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Corona

Wer darf, spielt

Der russische Sport drückt sich noch vor folgenschweren Entscheidungen.

Von Ute Weinmann, Moskau

Auch wir stehen unter Beschuss.« So kommentierte ein russischer Sportjournalist mit Bedauern die Entscheidung der Moskauer Behörden, Großveranstaltungen in der Hauptstadt, wie im Westen Europas, bis auf Weiteres zu untersagen. Noch am vergangenen Wochenende schrien Tausende St. Petersburger Fußballfans im Stadion bei einem Heimspiel von Zenit gegen Ural Jekaterinburg trotzig gegen das Virus an: »Wir sterben alle!«

Der russische Fußballverband RFS reagierte zunächst verhalten auf die sich verändernde Lage in Moskau und setzte darauf, anstehende Spiele vor kleinerem Publikum oder in anderen Städten mit gut ausgebauten Stadien ausrichten zu dürfen. Doch angesichts wachsender Zahlen nachgewiesener Infektionen legte die Premier Liga eine Auszeit bis 10. April fest. Gleiches gilt für die zweite und dritte Spielklasse. Vorläufig - wie es danach weiter geht, weiß niemand. Wenige Tage zuvor plädierten Optimisten wie der hochrangige Sportfunktionär Alexej Sorokin noch dafür, die Fußball-Europameisterschaft in diesem Sommer spontan nach Russland zu holen. Aktuell stehen andere Frage im Vordergrund, nämlich ob und wie die laufende Saison zu Ende gebracht werden kann. Nur beim westlichen Nachbarn in Belarus scheint die Fußballwelt noch halbwegs in Ordnung. Zum Saisonauftakt in der ersten Liga siegte der FC Minsk am 19. März mit 3:1 gegen BATE Borisow - ohne Zuschauerbeschränkungen.

Sergej Semak, Trainer des nach bislang 22 ausgetragenen Erstligaspielen tabellenführenden Klubs Zenit St. Petersburg, will trotz erzwungener Pause seine Mannschaft auf das abgesagte Spiel mit ZSKA Moskau vorbereiten. Beim Fernsehsender Match TV äußerte er sich bedingt optimistisch. »Ich weiß nicht, ob das möglich sein wird, aber mir liegt viel daran, dass die Meisterschaftsspiele nachgeholt werden.« Seine Spieler schickte er vorerst ins Homeoffice - das Training könne auch per Skype fortgesetzt werden. Ilja Gerkus, Sportmanager und ehemaliger Präsident von Lokomotive Moskau sprach sich deutlich dafür aus, folgenschwere Entscheidungen aufzuschieben und die Saison nach Ende der Zwangspause fortzusetzen.

Nicht alle teilen diese Ansicht. Leonid Fedun, Besitzer des Fußballklubs Spartak Moskau, möchte mit Blick auf horrende finanzielle Verluste die Saison am liebsten sofort beenden. Mit einigen Spielern bestünden Verträge über enorm hohe Summen, die sich angesichts wegfallender Einnahmen nicht kompensieren ließen. Auch Sponsoren und andere Geldquellen ließen sich unter den gegebenen Umständen nicht erschließen. Dazu kommen der Verfall des Rubels und sinkende Ölpreise. »Ich weiß nicht, wie die Klubs das überstehen sollen«, sorgt sich Fedun. Er forderte zudem, die Regeln zum finanziellen Fair Play auszusetzen. Aber: Spartak steht in der Tabelle an achter Stelle und darf sich ohnehin keine Chancen auf einen lukrativen Tabellenplatz mehr ausrechnen.

Der bekannte Fußballkommentator Wassili Utkin verwies in diesem Zusammenhang auf Feduns Hintergrund als Hauptaktionär und Vizepräsident des Ölgiganten Lukoil. Möglicherweise ginge es ihm darum, Einbußen des Konzerns auf einem niedrigen Niveau zu halten. Bei den Fans dürfte sich Fedun damit nicht sehr beliebt machen. Jedenfalls überzeugt sein finanzielles Argument wenig, da die Erstligaklubs nur zu einem geringen Teil auf Ticketeinnahmen angewiesen sind.

Indes erteilte das russische Sportministerium inzwischen auch allen im Land geplanten internationalen Sportveranstaltungen eine Absage. Seit Mittwoch gilt zudem ein Einreiseverbot für ausländische Staatsbürger - zunächst bis Anfang Mai. Danach stellte die Eishockeyliga ihre Play-offs für eine Woche ein, um in der Zeit mit den zuständigen Behörden Alternativen für die Durchführung der zweiten Etappe um den Gagarin Cup abzustimmen. Auch im Eiskunstlauf stehen die Zeichen auf Sturm. Eine für den 29. März annoncierte Show mit den Stars der Szene unter dem Motto »Vorwärts, Russland!« wurde abgesagt, ebenso wie die Weltmeisterschaften in Montreal, wo sich russische Athletinnen und Athleten Hoffnungen auf Gold machten.

Auch wenn es aufgrund der Ansteckungsgefahr in der Öffentlichkeit viel Verständnis gibt für drastische Maßnahmen, empfinden manche Sportgrößen die Störung gewohnter Abläufe immer noch als völlig übertrieben. »Das ist nur Panikmache«, lautete das Urteil von Eiskunstlaufolympiasieger Aleksej Jagudin in einem Interview mit dem Fernsehsender RTVi. »Menschen erkälten sich, werden krank, sterben.«

Komplett auf Eis gelegt ist der russische Sport trotzdem nicht. Wer darf, spielt weiter. Für die anstehenden Play-offs im Volleyball bei Männern und Frauen gelten zwar Einschränkungen, aber gestoppt werden sollen die Meisterschaften nicht. Zumindest um die Vergabe der vorderen Plätze dürfen die aktuellen Favoriten weiterkämpfen - vor leeren Tribünen oder mit einer beschränkten Zahl zugelassener Fans. So stehen an diesem Sonnabend die Halbfinalspiele in der Frauen-Superliga von Lokomotiv Kaliningrad gegen Jekaterinburg und Dynamo Kasan gegen Dynamo Moskau an. Bei den Männern finden am Wochenende vier Qualifikationsspiele statt, darunter Zenit St. Petersburg gegen Belogorja aus Belgorod. Und am 26. März geht es im Rückspiel im europäischen CEV-Cup zwischen St. Petersburg und Lokomotive Nowosibirsk um den Finaleinzug. Das Hinspiel konnten die sibirischen Volleyballer am Mittwochabend zu Hause vor leeren Plätzen mit 3:1 für sich entscheiden.

Ebenfalls nur mit laufenden Kameras für Fernsehzuschauer anstelle anfeuernder Rufe von den Tribünen müssen die Wasserballer in Russland vorlieb nehmen. Die fünfte Spielrunde in der Oberliga der Männer findet derzeit in Wolgograd statt. Und beinahe hätten auch die Jugend-Langlaufmeisterschaften in Archangelsk stattgefunden, eine halbe Stunde vor dem ersten Startschuss kam dann das Aus - wegen des Infektionsverdachts mit dem Coronavirus bei einem der Skiläufer.

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