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»Leipzig oder München?«

Wie eine »nd«-Redakteurin samt Familie aus Marokko zurückkam - Reisen in Zeiten von Corona

  • Von Katharina Schwirkus
  • Lesedauer: 11 Min.

Ich blicke aus dem Flugzeugfenster, wir heben ab, Berlin wird immer kleiner. Es ist der 1. März 2020, unser Urlaub beginnt. »Ich glaube, wir werden in zwei Wochen in ein anderes Land zurückkommen«, sagt mein Freund. Am Flughafen lagen einige Zeitungen herum, die man kostenlos mitnehmen konnte. In der »Welt« und »Bild« gibt es ein paar Artikel über das Coronavirus, aber nicht in Deutschland, sondern Italien. Den »Spiegel« haben wir auch dabei. Darin ist ein Interview mit einem Mediziner zu lesen, der sagt, es müsse nun beobachtet werden, ob sich das Virus auch »außerhalb von China dauerhaft eigene Übertragungswege sucht.«

Doch noch beherrscht Covid-19 nicht die Medien. Es ist ein Randthema und wenngleich mein Freund etwas besorgt aussieht, überwiegt die Freude auf die Auszeit. Kurz bevor wir in Marokko landen, werden wir aber nochmals mit der neuen Lungenkrankheit konfrontiert. Wir bekommen Zettel ausgehändigt, die wir ausfüllen sollen. Darauf wird gefragt, ob wir in den letzten Monaten in China waren oder Kontakt zu Menschen hatten, die sich mit dem Coronavirus infiziert hätten. Für unseren fast zwei Jahre alten Sohn müssen wir auch ein Formular ausfüllen. Bei der Passkontrolle auf dem Flughafen in Agadir, einer Stadt im Süden des Landes, werden wir zuerst nach diesen Papieren gefragt. Der Mann in blauer Uniform liest sie aufmerksam durch und wünscht uns dann einen guten Aufenthalt.

Den haben wir: zunächst ein paar Tage in einem kleinen Strandort, dann in den von den arabischen Märkten geprägten und beherrschten Städten Essaouira und Marrakech. Ich halte mich an meine altbewährte Urlaubsregel, keine sozialen Medien zu checken. Wäre ich nicht mit meinem Freund unterwegs, würde ich nicht erfahren, dass sich das Coronavirus in Deutschland rasant ausbreitet. Trotzdem sind diese Nachrichten weit weg, auch für ihn. Gedanklich beschäftigt mich noch immer mehr das politische Erdbeben, das die gemeinsame Wahl von AfD und CDU des Ministerpräsidenten in Thüringen ausgelöst hat.

Was tun, was lassen? - Der Corona-Service-Blog
Ansteckung, Arbeit, Reisen - Corona wirft viele Fragen auf. Wir versuchen, die wichtigsten zu beantworten.

Der perfekte Ort zum Entspannen

Für die letzten Tage unserer Reise fahren wir wieder an den Strand. Um die Eindrücke der turbulenten Städte verarbeiten zu können und noch mal Sonne zu tanken. Wir kommen in einem kleinen Hostel unter, das so wie alle Unterkünfte in Tagazhout, das Wort »Surf« im Namen trägt. Es gibt eine schöne Dachterrasse, mit Meeresblick. Der perfekte Ort zum Entspannen. Ab und zu trifft man hier auf andere Gäste. Mit einer Gruppe von Reisenden aus Frankreich unterhalten wir uns öfters. Sie haben Kinder in ähnlichem Alter wie unser Sohn dabei und frühstücken oft zur selben Uhrzeit.

So ist es auch einen Tag vor unserer geplanten Rückreise. Es ist Samstag, der 14. März, die Sonne scheint, wir trinken Kaffee und blicken aufs Meer. »Kommt ihr auch nicht zurück?«, fragt uns einer der Franzosen. Während ich aufgrund der Sprache nichts verstehe, blickt mein Freund wegen des Inhalts der Frage fassungslos auf. »Bitte was?«, fragt er zurück. Anschließend erzählt er mir, dass ihm der Mann erzählt habe, der Flugverkehr nach Frankreich sei wegen des Coronavirus eingestellt worden. Die Familie sollte eigentlich heute nach Hause fliegen, jetzt wissen sie nicht, wie lange sie noch bleiben müssen.

