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Geld und Kommunismus

Was sich Hermann Hesse und seine Söhne Bruno und Heiner in Briefen schrieben

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 5 Min.

Im April 1918 endet Hermann Hesses Arbeit bei der Kriegsgefangenenfürsorge in Bern, einen Monat später ist er schon in Montagnola im Tessin, auf der Südseite der Alpen. Er mietet in der Casa Camuzzi vier Räume, seinen Schreibtisch und die Bücher lässt er sich nachschicken. Zurück bleiben dunkle Erinnerungen, seine Frau Mia und die drei Söhne Bruno, Heiner und Martin. Hesse will im Süden neu beginnen, denn: »Es war mir klar geworden, dass es moralisch nur noch eine Existenzmöglichkeit für mich gab: meine literarische Arbeit allem anderen voranzustellen, nur noch in ihr zu leben und weder den Zusammenbruch der Familie noch die schwere Geldsorge, noch irgend eine andre Rücksicht mehr ernst zu nehmen.«

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Michael Limberg (Hg.): Hermann Hesse. Briefwechsel mit seinen Söhnen Bruno und Heiner.
Suhrkamp, 331 S., geb., 34 €.

Und die drei Söhne? Sie bleiben vorerst bei der Mutter, doch die erleidet eine Reihe schwerer psychischer Zusammenbrüche, wird Jahre in psychiatrischen Anstalten verbringen. Die Söhne werden verteilt, Bruno (geboren 1905) wird vom Maler Cuno Amiet aufgenommen, Heiner (geboren 1909) erleidet eine Odyssee durch Kinderheime, und Martin (geboren 1911) kommt in die Familie des Landarztes Ernst Ringier.

Ist Hermann Hesse ein egoistischer Rabenvater? Ja und nein. Er will allein leben, doch das fällt dem dreifachen Familienvater etwas spät ein. Aber er versucht wenigstens aus der Distanz, ein guter, sich um seine Söhne sorgender Vater zu sein. Davon zeugt der Briefwechsel Hermann Hesses mit Bruno und Heiner, den Michael Limberg mit den Hesse-Enkeln Silver und Simon herausgegeben hat. 680 Briefe schrieb Bruno seinem Vater und Heiner 567! Da konnte und wollte man offenbar nur auswählen. Eine separate Publikation des fast 1000-seitigen Briefwechsels Martins mit seinem Vater steht noch aus.

In den Briefen stellt sich Hesse auch der Orientierungslosigkeit und Aggressivität seiner Söhne, die sich - nicht zu Unrecht - als Opfer dessen schriftstellerischer Mission sehen. Besonders Heiner will nicht Harmonie zeigen, wo sie nicht ist. Und so haben wir teil an den Kämpfen, die Hermann Hesse mit seinem mittleren Sohn Heiner auszufechten hat, ebenso an seinen Versuchen, seinem ältesten Sohn Bruno, der Maler werden will, aber an sich zweifelt, Mut zuzusprechen. Der begabteste unter den Söhnen, Martin, der jüngste, der Fotograf werden wird (die großartigen Porträts Hesses sind von ihm), ist zugleich der psychisch instabilste - er nimmt sich 1968 das Leben.

Hesse ringt in seinen Briefen um die Zuneigung der Söhne. Er will sie nicht verlieren, widmet ihnen viel Aufmerksamkeit in der Sphäre, in der er sich sicher fühlt: dem Schreiben. Heiner scheint tatsächlich renitent. Der Fünfzehnjährige schreibt dem Vater: »Dass ich zu Dir trotz vielem weniger Liebe zeige als zu Mutti, weißt Du und begreifst Du auch.« Ihn würde er achten, die Mutter aber lieben. Hesse reagiert souverän: »Ich danke dir für deinen Brief, der trotz einiger Heftigkeiten mich freut und mir lieb ist. Aber schau, gerade zwischen Menschen, deren Verhältnis etwas schwierig ist, erleichtert Höflichkeit und Rücksicht alles sehr!«

Hesse also gibt Geld und gute Ratschläge. Bruno, der Zweifler, der sich eher zum Handwerk (dem Rahmenmachen) als zur Kunst hingezogen fühlt, ist dankbar für seine Zuwendung. Als Hesse sich 1932 die Casa rossa von seinem Mäzen H. C. Bodmer bauen lässt, verreist er und überlässt Bruno die Aufsicht über den Bau. Heiner aber nimmt kein Blatt vor den Mund, bescheinigt dem Vater, »dieses gutbürgerliche Haus (Villa)« habe auf ihn »niederdrückender als gröbster Snobismus« gewirkt. Noch stärker aber trifft es Hesse, dass Heiner etwas über »magische Spielereien à la Steppenwolf« schreibt, und jetzt reagiert er ungewöhnlich scharf: »Noch ein Wort mehr, dann bin ich fertig und nicht mehr für dich zu sprechen.« Und weiter: »Ich mag nicht gern zu den von dir verachteten Bourgeois gehören, über die du Witze machst, während du sie anpumpst. Es ist nun bald soweit, dass ich es zwischen uns zum Brechen kommen lasse.« Aber dazu kommt es nicht, Heiner entschuldigt sich, auch damit, dass er »in einer etwas unkultivierten Gesellschaft verkehre«.

Noch mehrmals revoltiert er gegen den Vater. Schon vor dieser verdienstvollen Briefausgabe war der Brief Hermann Hesses über den Kommunismus bekannt gewesen. Nun kann man ihn innerhalb der Dramatik der Vater-Sohn-Gespräche lesen. Am 10. Juli 1932 geschrieben, offenbart sich hier der Grunddissens zwischen Hermann Hesse und seinem Sohn Heiner, der inzwischen statt Schaufenstern im Zürcher Kaufhaus Jelmoli Versammlungsräume der Kommunistischen Partei dekoriert.

Man streitet heftig. Heiner: »Auch bei den radikalsten Revolutionären sind Leute von ruhigstem und positivem Charakter tätig: Menschen. Nicht Schwärmer, nicht rohe Krieger, nicht Lügner.« Hesse antwortet, diese Ansicht teile er; auch unter seinen Freunden seien Kommunisten. Aber die entscheidende Frage, die man sich in Sachen Kommunismus stellen müsse, sei, wie man zur Revolution stehe. »Kann ich Ja dazu sagen, dass Menschen totgeschlagen werden, damit andere Menschen es dann vielleicht etwas besser haben?« Für ihn sei die Antwort klar: »Ich gestehe mir das Recht zur Revolution und zum Totschlag nicht zu.« Ein dramatischer Familiendiskurs über die Grundfragen der Zeit, zu dessen moralischer Größe auf allen Seiten gehört, dass er - obwohl die Gefahr mehrfach bestand - von keiner Seite aufgekündigt wurde.

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