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Das Merkel-Vakuum

Christoph Ruf meint, dass der Fußball besser auf die nahe Zukunft vorbereitet ist als die Bundesregierung auf die Gegenwart

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Vergangene Woche habe ich mit einem Fußballmanager telefoniert. Auch an diesem Tag hatte er über nichts anderes als Corona nachgedacht. Das merkte man an dem exakt durchgerechneten Szenario, das er für den Fall präsentierte, dass in den kommenden Monaten keine Spiele stattfinden können.

Planspiele für den Tag X, dem Neustart, der dann ohne Zuschauer stattfinden wird, existieren demnach. Beim Training wären Duschen und Kabinen tabu, die Spieler würden im Trainingsanzug aus dem Auto steigen und im gleichen Dress zurückfahren.
Erstaunlich, wie viele Vereine ihre Spieler dazu gebracht haben, auf einen Teil ihrer Gehälter zu verzichten. Auch mit dem Hinweis, dass es bald überhaupt kein Geld mehr zu verdienen geben könnte, wenn die Vereine sich nicht irgendwie in den Sommer retten. Die Branche wirkt gerade relativ klar im Kopf. Auch wenn sie es nicht laut sagen darf: Um die Ergebnisse der Geisterspiele, um Auf- und Abstieg, wird es nicht mehr gehen. Sondern nur noch um die Auszahlung der letzten Tranche der TV-Einnahmen. Die Alternative wären Tausende verlorene Jobs in einer Branche, in der die Zeugwarte und Büroangestellten den Kopf hinhalten müssen, wenn der Profibereich Probleme bekommt.

Der Manager hat dann irgendwann sehr plastisch erzählt, wie er die Realität außerhalb seines Büros wahrnimmt. Kinder, die in großen Gruppen herumtobten, Supermärkte, die zu 50 Prozent von Rentnern bevölkert wurden und Teenager, die um Badewannen mit eisgekühltem «Corona»-Bier herumsaßen. Am Freitag zeigte die «Heute-Show» eine Frau, die sich beim Friseur die Haare färben ließ und ohne jede Selbstironie forderte, «die Leitung» müsse Friseurbesuche verbieten. «Denn das hier ist echt megagefährlich.» Mit der «Leitung» meinte die Frau ganz offensichtlich die Regierung, irgendeine Instanz, die sagt, wo es langgeht. Selten ist die weit verbreitete deutsche Autoritätsfixiertheit so schön karikiert worden, wie diese Frau es ganz unfreiwillig tat.

Und selten ist klargeworden, was an der öffentlichen Debatte derzeit noch so merkwürdig ist: Es gibt keine öffentliche Debatte. Die Regierung soll es regeln. Merkwürdigerweise vertrauen nicht nur Minderbemittelte darauf, dass dann gute Beschlüsse zu erwarten sind.
In Krisenzeiten, so scheint es, verbietet sich Deutschland Kritik an den Herrschenden. Das war schon 1914 so, als Wilhelm II. ausrief, er kenne «keine Parteien mehr», sondern «nur noch Deutsche». Das Bedürfnis nach Einstimmigkeit und Harmonie überlagert alles. Anders ist nicht zu erklären, dass es nach der schreiend inhaltsleeren Ansprache der Kanzlerin kaum Kritik aus dem Parlament gab. Auch in den meisten Medien wurden vor allem Ernst und Ton der Merkel’schen Rede hervorgehoben.

Ich habe sie unter bundesregierung.de noch mal nachgelesen und habe mich zunächst gewundert, dass im Kanzleramt offenbar auch nicht mehr Wert auf Kommaregeln, Grammatik und Orthografie («Für jemandem wie mich»/ «dass ist ein Vater oder Großvater ...») gelegt wird als in der Grundschule. Ansonsten fand ich die Rede genauso heuchlerisch und inhaltsleer wie schon am Mittwoch. Doch offenbar wärmt es vielen das Herz, wenn sie von «der Leitung» freundliche Worte für das Pflegepersonal hören: «Was Sie leisten, ist gewaltig, und ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür.»

Aber wer ist eigentlich dafür verantwortlich, dass Pflegekräfte so unterbezahlt sind, dass überall Personalnotstand herrscht? Dass die Infrastruktur verrottet und schwarze Nullen erst aufgegeben werden, wenn es um Leben und Tod geht? Etwa nicht die «Leitung», die von der gefühlt seit Wilhelm II. amtierenden Kanzlerin geführt wird? Einer Kanzlerin, die zu Vorsicht und «Abstand halten» ermahnt, der aber keiner die Frage stellt, warum es zu wenige Atemschutzmasken gibt und warum niemand schon im Januar auf die Idee gekommen ist, bei einer herannahenden Pandemie genau die Vorkehrungen zu treffen, die dann vor zwei bis drei Wochen zaghaft anliefen. Desinfektionsmittel rühren die Krankenhäuser gerade wie vor 50 Jahren selbst zusammen, sie haben ja auch sonst nichts zu tun. «Nein, die gleiche Kanzlerin, die auch in Sachen Klimawandel stets auf nette Fotos vor Eisbergen setzte und ansonsten tatenlos blieb, hat auch diesmal den Schuss nicht gehört. Für nette Worte und Appelle an Eigenverantwortung und Vernunft ist es zu spät.

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