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Diese alles verschlingende, vollkommene Dunkelheit

Auf dem Weg ins Fegefeuer trifft der Komiker Stan Laurel den Kirchenheiligen Thomas von Aquin: »Picknick im Dunkeln« von Markus Orths

  • Von Werner Jung
  • Lesedauer: 3 Min.

Markus Orths, dieser Autor fürs Groteske und Skurrile, hat wieder zugeschlagen: diesmal mit einem Roman, der völlig im Dunkeln spielt und sich erst zum Ende hin ein ganz klein wenig lichtet. Und ich stelle mir vor, wie Orths mal mit einem sardonischen Grinsen, dann wieder mit diabolischem Gelächter an seinem Text gearbeitet hat.

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Markus Orths: Picknick im Dunkeln. Hanser, 240 S., geb., 22 €.

»Wohin er sich wandte, Stanley sah nichts. Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand und wie er hergekommen war, er kniff die Augen zusammen, als wollte er den Blick scharf stellen, aber alles, was er hätte sehen können, blieb bedeckt von äußerster Schwärze, so lichtlos, dicht und undurchdringlich, dass er das Gefühl hatte, er atme sie ein, die Finsternis, sie sickere allmählich von außen nach innen.« So beginnt alles. Stanley ist Stan Laurel, und schon bald trifft der Schauspieler einen zweiten Menschen in einem dieser finsteren Gänge. Nein, nicht Oliver Hardy, sondern einen anderen übergewichtigen Mann, der in die (Geistes-)Geschichte als der »stumme Ochse« eingegangen ist, nämlich den Kirchenheiligen Thomas von Aquin.

Nun inszeniert Orths unter Hinweisen auf die jeweiligen biografischen Besonderheiten ein raffiniertes Spiel, bei dem sich die beiden Protagonisten darum bemühen, dem jeweils anderen die Welt zu erklären. Das hat durchaus Witz. Der eine, der sich im Hochmittelalter damit plagt, Glauben und Wissen, Gott und die Vernunft mit Rückgriffen auf Aristoteles zu vermitteln; der andere, der als begnadeter Komiker und Schauspieler sein Publikum unterhalten möchte.

Beide begegnen sich - ja, wo? - auf dem Weg ins Fegefeuer. Zur Höchstform steigert sich Orths geradezu, wenn er den gelehrten Diskurs der beiden Helden von eher trauriger Gestalt, jedenfalls in ihren dunklen Höhlen und Tunneln, aufs basal Menschliche herunterformatiert. Jetzt zeigt sich schließlich auch der ausgebildete Philosoph Orths am Werk. Denn es geht um das Grundsätzliche, um dasjenige, was uns Menschen zusammenhalten könnte, philosophischer: was uns bestimmt.

Und da hat dann Stan vor dem ach so gelehrten Thomas die Nase vorn, wenn ihn Orths sagen lässt: »Vielleicht, Thomas, sind das alberne Lachen und der Glaube nur zwei Weisen, sich dem Unerklärlichen zu nähern. Sinnhaft und sinnentleert. Ihr Glaube zielt auf einen außer uns liegenden Sinn. Mein albernes Lachen zielt auf das in mir liegende Gefühl einer tief empfundenen Sinnlosigkeit. Die Sinnlosigkeit macht sich Luft im Unsinn. Und warum (…) könnten Sinn und Unsinn nicht Partner sein?« Thomas, der - wie viele Quellen bekunden - angeblich nie gelacht haben soll, er lernt das Lachen.

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