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Kaffee, Kippe, Klo - los geht’s

»Psychogeografie« sammelt Beiträge über das zielgerichtete und ziellose Gehen und Beobachten in den Großstädten

  • Von Nadire Y. Biskin
  • Lesedauer: 4 Min.

Wenn Leser*innen sich nur anhand des Titels für oder gegen die Lektüre eines Buches entscheiden würden, hätte es die Anthologie »Psychogeografie« vermutlich schwer. Ein Kompositum, bestehend aus zwei Fachbegriffen, die sich - dem Zeitgeist entsprechend - mit »Kognitiv«‚ »Neuro« oder »Kartografie« ersetzen ließen, die zugleich alles und somit nichts bedeuten können, außer dass es vermutlich trocken und theoretisch zugeht. Doch nach dem Vorwort, das 27 Anmerkungen hat und in dem viel Namedropping betrieben wird, ist klar, dass die Herausgeberin Anneke Lubkowitz hier 18 Texte (und einen Auszug aus dem »Manifest für eine neue Kultur des Gehens«) versammelt hat, die vom urbanen Raum handeln und von Menschen, die sich darin bewegen.

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Anneke Lubkowitz (Hg.): Psychogeografie. Matthes & Seitz, 239 S., geb., 22 €.

Die meisten Texte sind erstmals aus dem Englischen oder Französischen übersetzt worden und schlagen einen Bogen von Paris über London und New York nach Berlin, von den 50er Jahren bis heute. Zu Beginn stehen zwei berühmte Texte von Guy Debord aus den 50er Jahren (»Einführung in eine Kritik der städtischen Geografie« und »Theorie des Umherschweifens«), in denen er für die Situationisten den Begriff der »Psychogeografie« entwickelt: Eine Erkundung im städtischen Raum, um zu ermitteln, inwieweit die »geografische Umwelt« das »Gefühlsverhalten des Individuums« beeinflusse.

Der »aktuelle Überfluss an Autos« dagegen war für ihn nichts anderes »als das Ergebnis der ständigen Propaganda, mit der die kapitalistische Produktion die Masse überzeugt«. Stattdessen forderte er dazu auf, »neue Wege in der Stadt zu gehen«, beispielsweise indem man Schnipsel des Pariser Stadtplans neu zusammensetzen sollte.

Mit den Prämissen des freien und unbekümmerten Bewegens des Flaneurs in der Stadt, was man durchaus als Privileg begreifen kann, beschäftigen sich zwei Texte von Garnette Cadogan und Aminatta Forna. Diese sind konkreter, berichten von persönlichen jahrelangen Erfahrungen und machen klar, dass Bewegungsfreiheit nichts Selbstverständliches ist und dass flanieren nur jene können, die sichtbar sind, wenn es um Anerkennung ihrer Bedürfnisse geht, und unsichtbar, wenn es um Demütigung geht.

Der Journalist Garnette Cadogan beschreibt in »Ein Schwarzer geht durch die Stadt« sein Leben erst in Jamaika und dann in den USA; wie für ihn als Kind die Straßen Kingstons ein Fluchtort vor häuslicher Gewalt waren und wie er später in den USA ständig verdächtigt wurde, Gewalt auszuüben und damit einhergehend Gewalt erfuhr.

Die Journalistin und Schriftstellerin Aminatta Forna berichtet in »Gehen und Macht« vom Gehen in der Stadt als Schwarze Frau im Allgemeinen und bezieht sich auf ihre diskriminierenden sowie solidarischen Erfahrungen in London und in ihrer Heimatstadt Freetown in Sierra Leone. Beide Autor*innen berichten, wie sie versuchen, sich durch die Wahl ihrer Kleidung in der Stadt freier zu bewegen.

Darüber hinaus gibt es Texte über verdrängte Orte von Fabian Saul und Grashina Gabelmann, den Chefredakteur*innen des »Flaneur Magazine«, sowie von Will Self, der eine psychogeografische Kolumne im »Independent« hatte. Er schreibt über den ersten, zu Fuß zurück gelegten Teil seiner Reise nach New York, die mit »Kaffee, Kippe, Klo« am 29. November 2006 um 7.30 Uhr beginnt.

Für Anneke Lubkowitz soll diese Anthologie den Versuch unternehmen, theoretische und literarische Texte in einen Dialog zu bringen. Diesen Versuch kann man als gelungen betrachten. Die Banalität des Beobachtens und Gehens wird hier Seite für Seite abgeschafft.

Ob man die theoretischen Beiträge unbedingt in allen Details lesen muss oder ein globales Lesen ausreicht, entscheidet jede*r für sich, denn an manchen Stellen klingen die Sätze zu mühsam und der Inhalt zu fantastisch.

Die Texte sind durchaus vielfältig in Form, Umfang oder Abstraktionsniveau. Anders sieht es mit den Autor*innen aus. Das gibt auch die Herausgeberin zu. Als wäre die »Psychogeografie« eine Art Bruderschaft, sind es nur ein Drittel der Texte, die von Frauen verfasst wurden. Angesichts des Themas und ihrer Historie ist dies vielleicht nicht überraschend.

Wünschenswert wären auch Texte über das Umherschweifen mit dem Auto, also das sogenannte Cruisen oder Flanieren als Transperson, als Hijabi - und über den Einfluss der neuen Medien wie des Smartphones auf das Phänomen des Gehens. Lesenswert ist die Anthologie allemal, für alle Menschen, die sich durch die Stadt bewegen und sich für den öffentlichen Raum interessieren. Nadire Y. Biskin

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