Beunruhigt trinken wir den Kaffee aus. Auf unserem Zimmer checken wir die News. Doch als Deutsche scheinen wir von den Maßnahmen nicht betroffen zu sein. Nur nach Spanien und Frankreich wurden die Flüge eingestellt. Wir können sogar schon für unseren Rückflug am 15. März einchecken. Nachdem wir das getan haben, gehen wir frohen Mutes an den Strand. Dort lernen wir andere Deutsche kennen, die ebenfalls am nächsten Tag zurückfliegen wollen. Auch sie sind sich sicher: Das wird kein Problem. Am Strand herrscht das Gerücht, dass alle Flieger bis zum Donnerstag, den 19. März, nach Deutschland gingen.

Langusten im Strandrestaurant

Es soll unser letzter Tag am Strand sein, also bleiben wir lange dort. Wir essen auch noch in dem am besten gelegenen Strandrestaurant. Es gibt köstliche Langusten und Pommes. Gegen 19 Uhr gehen wir zurück zum Hostel. Ich bin noch unten, auf der Straße, als ich meinen Freund schon aus dem Zimmer fluchen höre: »Wir kommen hier nicht mehr weg!«.

Er hat die Seite unserer Airline aufgerufen. Auf der Homepage steht, dass unser Flug gestrichen wurde. Uns ist beiden klar: Es ist zu spät, jetzt noch an den Flughafen zu fahren und zu versuchen, heute noch abzureisen. Mein Freund lässt das Gesicht in die Hände fallen, der Fast-Zweijährige verrückt die Holzhocker, die als Beistelltische neben dem Bett stehen. Ich verliere die Contenance, packe mir die Hocker und gehe damit aus dem Zimmer. Ich lasse sie in der Gemeinschaftsküche, dann gehe ich zurück auf die Straße. Unten beim Kiosk, im Nachbarhaus, kaufe ich Pringles und Orangina. Dem Verkäufer erzähle ich, dass wir wegen des Coronavirus nicht nach Hause reisen können. Er ist nicht überrascht und sagt, dass sich die Krankheit langsam auch in Marokko ausbreite. Mir wird mulmig.

Schließlich gehe ich zurück zu Freund und Kind. Bringe Letzteres ins Bett. Anschließend ist Frustessen mit Ersterem angesagt. Wir telefonieren mit meiner Mutter, beraten, was wir tun sollen. Die Urlaubsstimmung ist dahin. Letztendlich gehen wir ohne irgendwas zu entscheiden schlafen. Ich wache vom Handybrummen meines Freundes auf. Das Display zeigt Nachrichten seines Bruders und meiner Mutter. Beide fordern: Wir sollen sofort zum Flughafen fahren, angeblich gäbe es noch ein paar Flieger, die heute nach Deutschland starteten. Ich wecke also meinen Freund. Wir schmeißen unsere Sachen zusammen und sind um 9 Uhr dort, wo wir vor zwei Wochen die ausgefüllten Zettel über Kontakt zum Coronavirus abgegeben hatten: am Flughafen von Agadir.

Deutsche Botschaft unerreichbar

Doch die Flieger nach Deutschland sind ein Gerücht. Sie werden nicht mal als gestrichen auf den Informationstafeln angezeigt. Es scheint, als gäbe es ganz regulär keinen einzigen Flug in das Land, in dem es mittlerweile mehr als 5000 Menschen gibt, die sich mit der Lungenkrankheit infiziert haben, in das wir trotzdem zurückwollen. Zudem gibt es keine Informationen. Unsere Airline hat nicht ein Mal einen Stand an dem Flughafen, aber auch andere Fluggesellschaften können nicht weiterhelfen. Wir versuchen, die deutsche Botschaft anzurufen, bekommen aber niemanden ans Telefon. In ein anderes Land zu fliegen, beispielsweise in die Schweiz, erscheint uns als nicht hilfreich. Wir entscheiden uns gegen diese einzige Option, wegzukommen. Nach drei Stunden suchen wir uns einen Taxifahrer, der uns in die nächste Stadt bringen soll.

