlich etwas niedriger als bei einer Grippe-Pandemie.

Wirklich überraschend ist am aktuellen Ausbruch wohl nur der Zeitpunkt. Bereits vor einem Jahr haben chinesische Wissenschaftler eindringlich vor dem möglichen Auftauchen eines neuen Coronavirus gewarnt. Es sei »höchst wahrscheinlich«, dass der Erreger wieder von Fledermäusen ausgehen werde. »Und es gibt eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass es in China passiert«, hieß es in der Studie, die im März 2019 im Fachjournal »Viruses« veröffentlicht wurde. Denn 22 der 38 damals bekannten Coronaviren wurden in China bei Fledermäusen und andern Tieren identifiziert. Die Autoren sind vier Forscher des Instituts für Virologie in der heute schwer von der Covid-19 genannten Lungenkrankheit betroffenen Metropole Wuhan und der Universität der chinesischen Akademie der Wissenschaften.

Die Warnungen wurden nicht gehört. Auch nach der Sars-Epidemie 2002/2003 blühte der Wildtierhandel im Land weiter. Wie bei Sars wird auch bei Covid-19 davon ausgegangen, dass der Erreger auf einem Wildtiermarkt auf den Menschen übersprang. Welche Tierart als Zwischenwirt zwischen Fledermaus und Mensch fungierte, ist bisher unklar. Ein direkter Übergang von Fledermäusen auf den Menschen gilt als unwahrscheinlich.

Inzwischen wurden in China Jagd, Handel und Verzehr von wilden Tieren verboten. Die Verfügung erstreckt sich auch auf wilde Tiere, die gezüchtet oder in Gefangenschaft gehalten werden. Es ist innerhalb von nur 30 Jahren der dritte tierische Krankheitserreger, der auf den Menschen übergesprungen ist. Drei US-Virologen warnen deshalb im Fachblatt »New England Journal of Medicine«, dass uns wir angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung und der extremen genetischen Wandlungsfähigkeit vieler Viren wohl auf das neuerliche Auftauchen bisher unbekannter Erreger einstellen müssen.