Im Krisenmodus

Ärzte, Kliniken und Öffentlicher Gesundheitsdienst suchen nach gemeinsamer Corona-Strategie

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Senatorin wirkt ernst, entgegen ihrer sonst eher unbekümmerten Art. »Am Freitag werden wir uns mit allen Coronavirus-Abklärungsstellen versammeln und die erste Woche auswerten«, stellt Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci am frühen Donnerstagmorgen in Aussicht.

Während Kalayci offiziell den Abklärungsbereich eröffnet, der an einem Seiteneingang des Vivantes-Klinikums in Prenzlauer Berg für potenziell mit dem Coronavirus infizierte Berliner*innen eingerichtet wurde, stehen zeitgleich bereits 30 Menschen davor. Die Stelle beginnt ihre Arbeit erst um zehn Uhr, etwa eine Stunde später. Die meisten wirken nicht erkältet oder krank, warten ohne Mütze und Schal in Wind und Regen.

Es ist der nunmehr sechste Untersuchungsbereich dieser Art an Berliner Kliniken, in den die Gesundheitssenatorin innerhalb einer Woche einführt, der siebente wird vermutlich noch zum Ende dieser Woche im landeseigenen Krankenhaus in Spandau öffnen.

Diese Stellen, betonen Kalayci und der ihr zur Seite stehende Burkhard Ruppert vom Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), sollen die bestehende Versorgungsstruktur aus Arztpraxen, Krankenhäusern und Öffentlichem Gesundheitsdienst vor allem entlasten. Jeweils ein Arzt und eine Verwaltungskraft empfangen hier Menschen, die befürchten, sich angesteckt zu haben, weil sie Kontakt zu Infizierten hatten, in Risikogebiete gereist waren oder Symptome wie Husten und Fieber zeigen.

Auch wenn die Einrichtung improvisiert ist, sind »unreiner Wartebereich« und »sauberer Bereich« deutlich voneinander getrennt. Arzt und Besucher kommunizieren durch eine Sprechscheibe miteinander, der Test wird von einer medizinischen Fachkraft in Schutzkleidung in einem weiteren Raum durchgeführt. Man habe eine sehr gute sektorübergreifende Struktur schnell aufgebaut, betont Ruppert. Dennoch appelliert er: »Kommen Sie nicht hierher, wenn Sie gesund sind, kommen Sie nicht bei leichten Erkältungen!« Die Sorgen seien berechtigt, aber überlasteten die Untersuchungsstellen. Deren Kapazitäten bezüglich medizinischem Fachpersonal könnten nicht ohne Weiteres ausgeweitet werden. Noch habe man in den ersten Tagen dieser Woche einen Teil der Menschen, die kamen, um sich testen zu lassen, nach Hause schicken müssen. Medizinisches Personal würde neben der zusätzlichen Arbeit im ohnehin belasteten Krankenhausbereich in den nächsten Wochen vor allem benötigt werden, um Menschen in Quarantäne zu versorgen. Man arbeite zudem an einer breiten Information der Bevölkerung, sagt Ruppert.

Diese wünschen sich auch niedergelassene Ärzt*innen, die neben den Untersuchungsstellen einen Großteil der verängstigten, zum Teil panischen Bevölkerung versorgen. »Es herrscht sehr viel Unsicherheit, weil sich die Informationslage täglich ändert und ich manchmal das Gefühl habe, kaum hinterherzukommen«, berichtet eine niedergelassene Berliner Ärztin, die anonym bleiben möchte. »Ich bin froh über klare Handlungsanweisungen aus der Politik.« So diskutiere man nun im ohnehin stressigen Praxisalltag ständig Fragen nach Wahrscheinlichkeiten und Empfehlungen, schildert die Medizinerin den Einfluss der Pandemie auf die ambulante Versorgung.

Es erscheine zwar einerseits logisch, Menschen mit Symptomen auch in Hausarzt-Praxen zu testen. Wenn diese jedoch im Fall einer Ansteckung gesperrt werden, führe das zu erheblichen Einschränkungen in der Versorgungsstruktur. »Was ist dann mit allen anderen Kranken?«, fragt die Ärztin. Die höhere Arbeitsbelastung gehe in ihrem Fall zulasten eines dringend benötigten Austauschs mit Kolleginnen. Noch immer schwierig zu beantworten seien Fragen nach asymptomatischen Verläufen und Quarantäne. »Der alte Ansatz der Seuchenbekämpfung ignoriert, wie sich die Welt mit der Globalisierung geändert hat«, erklärt die erfahrene Medizinerin, die bereits häufig im Ausland gearbeitet hat. Noch sei nicht klar, ob das Vorgehen, kranke Menschen zu isolieren und sie die Krankheit mit allen Risiken »durchmachen« zu lassen, im aktuellen Fall tatsächlich dazu führe, die Ausbreitung in den Griff zu bekommen. »Der Quarantäne-Ansatz birgt für bestimmte Gruppen ganz andere Gefahren: Stigmatisierung, Ausgrenzung und Rassismus nehmen zu«, so die Ärztin.

Dies ist keine unbegründete Befürchtung. Wegen eines bestätigten Coronavirus-Falls ist am Donnerstag erstmals eine Flüchtlingsunterkunft unter Quarantäne gestellt worden. Von der 14-tägigen Maßnahme seien 135 Menschen in der Charlottenburger Einrichtung betroffen, sagte der Sprecher der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, Stefan Strauß.

Für den Oberarzt eines Charité-Campus stellt sich die Situation am Donnerstag hingegen noch übersichtlich dar: »Bislang scheint mir alles Hand und Fuß zu haben.« Berlin habe aus der Versorgungskrise 2015 am Landesamt für Gesundheit und Soziales gelernt, so die Einschätzung des Mediziners. »Wir haben einen Personalnotstand, aber zugleich nach wie vor eine große Anzahl von zur Verfügung stehenden Betten. Die stationären Kapazitäten in Deutschland sind besser als in Italien.« Auch dem Charité-Personal, nicht zuletzt dem Team um den Virologen Christian Drosten, attestiert der Arzt adäquates Vorgehen.

Man setze auf Berlins erfahrene Ärzte und Ärztinnen, erklärt Kalayci: »Wir brauchen jedes Engagement«, fordert die Senatorin. Aus der Patientenversorgung werde gleichzeitig kein Mediziner abgezogen. Pensionierte Ärzte und Ärztinnen hätten bereits ihre Hilfe angeboten.

Man hat Dilek Kalayci in den vergangenen Wochen häufig Unfähigkeit zum Krisenmanagement vorgeworfen. Zuletzt hatte der Reinickendorfer Amtsarzt Patrick Larscheid von der Gesundheitssenatorin gefordert, Clubs und Kultureinrichtungen schließen zu lassen. »Alle Berliner Amtsärzte sind zuständig und frei in ihrer Entscheidung, Allgemeinverfügungen für solche Schließungen auf den Weg zu bringen«, reagiert Kalayci mit Unverständnis. »Es ist nicht die Zeit, um sich mit Forderungen zu überbieten«, sagt Kalayci. Klar sei: Die Empfehlungen vom Robert-Koch-Institut müssten einheitlich auf die Bundesländer angewandt werden.

Die Senatorin lässt bei allem keinen Zweifel daran aufkommen, auf wen sie sich derzeit verlassen muss: das gesamte ausgeblutete Berliner Gesundheitssystem. »Für die Bewältigung dessen, was uns noch bevorsteht, müssen wir anders miteinander arbeiten«, sagt Kalayci. »Wir stehen mit der Pandemie noch am Anfang.«

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