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Die Frage nach den Anfängen

Wolfram Adolphi hat seine Trilogie über die Geschichte einer Familie vollendet

  • Von Klaus Weber
  • Lesedauer: 4 Min.

»Die Frage, wie man die Anfänge des Faschismus damals als Anfänge erkennen konnte - und ob und wie man heutige Anfänge erkennen kann«, ist Leitmotiv der autobiografischen Trilogie von Wolfram Adolphi. Hätte Jakobs Großvater Hartenstein erkennen können (und müssen), welche verbrecherische Funktion er in Auschwitz-Monowitz als Ingenieur der IG Farben innehatte? Und hätte er sich verweigern können? Ist Gleichgültigkeit nicht bereits ein Unrecht, dem noch grausamere und unmenschlichere Ungerechtigkeiten folgen?

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Wolfram Adolphi: Hartenstein, Bd. 3.
Nora, 494 S., geb., 29 €; Bd. 1 bis 3: 77 €.

Zu Recht wird darüber geklagt, dass in der deutschen Literatur kaum über die - wie Marx und Engels es ausdrücken - »wirklich existierenden, tätigen Menschen« geschrieben wird, über ihre Lebensverhältnisse und die damit verbundenen Probleme, Widersprüche, Ängste, aber auch die Freuden und Hoffnungen. Adolphis drei Bände sind in diesen Zeiten die große Ausnahme: Sie reflektieren das reale Leben von Menschen vor, während und nach der Nazizeit, im deutschen Kaiserreich, in der Hitlerdiktatur, in der alten Bundesrepublik und in der DDR. Sie zeigen, wie das jeweilige »kleine Leben« mit den großen Weltzusammenhängen verknüpft ist.

Im nun erschienenen dritten Band geht es um den Enkel des berühmten Ingenieurs Hartenstein, der sich nach 1945 aktiv und bewusst beteiligte am Aufbau der verfahrenstechnischen Wissenschaft in der DDR, die er nunmehr als »seinen Staat« begreift. Jakob wächst im sozialistischen Deutschland auf und startet eine wissenschaftliche Karriere als Asienexperte der DDR. Dem Leser - vor allem dem westdeutschen - wird deutlich, wie wenig er vom »Osten« schlechthin weiß, nicht nur von der DDR. Wem ist bekannt, dass die Japaner bis 1938 in einem vom westlichen Kapital geduldeten Krieg 250 000 Chinesen abschlachteten? Wer weiß etwas über die China-Politik der Nazis?

Eher dürfte geläufig sein, dass elf Jahre nach der militärischen Zerschlagung des NS-Reiches kommunistische Widerstandskämpfer erleben mussten, dass ihre Partei erneut verboten wurde - vom angeblich demokratischen Rechtsstaat BRD. Dass viele Kommunisten unter dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer wieder in Gefängnissen saßen. All diese Fakten flicht Adolphi in die Diskussionen ein, die Hartensteins Enkel mit verschiedenen Menschen führt die seinen Weg kreuzen: mit einer Überlebenden des Nazi-Terrors, mit einer linksradikalen westdeutschen Freundin Jocelyn, mit Milena, der Enkelin eines von den Faschisten gequälten Juden, mit jungen westdeutschen Ignoranten, die Jakobs kritischer Stadtführung in Potsdam nichts abgewinnen können und auf dem Standpunkt beharren, dass die Nazi-Tyrannei wie auch alle anderen Herrschaftsformen davor und danach quasi schicksalhaft über die Deutschen gekommen seien und diese sich einzurichten hatten in den gegebenen Verhältnissen.

Jakob glaubt nicht an das »Schicksal«, alle Verhältnisse sind menschengemacht. Was er schmerzhaft selbst erfährt, als die DDR von der Bundesrepublik geschluckt wird: Seine wissenschaftliche Karriere wird abrupt abgebrochen, seine beruflichen Perspektiven sind zerstört; seine Tätigkeit für die »Hauptverwaltung Aufklärung«, den DDR-Auslandsgeheimdienst HVA, in Japan, wird als Stasi-Spitzeltätigkeit denunziert - teils von den eigenen Genossen. Er muss seinen Posten als PDS-Vorsitzender und Abgeordneter im Stadtparlament räumen.

Adolphi berichtet, wie zielgerichtet und brutal zweit- und drittklassige Beamte, Wissenschaftler und Politiker aus dem Westen Deutschlands die wissenschaftlich-kulturellen, ökonomischen und staatlichen Institutionen in den sogenannten neuen Bundesländern okkupierten, die zuvor von Menschen mit sozialistischer oder kommunistischer Überzeugung gesäubert worden waren, und wie westdeutschen Unternehmen der Weg geebnet wurde für profitable »Investitionen«.

Im abschließenden dritten Band dieser Familiengeschichte nimmt Adolphi Max Horkheimers Aufsatz »Die Juden und Europa« von 1939 und Carl von Ossietzkys »Notate zum deutschen Faschismus« aus den Jahren 1932/33 in der »Weltbühne« mit auf. Sie sind eingeflochten in eine kontroverse Debatte mit Jocelyn, die die Demokratie bei Weitem nicht so gefährdet sieht wie Jakob. Hier wird der Zusammenhang zwischen Kapitalinteressen und faschistischer Politik damals wie heute verständlich gemacht.

Adolphis Hinweis, wie nötig das Bewusstsein des gemeinsamen Gescheitertseins und das Wissen um die Stärke des politischen Gegners ist, richtet sich nicht nur an die Leser, die die DDR erlebt haben, sondern sollte alle motivieren, die sich der Befreiungsarbeit tagtäglich widmen. Dieser Aufruf zeigt das aktivierende Widerspruchspotenzial, das die Hartenstein-Trilogie birgt. Es gilt, dieses Potenzial lesend zu bergen.

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