Der Taxifahrer berichtet, dass in Marokko ab Montag die Schulen geschlossen werden. Er spricht von einer »Krise«, die ihn und alle anderen besonders hart treffen wird, die vom Tourismus leben. Agadir ist die wohl hässlichste Stadt, durch die ich je durch gefahren bin. Mein Freund sieht das genauso und fragt den Taxifahrer, ob er uns doch zurück zum Strand bringen könnte. Gegen einen Aufpreis ist alles möglich. Wir nutzen unsere Privilegien, sind glücklich, dass wir diese noch immer haben. Auch das »Surf«-Hostel nimmt uns noch einmal auf und wir liegen abends wieder am Strand. Danach mache ich Nudeln mit Knoblauch, Eiern und Tomatenmark.

Am nächsten Tag versuchen wir wieder, die Botschaft zu kontaktieren. Kolleg*innen von uns versorgen uns mit Agenturnachrichten. Demnach bemühten sich die deutschen Behörden, Rückflüge aus Marokko zu organisieren. Schön. Nur dass wir leider nichts davon merken. Ich gehe nochmal an den Strand und ins Meer. Beides kann ich nicht mehr genießen.

Das Virus kommt nach Marokko

Mittlerweile sind auch andere Deutsche in unserem Hotel gestrandet. Ihr Rückflug soll eigentlich am Mittwoch gehen, auch sie sind verunsichert, ob sie nach Hause können. Ein Paar aus Kanada ist auf Weltreise und wollte eigentlich weiter nach Peru, jetzt versuchen sie, schnellstmöglich einen Rückflug in ihre Heimat zu bekommen. Doch auch nach Kanada fliegt nichts. Die Botschaft ist für sie genauso unerreichbar, wie für uns die Deutsche.

Abends sitze ich mit meinem Freund planlos in unserem Zimmer. Es klopft an der Tür. Der Hostelmanager, Hussein, überbringt uns die Nachricht, die das Fass zum Überlaufen bringt. Er sagt, dass wir nur noch bis morgen in seiner Unterkunft bleiben könnten. Die marokkanische Regierung empfehle Restaurant- und Hotelbesitzern, ihren Betrieb einzustellen. Er wolle sich an die Empfehlung halten, da sein Vater Krebs habe und somit besonders gefährdet sei, sich mit dem Virus anzustecken. Wir schlucken und nicken. Kaum ist Hussein aus dem Zimmer, lässt mein Freund sein Gesicht wieder in seine Hände fallen. Ich mache wieder Nudeln, anschließend bringe ich den Kleinen ins Bett, mein Freund unterhält sich noch ein wenig mit den Kanadiern.

Wir beschließen, unsere Wecker früh zu stellen und am Morgen wieder zum Flughafen zu fahren. Im Hostel können wir schließlich eh nicht bleiben und Informationen bekommt man hier auch nicht. Gesagt, getan. Der Taxifahrer, den wir uns noch am Vorabend organisiert haben, wartet pünktlich an der Hauptstraße. Der Ort ist noch völlig verschlafen, ein erster Kioskbesitzer öffnet seinen Laden. Dort kaufe ich noch Bananen.

Diesmal ist mehr los am Flughafen. Viele Menschen tragen Atemmasken, viele Gesichter sehen müde, erschöpft und gestresst aus. Doch an den Anzeigetafeln stehen Flüge nach Deutschland. Wir haben Hoffnung. Während mein Freund zum Informationsschalter einer Airline geht, stelle ich mich in die Schlange für den Check-in von einem Flug nach Düsseldorf an. Bei der Fluggesellschaft handelt es sich um Eurowings, eben jene, mit welcher wir schon vor zwei Tagen hätten ausreisen sollen. Doch ich kann nicht einchecken. Dieser Flug sei reserviert für Menschen, die mit dem Reiseanbieter FTI gebucht hätten, informiert mich der Mann auf der anderen Seite des Schalters.

Gestresste Urlauber

Eine gute Nachricht hat der Mann aber auch: An einer anderen Ecke des Flughafens würden Tickets nach Deutschland verkauft. Mein Freund, der mittlerweile neben mir steht, insistiert. Er will mit diesem Flieger nach Düsseldorf. Er sagt, dass wir mit einem Kind reisen und dass ich ein zweites erwarte, was man auch sehen kann. Es hilft nichts. Wir müssen zur anderen Schlange. Die Gesichter der Menschen in dieser Ecke des Flughafens sehen so gar nicht nach Urlaubsrückkehrern aus. Eher nach Burn-out-Gefährdeten und Beerdigungsgästen.

