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Durch die Schweizer Nacht

Tod, Trauer und dunkle Sonnenbrillen: »Von schlechten Eltern«, der neue Roman von Tom Kummer

  • Von Stefanie Roenneke
  • Lesedauer: 3 Min.

»Die Nacht wird niemals enden«, sagt die Figur Emmanuelle Riva in »Hiroshima, mon amour«. Es ist ein Film über Liebe und Trauma, jene seelische Verletzung, die durch ein einschneidendes Ereignis hervorgerufen wird, eine Erfahrung der Beispiellosigkeit. Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen zu einer ganz eigenen Realität. Eine Kluft zum Jetzt entsteht.

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Tom Kummer: Von schlechten Eltern. Tropen, 256 S., geb., 22 €.

»Hiroshima, mon amour«, denkt der Protagonist Tom in Tom Kummers neuem Roman »Von schlechten Eltern«, wobei er den Film von Alain Resnais aus dem Jahr 1959 wie auch den Song von Ultravox von 1978 meint, zwei von vielen (pop)kulturellen Verweisen im Text. Tom sitzt nachts gedankenverloren am Steuer einer Limousine, im Fond eine Passagierin. »Die Nacht wird niemals enden«, das scheint auch für den Protagonisten zu gelten.

Tom ist der »Driver« und vor einem halben Jahr von Los Angeles nach Bern gezogen - Außenbezirk, Hochhaus, oberster Stock. Mit diesem Schritt hat er die Stadt des Lichts gegen die Schweizer Dunkelheit eingetauscht - das Einzige, was er an dem Land zu ertragen scheint. Er arbeitet nachts für einen merkwürdigen »Sonderservice für ausländische Diplomaten und Geschäftsleute« und schläft tagsüber in der abgedunkelten Wohnung. Am Tag läuft er, wenn überhaupt, nur mit einer breitrandigen Sonnenbrille herum - so »wie die Rentner in Palm Springs«. In solchen Momenten wird er oft von seinem jüngsten Sohn Vince begleitet, für den er sich um einen normalen Alltag bemüht: Frühstück, Abendbrot, ein paar wenige Ausflüge mit dem Rad. Der Älteste, Frank, blieb in Los Angeles.

Doch die Nacht überwiegt in Toms Leben - wie die Trauer um seine verstorbene Frau Nina. »Ich bin nicht krank. Ich existiere bloß im Zustand der Trauer«, diagnostiziert er. Dadurch mutiert die reiche Schweiz zu einem düsteren Ort: Hochhäuser wirken wie Grabstelen, Nebelbänke erscheinen wie Leichentücher, die Berge sind blutgetränkt, Menschen brennen, die Felder sind voller toter Tiere und die Seen mit Leichen angefüllt. Diese Sequenzen werden oft durch den Rhythmus der Straße ausgelöst, wenn eine »Verzerrung der Zeit« stattfindet, wie es einst Joan Didion für das Fahren auf dem Freeway in Los Angeles beschrieb.

Mit »Von schlechten Eltern« liefert Tom Kummer einen weiteren autobiografisch gefärbten Roman, der wie ein protokollhafter Epilog zu »Nina & Tom« von 2017 wirkt, aber leiser als gewohnt, manchmal sehr zart. Wie geht das Leben nach dem Tod eines geliebten Menschen weiter? Und das auch noch in der schrecklichen Schweiz? Das sind die Fragen, die sich durch das Buch ziehen wie die regelmäßige Nachtfahrt.

Weitere Handlungselemente wirken so, als könnten sie Botschaften beinhalten. Sie werden jedoch abgebrochen und dadurch nebensächlich. »Die Toten kehren zurück. Sie kontrollieren dein Leben«, denkt Tom während einer Fahrt. Sie kontrollieren auch den Erzähler: Es sind seine Frau und sein Vater, Erinnerungen und Traumbilder durchdringen die erzählte Zeit. Es gibt kein Zurück. Die rote Pille, die ihn in sein bisheriges Leben zurückkehren ließe, wirkt leider nicht. Nur ein »Snap out of it« - Reiß dich zusammen oder krieg dich wieder ein - seines ältesten Sohnes würde für den Moment helfen.

In Zeiten, in denen der Tod abgeschafft wird, widmet sich Tom Kummer der Trauer, diesem beispiellosen Sog. Es ist ein Roman, der beim Lesen vorbeifliegt wie der Mittelstreifen auf der Straße - schnell, flackernd, ganz nah.

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