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Dates mit den Sixties

Auch in seichter TV-Unterhaltung treten politische Fragestellungen auf, bemerkt Roberto J. De Lapuente

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

Ich gebe es ja zu, auch ich habe meine seichten Momente. Wenn ich nach vormittäglichem Job und nachmittäglicher Schreibarbeit abgekämpft bin, habe ich nichts dagegen, den Abend mit etwas Leichtem einzustimmen. Eine Doku über Genomentschlüsselung wäre mir an dieser Stelle echt zu viel. Irgendwann hat ich meine Sehnsucht nach leichter Kost zum Sender VOX getragen, da lief gerade eine Sendung, bei der sich Singles zu einem Blind Date einfanden. Denen dabei zuzugucken berieselt zuweilen schön – wirft jedoch auch Fragen auf.

Die Redaktion von »First Dates – Ein Tisch für zwei«, so der Name der VOX-Produktion, sucht die zwei jeweiligen Begegnungsfreudigen aus. Matches nennt man so eine Konstellation heute übrigens im Single-Börsen-Jargon. Ein gewisser Roland Trettl, gelernter Koch und Autor eines Buches, auf dessen Cover er kackend auf einer Toilettenschüssel hockt, führt durch die Sendung und die Dates an einen Tisch. Dort haben sie dann anderthalb Stunden Zeit, um sich zu beschnuppern und währenddessen ein Abendessen zu sich zu nehmen. Die Sendung wird von der Kritik übrigens positiv aufgenommen; und ehemalige Kandidaten behaupten außerdem, dass sie ohne Drehbuch agieren durften.

Meist stellen sich die beiden Singles gegenseitig banale Fragen, klappern einen fiktiven Fragebogenkatalog ab. Man sieht förmlich, wie sie vor ihrem geistigen Auge Häkchen nach jeder abgearbeiteten Frage kritzeln. Am Ende müssen sie sich entscheiden, ob sie sich erneut treffen wollen. Mitmachen dürfen hierbei alle Altersklassen, auch homosexuelle Konstellationen gibt es ab und an.

Da Kandidaten kommentieren in Zwischeneinblendungen das eine oder andere, was während des Dates geschah. Zu Beginn stellen sie sich auch selbst vor, wobei auffällt, dass die Hälfte der Leute sich selbst als »ziemlich verrückt« oder wahlweise »crazy« vorstellt. Dieses Label ist ein recht eindeutiges Zeichen dafür, dass wir es als Zuschauer gleich mit einem sehr trockenen Knochen und Langweiler zu tun bekommen, dessen Verrücktheit darin besteht, Cola zum Fisch zu bestellen oder ein Piercing im Nasenflügel stecken zu haben.

An einem entscheidenden Punkt der Sendung ist man angelangt, wenn die Rechnung in einem kleinen Kästchen aufgetischt wird. Dann heißt es: Wer übernimmt? Meist reißt der Mann sie an sich, kommentiert dann, dass »sich das so gehöre«, ein Gentleman würde selbstverständlich bezahlen, gute alte Schule, so nach der Art. Die Frauen kommentieren diesen Umstand dann im Regelfall anerkennend, sie beteuern ihre Freude und bestätigen: Na ja, das gehöre sich schließlich so.

Komischerweise sind oft Frauen auf solcherlei Gentlemen fixiert, die in ihrer Vorstellung und während ihres gesamten Auftritts als aufgeklärte, emanzipierte Powerfrauen wahrgenommen werden wollten. Oft ein bisschen zwanghaft. Manche analysieren zum Beispiel, dass es mit dem richtigen Partner bislang nicht klappte, weil Männer Angst vor starken Frauen hätten, wie sie eine sei. Stark genug, um dann am Ende locker über die Rechnungsstellung hinwegzublicken oder den Kerl gar einzuladen, ist die Powerfrau dann aber dann doch nicht. Da ist sie dann plötzlich wieder Traditionalistin.

Aus dem seichten Konzept tritt eine politische Fragestellung hervor: Wieso zum Henker forciert VOX so ein seltsam antiquiertes Rollenbild? Geht das wirklich ganz ohne Drehbuch? Die Frauen, die ich kenne – und ganz speziell eben die Frau an meiner Seite -, hätten kein höheres Interesse daran, von einem Mann eingeladen zu werden. Geschweige denn, dass sie das als männliche Verpflichtung betrachten würden. Wir leben doch nicht mehr in den Sechzigern, wo man vom Mann dergleichen verlangte und die Frau dafür auch begleitwillig zu sein hatte.

Wenn da wirklich kein Drehbuch dahintersteckt, scheinen mir aber die Gleichstellungsbestrebungen in eine Sinnkrise geraten zu sein. In einer Folge wollte ein Mann mal, dass die Frau für ihn begleicht. Die Entrüstung war grenzenlos, er hatte alle Chancen bei ihr, bis zu dem Moment, da er nicht zahlen, sondern ausgehalten werden wollte. Selbst getrennte Rechnungen werden oft auch als Zeichen männlicher Schwäche interpretiert und führen dazu, dass man den Kerl nicht mehr sehen will. All das wird unkommentiert als Normalität hingenommen.

Ich denke mir dann immer, dass jenen Kerlen, die aufgrund ihrer schlechten Zahlungsmoral geschasst wurden, nichts entgangen ist. Wer will denn bitte Frauen an seiner Seite haben, die mental noch in den sechziger Jahren stecken? So ein Rollenbild kann und will ein moderner Mann heute doch gar nicht mehr abdecken – wenn er ein ganzer Kerl ist jedenfalls.

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