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Ohne Erntehelfer wird es eng

Auf Brandenburgs Feldern fehlen schon jetzt viele der Saisonkräfte aus Osteuropa

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 4 Min.

Alarmstimmung herrscht derzeit bei Brandenburgs Spargelbauern. Das sonnige Wetter lässt das Edelgemüse auf den Feldern um Beelitz, Luckenwalde oder Kremmen schnell heranreifen. Der Spargel schießt, wie man sagt. Doch schon an diesem Wochenende, wenn die ersten Stangen gestochen werden, haben viele Betriebe zu wenig Personal. Und in der nächsten Woche läuft auf den Höfen die Spargelsaison an.

Es fehlt vor allem an Leuten, die die körperlich anstrengende und nur bescheiden vergütete Arbeit auf den Feldern erledigen. Die meisten Saisonkräfte sind in den vergangenen Jahren aus Polen, noch mehr aus Rumänien und anderen osteuropäischen Ländern gekommen. In diesem Jahr erwächst den Spargelbauern daraus nun ein großes Problem, denn seit Ausbruch der Corona-Pandemie in Europa kommen weit weniger Erntehelfer, als für die gerade erst beginnenden Kampagnen hierzulande benötigt würden. Viele EU-Binnengrenzen sind weitgehend abgeriegelt und Transitwege gesperrt, zudem bleiben auch Saisonkräfte aus Sorge um ihre Familien daheim.

Die Ratlosigkeit, die sich angesichts dieser Lage bei den Spargelbauern entwickelt, treibt längst nicht nur die Agrar- und Gartenbauverbände der Region um. Auch Brandenburgs Landwirtschaftsministerium ist alarmiert. Am Dienstag war auch die Arbeitskräftesituation Thema einer Krisenrunde in Potsdam, ein weiterer Runder Tisch war für Donnerstagnachmittag geplant. Letztlich richten sich alle Blicke auf die Bundesregierung, von der man erwartet, dass sie mit den Herkunfs- sowie den Transitländern »verlässliche und kalkulierbare« Regelungen für die rechtzeitige Zureise von Erntehelfern aushandelt, wie es im Arbeitsministerium heißt.

Improvisieren hilft fürs Erste
Tomas Morgenstern hofft auf freiwillige Erntehelfer aus anderen Branchen

Tino Erstling, Sprecher des Bauernverbands Brandenburg, verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Bundeslandwirtschaftsminiserin Julia Klöckner (CSU) die Agrar- und Ernährungswirtschaft als systemrelevante, kritische Infrastruktur bewertet. Man müsse vor allem auch für die Ein- und Ausreise der polnischen Pendler eine Lösung finden. »Das Problem ist jetzt anzupacken, es besteht Handlungsbedarf«, so Erstling.

Von einer »angespannten Situation« aufgrund der erschwerten Einreisebedingungen spricht auch Andreas Jende, Geschäftsführer des Gartenbauverbandes Berlin-Brandenburg. Er warnt, dass die Saison gerade erst beginne. »Die Spargelernte steht bevor, doch auch beim Gurkenanbau läuft bereits die Anbauplanung. Dort sind die Verpflichtungen gegenüber den Vertragsbetrieben betroffen, also auch die Konservenproduktion im Spreewald.«

»Wir haben Probleme, ohne Frage«, sagte Jürgen Jakobs, Geschäftsführer des Beelitzer Spargelvereins, dem »nd«. »In Brandenburg brauchen wir in der Spargelernte rund 5000 Saisonkräfte. Davon sind ein Fünftel Polen, die meisten kommen aus Rumänien.« Blieben die aus, müssten die Beelitzer mit hohen Ernteverlusten rechnen. Sie bewirtschaften 1700 Hektar, mehr als ein Drittel der Spargelanbaufläche des Landes.

Laut Jakobs, der in Schäpe einen Spargelhof betreibt, hat der Beelitzer Verein 2300 Helfer fest eingeplant, von denen 85 Prozent aus Rumänien anreisen sollen. Nachdem sich der für sie vorbereitete Bustransfer nicht mehr realisieren ließ, habe der Verband Flugtickets für die rumänischen Erntehelfer gebucht - nun bange man, dass Rumänien kurzfristig eine Ausgangssperre verhängen könnte. »Das Land braucht doch frisches Obst und Gemüse«, so Jakobs etwas hilflos.

Ist die Lage der Obst- und Gemüsebauern auch ernst, eine Ernährungskrise ist nicht in Sicht. »Die Grundversorgung mit Lebensmitteln ist in jedem Fall gesichert«, erklärt Wiebke Schwarze, Sprecherin des Deutschen Raiffeisenverbandes in Berlin. »Auch bei der Versorgung der Landwirte mit Saatgut und Düngemitteln gibt es, soweit absehbar, keine Schwierigkeiten.« Die Agrarunternehmen seien für die anstehende Aussaat ohnehin gut vorbereitet. Und Saatgut-Expertin Nora Haunert versichert: »Für die Frühjahrsbestellung sind Sommergetreide und Co. reichlich verfügbar.« Auch für den Herbst seien keine Probleme abzusehen. »Der größte Teil unseres Saatgutes wird im übrigen in Deutschland produziert und aufbereitet«, erläutert sie.

Kreativität in der Krise beweist der Spargelhof Buschmann&Winkelmann in Klaistow bei Beelitz, der vergleichsweise gut gerüstet ist. »Als wir die Entwicklung in Italien gesehen haben, haben wir mit unseren langjährigen Mitarbeitern gesprochen, und viele haben sich entschlossen, eher zu kommen«, sagt Miteigentümer Ernst-August Winkelmann. »Fast 400 sind inzwischen angereist, damit bekommen wir den Start gut hin, doch übers Jahr brauchen wir gut 600 Saisonkräfte. Da muss also noch was kommen, sonst wird’s zum Saisonauftakt eng.« Man habe vorgesorgt, die eigenen Arbeitskräfte ohne Außenkontakt in einer eigens gekauften ehemaligen Kaserne untergebracht, Versorgung, Hygiene und ärztliche Betreuung und für den Notfall Quarantäneräume in Eigenregie organisiert. »Die Mitarbeiter sind die Existenzgrundlage unseres Unternehmens. Ihre Gesundheit geht vor.«

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