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Leben auf Kredit - und wer zahlt?

Sieben Tage, sieben Nächte über geschlossene Geschäfte und leere Fabriken

Von Stephan Kaufmann

Geschlossene Geschäfte, leere Fabriken, Ausgangssperren - die Maßnahmen zur Verlangsamung der Ausbreitung des Coronavirus werden die Wirtschaft hart treffen. Härter als die große Finanzkrise ab 2008, sagen Experten, und vermutlich haben sie recht. Worin besteht derzeit das Problem der Wirtschaft und vor allem einer kapitalistischen Wirtschaft? Das kann man anhand eines Beispiels verdeutlichen, das vereinfacht ist, aber auch in komplizierteren Varianten seine Logik nicht verändert.

Nehmen wir an, eine Wirtschaft besteht aus drei Berufsgruppen. Gruppe 1 backt das Brot, Gruppe 2 frisiert die Menschen, Gruppe 4 baut Autos. Nun kommt das Virus. Die Personen aus Gruppe 2 und 3 können zu Hause bleiben, sie werden vorübergehend nicht benötigt. Gruppe 1 muss weiterarbeiten zur Versorgung der Menschen mit Brot. Die Produktionsmittel sind nicht das Problem, denn Öfen und Teigrührmaschinen stehen ja schon bereit. Sollte es krankheitsbedingt zu Bäckerknappheit kommen, müsste überlegt werden, wie Personen aus Gruppe 2 und 3 aushelfen können. So weit das materiell-technische Problem der Versorgung.

Nun zum kapitalistischen Problem: Das herrschende Wirtschaftssystem basiert auf Tausch und damit auf Geld. Folge: Bleiben Gruppe 2 und 3 wegen des Virus zu Hause, haben sie keine Einnahmen. Daher können sie auch kein Brot mehr kaufen. Daraufhin gehen die Bäcker pleite und produzieren nicht mehr. Das absurd anmutende Ergebnis ist, dass alle ruiniert sind, obwohl gesamtgesellschaftlich alles da ist: die Maschinen zur Produktion, die Arbeitskräfte, und sogar das Geld ist irgendwo, was allerdings nichts hilft, da die Kette der Zahlungsvorgänge unterbrochen ist. Geld, so heißt es immer, eröffnet den Zugang zu allen Waren. Das bedeutet aber umgekehrt: Fließt es nicht, sind alle von den Gütern des Lebens ausgeschlossen.

Nun kommt der Staat ins Spiel: Er borgt sich das brachliegende Geld oder schafft es selbst, indem er seine Zentralbank Geld drucken lässt. Dieses Geld gibt der Staat weiter als Kredit oder als Geschenk (»Helikoptergeld«) an Friseure, Autobauer und Bäcker. Oder er leiht es den Banken, die es ihrerseits weiterverleihen an die Wirtschaftssubjekte. Mit dieser Zahlungsfähigkeit ausgestattet, können sie weiter kaufen, produzieren und konsumieren. Der Staat umgeht damit vorübergehend den kapitalistischen Zwang, dass man etwas verkaufen muss, um an Geld zu kommen, mit dem man dann einkaufen kann und dem Verkäufer dadurch einen Profit einspielt. Das macht der Staat so lange, bis die Wirtschaft wieder »läuft«. Dann allerdings haben sich die Schulden der Gesellschaft vervielfältigt - alle haben Kredite aufgenommen, die zurückgezahlt werden müssen. Und dann liegt irgendwann die heiße Frage auf dem Tisch: Wer zahlt?