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Abwesende Anwesende

»Das Attentat von Sarajevo« - der lang verschollene Debütroman von Georges Perec ist übersetzt

  • Von Jonas Engelmann
  • Lesedauer: 5 Min.

»Es hatte schon etwas Komisches, nach Sarajevo zu fahren und ein Attentat zu begehen.« Georges Perecs liebeskranker Protagonist in seinem 1957 verfassten Debütroman »Das Attentat von Sarajevo« ist bereit, bis zum Äußersten zu gehen, doch produziert er schließlich das, was er am besten kann - Kunst: »Aus einem Winkel im Atelier zog ich eine leere Leinwand hervor, mischte die Farben und begann zu malen. Ich malte die ganze Nacht durch, tötete ohne Unterlass das stets gleiche Gesicht.«

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Georges Perec: Das Attentat von Sarajevo.
Übers. v. Jürgen Ritte. Diaphanes, 144 S., geb., 20 €.

Es ist das Gesicht seines Rivalen Branko, das er mit seiner Kunst töten will; seine Qualen und sein Leid verwandelt er in Kreativität. Der junge namenlose Student aus Paris war eigens nach Belgrad gereist, mit dem Ziel, seine Angebetete Mila zu erobern und sie Branko auszuspannen - erfolglos: »Ich hatte knapp verloren: Branko würde die Nacht mit Mila verbringen.«

Ganz ähnlich wie dieser Wendepunkt innerhalb der Romanhandlung stellt das literarische Debüt des 1982 verstorbenen Perec eine Verwandlung von Liebesleid in Kunst dar. 1957 war der damals 21-jährige Studienabbrecher und angehende Autor mit Schreibblockade tatsächlich einer Frau nach Jugoslawien hinterhergereist und hat aus der Zurückweisung Literatur geschaffen: seinen ersten Roman - wenn diesen 1957 auch niemand veröffentlichen wollte.

Perec hatte die Studentin Milka Čanak, die später eine wichtige jugoslawische Kunsthistorikerin werden sollte, in Paris über ihren Liebhaber kennengelernt, den Historiker Žarko Vidović. Mit ihm und seinen Freunden zog Perec für eine Weile durch die Pariser Bars, bis der über zehn Jahre ältere Vidović wie auch Milka nach Jugoslawien zurückkehrten. Perec folgte den beiden, und für sechs Wochen machte er seiner Angebeteten den Hof, bevor er zwar ohne Beziehung, aber von seiner Schreibblockade befreit, nach Paris zurückkehrte. Den autobiografischen Roman »Das Attentat von Sarajevo« diktierte er unmittelbar nach seiner Rückkehr einer befreundeten Stenotypistin.

Tatsächlich wirkt »Das Attentat von Sarajevo« wie eine literarische Skizze, ein nicht fertiggestellter Entwurf. Protagonist wie auch Autor sind auf einer Suche, bei der allerdings ihr Objekt, die Angebetete beziehungsweise die zu erzählende Geschichte, immer mehr zur Nebensache wird. Milka heißt im Buch Mila, ihr Charakter wird kaum entfaltet, mehr als fünf Sätze spricht sie nicht, dennoch scheint der Erzähler sein Seelenheil auf sie zu projizieren.

Auch beim Roman selbst erscheint der Inhalt zweitrangig, das Ende wirkt überhastet und unausgegoren, doch die Form ist es, die bereits auf den späteren Autor Perec deutet: »Ich muss mich für die so häufigen Unterbrechungen, zu denen ich mich gezwungen sehe, entschuldigen. Ich würde tausend Mal lieber eine einfache Geschichte erzählen, in der die Ereignisse stets über alle Zweifel erhaben wären, auch wenn ich nicht glaube, dass so etwas möglich ist.« Da die Suche nach der eigenständigen literarischen Form im Mittelpunkt steht und weniger ein stimmiges Endprodukt, waren für Perec vermutlich auch die Absagen verschiedener Verleger kein Problem.

»Der Leser begegnet hier einem etwas anderen Perec«, schreibt Claude Burgelin im Vorwort des 2016 in Frankreich postum veröffentlichten Romans, der nun in Übersetzung von Jürgen Ritte auch auf Deutsch vorliegt. »Perec lotet Schreibweisen aus, auf die er nicht zurückkommen wird, bewegt sich in der Nähe des psychologischen Romans, skizziert eine Geschichte über Liebe und Eifersucht.« Schon in seinem nächsten, 1965 veröffentlichten Roman »Die Dinge« hat Perec zu seinem verspielten, experimentellen und doch immer humorvollen Stil gefunden. Mit dieser Form hatte er auch einen Weg aufgezeigt, sich mit seiner eigenen Biografie, mit dem Verlust der Eltern, dem Tod der Mutter in Auschwitz und seinem Überleben als französischer Jude auseinanderzusetzen.

Das Nachwort zu »Das Attentat von Sarajevo« zieht bereits für diese Zeit eine Parallele von der Literatur zu Perecs von Verlusten bestimmtem Leben. Claude Burgelin schreibt über die Frauenfigur Milka, die so unnahbar bleibt: »Eine abwesende Anwesende? Ein Phantombild der Mutter, das entgleitet, sich entzieht.«

Im späteren Werk spiegelt Perec oftmals im Abwesenden den persönlichen Verlust, sei es im fehlenden Buchstaben E in »Anton Voyls Fortgang« oder im verlorenen Puzzleteil von »Das Leben. Gebrauchsanweisung«. Und auch in »Das Attentat von Sarajevo« finden sich Hinweise, dass es autobiografische Erinnerungen gibt, vor denen er zu fliehen versucht: »Aber zwischen dem, der ich war, und dem, der ich gerne gewesen wäre, liegen Ereignisse, von denen ich nicht mehr absehen kann, und je näher sie mir kommen und je mehr ich von ihnen sprechen muss, desto größer und hartnäckiger wird meine Ungeduld, ein Ende zu finden, und desto stärker wächst die erdrückende Angst bei der Vorstellung, dass man mir nicht glaube und ich meine Lügen und die Gründe für mein Versagen und Vergessen erkenne.«

Und so ist das Erstlingswerk von Georges Perec in vielerlei Hinsicht das Dokument einer Suche - der Suche nach einer Sprache, die das eigene Leben mit all seinen Abgründen zu fassen vermag, nach dem persönlichen Glück in der Fremde, nach einem Ort, an dem nicht das Abwesende das eigene Leben bestimmt, und nicht zuletzt nach einer Form, die das Abwesende in sich aufnehmen kann.

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