Putzorgien schützen nicht vor Corona

Der Hygieneexperte Ernst Tabori: Wasser und Seife sind im Privatbereich normalerweise ausreichend

  • Von Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.

Türklinken, Lichtschalter, Fernbedienungen: Das Coronavirus kann auf Oberflächen aller Art sitzen. Muss man daheim jetzt besonders oft putzen?

Es sollte sauber sein, nämlich so, dass man sich wohl fühlt. Im Normalfall, also wenn alle gesund sind, muss man aber keine speziellen Putzattacken vornehmen. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass man gesünder bliebe, wenn man zu Hause übertrieben häufig putzt oder aggressive Mittel verwendet. Das Coronavirus lässt sich gut mit Wasser und Seife sowie mit normalen Reinigungsmitteln entfernen. Das reicht dann auch.

Kann das Virus sonst wirklich tagelang überdauern?

Tatsächlich konnte diese Virusart im Labor einige Tage auf Flächen aktiv bleiben - unter realen Bedingungen wirken viele Faktoren mit, so dass die infektiöse Zeit deutlich kürzer sein kann. Im öffentlichen Bereich ist das Putzen von Stellen, die oft angefasst werden, daher natürlich sinnvoll. Aber entscheidend sind weniger die Türklinke und der Haltegriff als die Hände hinterher. Denn man fasst nach der Klinke wahrscheinlich noch andere Sachen an, die ebenfalls kontaminiert sein könnten. Das Entscheidende ist also, dass die Hände sauber sind. Daher heißt das oberste Gebot: Gründliches Händewaschen mit Seife.

Welche Fehler beobachten Sie beim Händewaschen?

Mangelnde Disziplin. Darüber, wie wichtig Händewaschen ist und wie man es richtig macht, wurde in letzter Zeit ausreichend informiert. Man kann davon ausgehen, dass inzwischen jeder Bescheid weiß. Jetzt kommt es auf die eigene Disziplin an, um das bekannte Wissen konsequent umzusetzen. Daher lautet die Devise: Machen!

Manche Leute halten aber nur ein paar Sekunden die Finger unter den Wasserhahn - das ist für sie dann Hände waschen...

Das ist eine Katzenwäsche! Man sollte die Hände einschäumen, insbesondere die Tastflächen, also Daumen, Fingerspitzen und Zwischenräume, und das Ganze 20 bis 30 Sekunden lang.

Wann ist es sinnvoll, die Hände zu desinfizieren?

Neben Krankenhäusern, Arztpraxen und anderen medizinischen Einrichtungen ist das in Alten- und Pflegeheimen essenziell wichtig. Im privaten, häuslichen Rahmen reicht es hingegen, sich die Hände mit Seife zu waschen. Da gibt es keinen zwingenden Grund, sich die Hände zu desinfizieren. Die Desinfektion ist dann eine gute Alternative, wenn man keine Möglichkeit zum Händewaschen hat. Das kann zum Beispiel passieren, wenn man unterwegs ist.

Gilt etwas anderes, wenn ein Familienmitglied als Verdachtsfall eingestuft wurde?

Kontakt meiden ist der beste Schutz. Auch in dieser Situation muss man nur im Ausnahmefall desinfizieren, wenn es beispielsweise vom Arzt angeordnet wird. Solange man nicht sicher weiß, ob jemand infiziert ist, sollte man möglichst auf Distanz gehen. Es ist dann zum Beispiel nicht ratsam, zusammen zu essen, dasselbe Geschirr zu teilen, im selben Bett zu liegen oder gar dasselbe Handtuch zu benutzen. Abstand von zwei Metern halten und peinlich auf die Händehygiene achten sind sehr wichtig in dieser Situation.

Wie stark mit Erregern behaftet ist Geld? Muss man sich gleich die Hände waschen, wenn man es angefasst hat?

Wenn man etwas angefasst hat, was potenziell eine Übertragung verursachen könnte, dann sollte man sich die Hände waschen. Da gehört Geld prinzipiell auch dazu, auch wenn es bei weitem nicht so stark Keimbelastet ist, wie landläufig unterstellt wird. Wenn man einkauft und bezahlt, geht man nach Hause oder ins Büro - jedenfalls an einen Ort, wo man sich die Hände waschen kann. Das sollte immer das erste sein, was man tut, wenn man seinen Zielort erreicht hat.

Wirken Desinfektionsmittel aus dem Drogeriemarkt gegen das Coronavirus?

Alle Desinfektionsmittel, die zumindest ein begrenzt viruzides Wirkspektrum haben, sind effektiv. Händedesinfektionsmittel mit diesem Wirkbereich, die offiziell zugelassen sind und eine Testung haben, inaktivieren Coronaviren zuverlässig. Solange man ein offiziell geprüftes und zugelassenes Produkt verwendet, und keines aus schwarzen Quellen, braucht man nicht weiter nachdenken. Das Gute am Coronavirus ist, dass es sich um ein umhülltes Virus handelt. Behüllte Viren bieten im Allgemeinen Desinfektionsmitteln eine bessere Angriffsfläche als unbehüllte, das heißt, sie sind leichter zu inaktivieren als zum Beispiel Noroviren.

Man kann sich Desinfektionsmittel auch selber machen. Ist es genauso wirksam?

Es gibt von der Weltgesundheitsorganisation eine entsprechende Anleitung für Länder, in denen diese Produkte schwer zu bekommen oder zu teuer sind. Es ist natürlich nicht verboten, sie herzustellen, aber wozu? Außerdem war zwischendurch in manchen Apotheken auch Alkohol, den man dazu braucht, schwer zu bekommen. Man sollte Desinfektionsmittel und Mundschutz nicht aus egoistischen Gründen kaufen. Wenn solche für unser Gesundheitssystem elementar wichtigen Produkte knapp sind, sollte man sie für die Bereiche reservieren, in denen sie benötigt werden. Das sind Alten- und Pflegeheime, Versorgungszentren und natürlich Krankenhäuser sowie Arztpraxen. Da appelliere ich an das Verantwortungsbewusstsein und Solidaritätsgefühl.

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Wer sollte wirklich einen Mundschutz tragen?

Die im Krankenhaus, und zwar da, wo es eine entsprechende Indikation gibt. Das Robert Koch-Institut hat hier ganz klare Empfehlungen formuliert. Der klassische Mund-Nasen-Schutz, wie ihn Chirurgen tragen, ist als Eigenschutz nicht wirklich zuverlässig wirksam, wohl aber als Fremdschutz. Wenn jemand selbst infiziert ist, werden dadurch seine infektiösen Tröpfchen abgefangen. So ein Mundschutz ist im Krankenhaus wichtig, um kranke und gefährdete Menschen zu schützen.

Aber was ist, wenn jemand, der Schnupfen hat, Straßenbahn fährt? Ist es da nicht rücksichtsvoll, einen Mundschutz zu tragen?

Wenn jemand Symptome hat, rate ich ihm tunlichst, nicht in die Öffentlichkeit zu gehen. Der sollte zu Hause bleiben, weil er eine Infektionsgefahr für andere darstellt. Gerade in diesen Tagen ist es wichtig, sich solidarisch zu verhalten, damit die Infektionszahlen nicht plötzlich steigen und das Gesundheitssystem überfordern.

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