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Ach, wäre er doch zum Arzt gegangen

Von Donald Trumps Wahl bis hin zum Impeachment - eine Bestandsaufnahme von Philip Rucker und Carol Leonnig

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Nicht erst seit dem gescheiterten Amtsenthebungsverfahren könnte man fragen, welchen Sinn es noch hat, weiter Enthüllungsbücher über Donald Trump zu veröffentlichen. Der Präsident überquert mehrmals am Tag den Rubikon, auch wenn er nicht weiß, wo der liegt. Er lässt heute einen iranischen General ermorden und glaubt morgen den Beteuerungen des saudischen Kronprinzen, der habe nichts mit der Ermordung eines Journalisten zu tun. Er verkündet seine Vision für den Nahen Osten, die einen denken lässt: »Ach, wäre er doch zum Arzt gegangen«, und hebt bald darauf für die USA das internationale Verbot für Landminen auf. Er reiht Lüge an Prahlerei und Machtmissbrauch - doch am Ende kann ihm keiner.

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Philip Rucker/Carol Leonnig: Trump gegen die Demokratie. »A Very Stable Genius«.
A. d. Amerik. v. Martin Bayer u. a. S. Fischer, 560 S., geb., 22 €.

Auch der erfahrene Botschafter Ihrer Majestät in Washington, Sir Kim Darroch, nicht. Von ihm waren im Sommer vergangenen Jahres mehrere Informationen an seine Regierung in London mit Einschätzungen zu Trumps Person und Politik durchgestochen worden. Sie hatten es in sich, weil sie - nicht für die Öffentlichkeit bestimmt - Klartext redeten. Sir Kim berichtete, Trumps Washington zeige sich »einzigartig dysfunktional, inkompetent, unberechenbar, in Fraktionen gespalten, diplomatisch ungeschickt und taktlos, unfähig«. Chaos sei »die einzige Konstante in Trumps Außenpolitik«. Und: »Die Geschichten über die bis aufs Messer geführten Intrigen sind nach unserer Einschätzung mehrheitlich zutreffend. Dafür gibt es zahlreiche Quellen und Bestätigungen durch unsere Kontakte im Weißen Haus.«

Bereits 2017 hatte der Botschafter zur Untersuchung von Sonderermittler Robert Mueller im Hinblick auf eine Koordinierung zwischen Trump und Russland geschrieben, man könne »das Schlimmste nicht ausschließen«. Doch schon da ließ er seine Empfänger wissen, dass er auf den Sturz des Präsidenten »nicht wetten« würde: »Trump hat sein ganzes Leben mehr oder weniger in Skandalen gesteckt und ist jedes Mal durchgekommen. Er scheint unkaputtbar zu sein.« Der Diplomat bezahlte seinen Realismus mit der Abberufung aus Washington.

Von abgeklärten Beobachtungen am Hofe des autokratischen Präsidenten lebt auch das Buch der beiden Pulitzer-Preisträger der »Washington Post«. Philip Rucker und Carol Leonnig sind damit mitten ins Schauspiel des Impeachment-Verfahrens im Kongress geraten. Das kann sie nicht überrascht haben, denn es war im Grunde die Folge dessen, was die beiden Autoren umfänglich recherchiert hatten.

Ihr aus Interviews mit über 200 Insidern entstandener Bericht ist eine Bestandsaufnahme der bisherigen Amtszeit von Trump. Die Autoren wollten Trump ungefiltert porträtieren: »Wir beschreiben ihn als handelnde Person, in Aktion, anstatt den Lesern zu sagen, was von ihm zu halten ist. Diese Szenen beruhen auf Darstellungen aus erster Hand und wurden, wo immer dies möglich war, durch eine Vielzahl von Informanten bestätigt.« Mit ihrem Ehrgeiz haben sie manch neues Licht auf Vorgänge geworfen und manche Eigenheit des Präsidenten stärker herausgearbeitet - sein Amtsverständnis und seine historische wie geografische Ahnungslosigkeit, seine Geringschätzung für Recht und Gesetzlichkeit sowie seine Bewunderung für Diktatoren aller Couleur, seine persönlichen Unsicherheiten bei gleichzeitig grenzenloser, ichbezogener Machtbesessenheit.

Dieses Buch weist Ähnlichkeiten auf mit Michael Wolffs »Feuer und Zorn«, ist aber von größerer Materialdichte und Sachlichkeit und von weniger Aufgeregtheit und Sensationslust. Für den Leser bedeutet das etwas weniger Hype und mehr intellektuelle Herausforderung.

Der Untertitel greift Trumps eigene Worte auf und Diskussionen, die mit seinem Amtsantritt immer lebhafter wurden: Debatten über seine Eignung als Präsident. Anfang Januar 2018 reagierte er darauf, wie fast immer per Tweet und noch vor Sonnenaufgang. »Die beiden größten Aktivposten in meinem ganzen Leben waren geistige Stabilität und wirklich schlau sein«, twitterte er und ging in bis heute anhaltender Besessenheit auf seine Rivalin ein: »Die betrügerische Hillary Clinton setzte auch sehr stark auf diese Karten und ging, wie jedermann weiß, damit unter. Ich wurde vom SEHR erfolgreichen Geschäftsmann zum Top-Fernsehstar und dann zum Präsidenten der Vereinigten Staaten (beim ersten Versuch). Ich meine, damit kann man nicht nur als schlau, sondern als Genie gelten … und als sehr stabiles Genie obendrein!«

Ein Staatsoberhaupt, das mit solcher Ansage, frei von jeder Selbstironie, an die Öffentlichkeit geht, kann bei seiner Bevölkerung nur Irritation, bei Gegnern und Feinden dagegen nur Belustigung, ja Begeisterung wecken. Das erklärt auch, warum das Magazin »Politico« kurz vor Erscheinen des Buches von Rucker und Leonnig notierte: »Es gibt eine Sache, die der Kreml sogar noch mehr wünscht, als Chaos in den USA anzurichten: Trump im Weißen Haus zu halten.«

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