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Corona sorgt für Solidarität

In vielen Berliner Kiezen organisieren sich Menschen in Nachbarschaftshilfen und kleinen Einkaufsgemeinschaften

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.
Ältere Menschen zählen zu den Risikogruppen und brauchen besonders Unterstützung im Alltag – ohne zu viel Kontakt.
Ältere Menschen zählen zu den Risikogruppen und brauchen besonders Unterstützung im Alltag – ohne zu viel Kontakt.

Die Nachrichten kommen im Minutentakt: »Ich wohne in der Leinestraße und kann Einkäufe übernehmen« schreibt eine junge Frau. Kurz darauf schickt jemand eine Vorlage, die in Hausfluren aufgehängt werden und die Mieter*innen der Hausgemeinschaft über Hilfsangebote informieren soll. Fünf Minuten später gibt es bereits Angebote, den »Hausflurzettel« auf türkisch, arabisch und russisch zu übersetzen.

»Mit diesem Ansturm hätte ich nicht gerechnet«, sagt die Organisatorin von »Neukölln Solidarisch«, einer Austauschplattform auf dem Internet-Mitteilungsdienst Telegram. Da sie auf keinen Fall den Anschein erwecken wolle, sich mit ihrem Engagement in den Vordergrund zu stellen, bleibe sie lieber anonym, sagt die junge Frau. Sie sei beeindruckt von der Bereitschaft zur Solidarität, die vor allem jüngere Berliner*innen angesichts der empfohlenen Maßnahmen zur Vermeidung von sozialen Kontakten zeigten.

Den Kanal gibt es gerade einmal seit zwei Tagen, schon jetzt sind nahezu 1600 Menschen beigetreten. Er ist nur einer von vielen: unter dem Suchbegriff »Corona Virus Kiez Struktur« findet man viele verschiedene Gruppen, die solidarische Unterstützung gewährleisten wollen.

»Seid ihr krank, in Quarantäne oder von den Auswirkungen stärker betroffen und gefährdet, zum Beispiel, weil ihr wohnungslos, alt, vorerkrankt seid? Leidet ihr an Immunschwäche? Habt ihr Kinder, braucht ihr Hilfe beim Einkauf, jemanden zum Reden? Dann schreibt hier« - so lautet in etwa die Zusammenfassung, die »Neukölln Solidarisch« regelmäßig immer wieder postet, damit auch alle Menschen verstehen, um was es hier geht: Vor allem diejenigen zu unterstützen, die nicht wissen, wie sie die Herausforderungen der kommenden Wochen bewältigen sollen.

Damit die Unterstützung wirklich sinnvoll ist, solle man darauf achten, wenigen Menschen zu helfen, diesen allerdings beständig, heißt es seitens der Gesundheitsverwaltung. Aus diesem Grund haben sich Kiez-Untergruppen gebildet, in denen die Unterstützung kleinteiliger organisiert werden kann: Vor allem geht es um Einkäufe oder kleinere Erledigungen.

Das Angebot für Kinderbetreuung bei Menschen, die angesichts der geschlossenen Kindergärten und Schulen nun ihren Nachwuchs zu Hause versorgen müssen, wird gewissenhaft mit dem Hinweis auf die Empfehlung des Charité-Virologen Professor Christian Drosten beantwortet: Notbetreuung mit eventuell unbekannten Menschen, so Drosten, sei für junge Kinder schlecht zu verkraften und verstärke eher den Belastungseffekt - auch für die Eltern. Außerdem würden dadurch die Kontaktnetzwerke von Kindern und deren Angehörigen vergrößert - was zu mehr Infektionen führe. Der Mediziner rät dazu, Kinder im gewohnten, aber kleinen Kreis zu betreuen und vor allem ältere Personen nicht hinzuzuziehen, da sie als Risikogruppen gelten und sich von Kindern, von denen bisher eher als Überträger ausgegangen wird, wenn möglich fernhalten sollten.

Dass viele ältere Menschen keine Smartphones benutzen oder wenn, dann nicht unbedingt sicher im Gebrauch von Nachrichtendiensten sind, ist auch der Initiatorin von »Neukölln Solidarisch« bewusst: »Viele Menschen sind ängstlich und befürchten, dass man ihnen Schaden zufügen will.« Solche Ängste seien auch berechtigt, fügt sie hinzu. Niemand könne sicherstellen, dass die Not einzelner Menschen nicht ausgenutzt wird. Es sei besser, mit Informationen und Hilfsangeboten direkt auf Menschen zuzutreten, zum Beispiel, indem man sich an die unmittelbaren Nachbar*innen wendet. Eine Teilnehmerin von »Neukölln Solidarisch« berichtet jedoch: »Ältere Nachbarn, die direkt angesprochen wurden, haben eher abgelehnt«. Begrüßt hätten diese allerdings das Angebot, eine Telefonnummer zu erhalten, die sie im Notfall anrufen könnten.

»Gerade habe ich darüber mit dem Sprecher des Neuköllner Sozialstadtrats Jochen Biedermann (Grüne) gesprochen«, so die Initiatorin. Eine solche Nummer für den Bezirk einzurichten und flächendeckend darüber zu informieren, halte sie für sehr sinnvoll. Denn während in den sozialen Medien zwischen Wedding und Neukölln, Treptow und Lichtenberg die Hilfsstrukturen bereits eifrig im Aufbau sind, reagiert die Verwaltung deutlich langsamer: Das Bezirksamt Neukölln informierte am Montagmittag immerhin mit mehrsprachigen Infoblättern über die Einschränkungen des öffentlichen Lebens und Hinweisen zur Reduzierung von Sozialkontakten. Auf den Webseiten der meisten Ämter herrscht im Bezug auf Corona noch Funkstille.

Auch die Freiwilligenzentren und Ehrenamtsagenturen im Land Brandenburg bereiten sich auf Aufgaben im Zuge der Corona-Krise vor, teilte Lutz Reimann, Leiter der Agenturen Bernau und Ahrensfelde mit. Sowohl Freiwillige als auch Hilfesuchende sind aufgefordert, sich an die Agenturen zu wenden. »Die ersten Hilfsangebote sind bereits eingetroffen, auch von medizinischem und pflegerischem Personal« berichtet er.

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