In der Schlange bewegt sich scheinbar nichts. Und wenn doch, dann drängeln sich gerade Menschen vor, die Arabisch sprechen können. Gebetsmühlenartig halte ich mir meine Privilegien vor Augen und sage zu mir selbst: Hier in Marokko stecken mehr als 1000 Deutsche fest. Die Bundesregierung wird sich kümmern. Wir werden nach Hause kommen. Alles wird gut.

»Ich habe ein Ticket!«, höre ich einen Mann auf Deutsch schreien, der aus dem kleinen Büro herauskommt, dessen Eingangstür und uns noch 20 Personen trennt. Nach anderthalb Stunden können auch wir das Büro betreten. Es ist spärlich eingerichtet: ein Holztisch mit einem Computer, Tastatur, Maus. Rechts davon ein Regal mit ein paar Akten. Hinter dem Bildschirm sitzt eine Frau. Sie trägt kein Kopftuch, ihre schwarzen Haare gehen bis zum Kinn. Sie sieht erholter aus, als alle Menschen, die ich bisher an diesem Tag gesehen habe. »Für 250 Euro pro Person kann ich Ihnen ein Ticket verkaufen«, sagt sie auf Englisch. Dann will sie wissen: »Lieber Leipzig oder München?«. »Leipzig«, sage ich. Das Ticket für das Kind kostet 30 Euro.

Risikogruppe Arme. Soziale Ungleichheit kann tödlich sein. Das Coronavirus wird uns das schmerzlich zeigen, meint Fabian Hillebrand.

Wir bekommen eine Rechnung, so klein wie für einen Kaffee und dazu ein handgeschriebenes Ticket. Damit sollen wir zum Schalter von Condor gehen, dort würden wir dann das richtige Ticket bekommen. Wir sind skeptisch, die Condor-Schlange ist lang. Es zahlt sich aus, dass ich gerade mit dem Kinderwagen herum spaziere, als ein weiterer Schalter für Condor eröffnet wird. Auf ein Mal sind wir so schnell dran, dass wir uns beeilen müssen, schnell noch die wichtigsten Sachen ins Handgepäck umzupacken.

Tatsächlich wird der handgeschriebene Wisch in ein Ticket umgewandelt, in zwei Stunden geht unser Flieger nach Leipzig. Wir gehen nochmals durch die Ankunftshalle des Flughafens und lassen uns in einer ruhigen Ecke nieder. Mein Freund tippt die neuesten Entwicklungen in sein Handy, für seinen Reiseblog. Im Kinderwagen ist Schlafen angesagt, ich liege zwischen den Seilen auf dem Boden. Als wir eine Stunde später zum Gate gehen, sind alle Schlangen am Flughafen drei Mal so lang wie am Morgen. Das Büro, in welchem wir unsere Tickets gekauft haben, ist geschlossen. Doch an unserem Gate öffnen sich wirklich die Türen und es geht zum Flieger.

Der Abflug verzögert sich zwar noch um eine halbe Stunde, weil einige Plätze frei sind und die marokkanische Regierung angeordnet hat, dass die Flieger nur komplett voll besetzt starten dürfen. Doch das ist unser geringstes Problem. Als wir abheben und der Flughafen von Agadir immer kleiner wird, atmen wir auf. Noch nie war ich mit einem quengeligen, voll Energie überströmenden Kind tiefenentspannter als während dieses Fluges.

In Leipzig angekommen, auf dem Weg zur Passkontrolle, werde ich von einer Frau überholt. Mein Sohn übt Treppenlaufen und hält sich mit einer Hand an meiner fest, mit der anderen am Geländer. »Sie tun mir gerade wirklich leid«, sagt die Frau zu mir. Auf die Rückfrage, warum, entgegnet sie: »Weil Sie sich die ganze Zeit um den Kleinen kümmern müssen.« Ich denke und sage: »Ach, es gibt Schlimmeres.«

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