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Vor dem Sturm

Pflegekräfte warnen vor Ausnahmezustand / Neue Corona-Klinik soll schnell fertig sein

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist ein Rennen gegen die Zeit. Die Zahlen der am Coronavirus erkrankten und getesteten Menschen in Berlin steigen stark an: 688 bekannte Fälle meldete die Senatsgesundheitsverwaltung am Donnerstagabend. Um das Personal in den Krankenhäusern zu verstärken und die Versorgung der Vielzahl an zu erwartenden Corona-Patient*innen zu gewährleisten, wolle man alle Möglichkeiten nutzen, teilte Barbara Ogrinz von der Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG) am Donnerstag mit.

Berliner*innen mit einer medizinischen Ausbildung sind daher nun aufgefordert, sich an Einrichtungen zu wenden, die zu ihrem Qualifikationsprofil passen und sich für einen Einsatz vorzubereiten. Auch die Pflegeeinrichtungen müssten personell unterstützt werden, um deren Bewohner*innen sicher betreuen zu können, so Ogrinz. Interessierte sollten ihre Daten den Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen mitteilen, die für sie infrage kommen, heißt es weiter. Um die Telefonleitungen der Einrichtungen nicht zu überlasten, sollten die Unterstützungsangebote allerdings per E-Mail unterbreitet werden.

Während sich die bestehenden Krankenhäuser für die kommenden Wochen wappnen, soll die extra eingerichtete Corona-Klinik mit bis zu 1000 Betten auf dem Messegelände in spätestens drei Wochen fertig sein. Projektleiter Albrecht Broemme, ehemaliger Berliner Feuerwehrchef und Präsident des Technischen Hilfswerks sprach am Mittwoch gegenüber dem rbb von »20 oder 15 Tagen«. Entstehen soll die medizinische Einrichtung in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr, die am Donnerstag ein Amtshilfeersuchen vom Land erhalten habe. Für die Klinik wird laut Broemme eine der Messehallen umfunktioniert. Wenn die Prognosen des Robert Koch-Instituts (RKI) stimmten, »müssen wir das dann am Laufen haben«, betonte er. »Wir möchten es eben nicht haben, dass man dann selektieren muss; wen kann man noch beatmen und wer hat Pech?«

Das RKI sieht derzeit einen exponentiellen Anstieg der Fallzahlen und warnt vor einer Überlastung des Gesundheitssystems. Wenn die Menschen die Maßnahmen wie Abstandhalten nicht einhielten, könne es in zwei, drei Monaten bundesweit bis zu zehn Millionen Infektionen geben, hatte RKI-Chef Lothar Wieler am Mittwoch gewarnt. Ob die zuletzt verhängten Maßnahmen wie Schul- und Geschäftsschließungen die Virusausbreitung hemmen, wird sich laut RKI aber erst in einigen Tagen in den Meldezahlen zeigen.

Viele pensionierte Ärzt*innen und Pflegekräfte sowie Studierende hätten sich zur Unterstützung der neuen Klinik angeboten. Anderswo abziehen könne man das Personal nicht, so Broemme. Die Hilfsbereitschaft sei jedoch enorm: »Da sind die Berliner unschlagbar, auch mit ihren Firmen, und sagen, ich habe eine Idee, ich kann was beibringen, und da fragt im Moment keiner, ob er damit Geld verdienen kann.«

Die Charité hat derweil am Mittwoch eine kostenlose digitale App als Entscheidungshilfe für einen Test auf das neue Coronavirus vorgestellt, die Menschen mit Internet-Zugang nutzen sollen. Dort kann man online einen Fragebogen beantworten und Handlungsempfehlungen erhalten. Die »CovApp« erbringt aber keine diagnostischen Leistungen, so Ulrich Frei vom Vorstand Krankenversorgung der Charité. Sie könne aber dabei helfen, die Notwendigkeit eines Arztbesuches oder eines Tests auf das Virus besser einzuschätzen. Bei den Fragen gehe es zum Beispiel um aktuelle Symptome, Reisen und mögliche Kontakte. Nutzer erhielten nach Beantwortung des Fragenkatalogs auch die medizinisch relevanten Informationen für ein etwaiges Arztgespräch. Darüber hinaus gebe es Infos, wie sich das eigene Infektionsrisiko reduzieren lässt. Ziel der Charité-Initiative sei es, die Abläufe in ihrer stark ausgelasteten Untersuchungsstelle weiter zu verbessern.

Eine am Dienstag gestartete Petition der Charité-Pflegekraft Ulla Hedemann auf der Plattform »We act« hat unterdessen bereits fast 100.000 Unterschriften erhalten. Angesichts der absehbaren Ausnahmesituation in den Krankenhäusern, so Hedemann, müssten dringend Maßnahmen ergriffen werden, um die Krise vor dem Hintergrund des kaputtgesparten Gesundheitswesens bewältigen zu können. Seit 20 Jahren seien die Krankenhäuser der Logik »Der Markt regelt das schon« unterworfen. Kostendruck und Profitorientierung hätten dazu geführt, dass immer mehr Patient*innen in immer kürzerer Zeit mit weniger Personal versorgt werden mussten.

»Jetzt in der Covid-19-Krise rächt sich diese Politik besonders«, so der Wortlaut der Petition. Man brauche mehr Personal und ausreichend Schutzkleidung, müsse Hygienemaßnahmen unmittelbar durch eine sofortige Aufstockung des Reinigungspersonals verbessern und Mitarbeiter*innen engmaschig auf den Virus testen. Neben einer Einbindung der verschiedenen Fachbereiche und Berufsgruppen in erweiterte Krisenstäbe an den Krankenhäusern fordern Hedemann und ihre Unterstützer*innen vor allem Transparenz: »bezüglich betroffener Patient*innen, Maßnahmen, Planungen, Bettenkapazitäten und Materialbeständen«. Nicht zuletzt müssten geplante und laufende Krankenhausschließungen sofort beendet werden.

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