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Auftakt zur »neuen Ostpolitik«

Vor 50 Jahren kam es in Erfurt zum ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen seit 1949

Dieser Tage wird in Erfurt an ein denkwürdiges Ereignis erinnert: Am 19. März 1970 traf Willy Brandt in Erfurt ein. Der damalige Kanzler der Bundesrepublik leitete mit seinem Besuch in der DDR und dem Treffen mit Willi Stoph, dem Ministerpräsidenten des kleineren deutschen Staates, das Ende der politischen Eiszeit zwischen Bonn und Berlin ein. Der Gipfel von Erfurt bildete zugleich den Auftakt zu Brandts »neuer Ostpolitik«. Und er war die erste Zusammenkunft von Spitzenpolitikern beider Staaten seit deren Gründung 1949.

In Erfurt erinnern sich Zeitzeugen wie Roland Büttner an jenen denkwürdigen Frühlingstag. Daran, wie Tausende Menschen die Postenketten von Volkspolizei und Staatssicherheit durchbrachen, kurz nachdem Brandt vom Hauptbahnhof der damaligen Bezirksstadt in das nahe Hotel »Erfurter Hof« gegangen war. Daran, wie aus der Menschenmenge skandiert wurde: »Willy Brandt ans Fenster!« Wie der Sozialdemokrat dem Wunsch schließlich nachkam und die Demonstranten mit einer zurückhaltenden Handbewegung grüßte.

Büttner erzählt, die Brandt-Visite habe damals die Umzugspläne seiner Schwiegermutter durcheinandergebracht. Seine Geschichte ist exemplarisch dafür, wie viele DDR-Bürger das Ereignis erlebten, nämlich inmitten ihrer täglichen Aufgaben, in den Betrieben oder in ihren Wohnungen. Eigentlich, sagt Büttner, habe er der Schwiegermutter beim Umzug helfen wollen. Deshalb habe er schon lange vorher in seinem Betrieb um die Erlaubnis gebeten, nicht zur Arbeit kommen zu müssen. »Das hatte mein Direktor auch zunächst genehmigt«, erinnert sich der heute 83-Jährige. Als dann aber bekannt geworden sei, dass Willy Brandt nach Erfurt kommen würde, sei die Erlaubnis zurückgezogen worden. Der Direktor habe »von oben die Weisung bekommen«. Vermutlich habe die SED verhindern wollen, dass Westjournalisten während der Brandt-Visite mit zu vielen DDR-Bürgern in Kontakt kämen.

Tatsächlich wurde es von DDR-Autoritäten nicht gern gesehen, dass bundesdeutsche Korrespondenten über die begeisterten Rufe der Menschen vor dem Erfurter Bahnhofsvorplatz und vor dem Hotel berichteten. Daran änderte sich auch dadurch nichts, dass die Partei später am Tage Linientreue nach Erfurt brachte, die Sprechchöre wie »Ob mit, ob ohne Willy Brandt, die DDR wird anerkannt« anstimmten. Im DDR-Fernsehen wurden die Spontandemonstranten später als »offensichtlich bestellte Provokateure« dargestellt.

Die DDR-Führung hatte keine Mühe gescheut, dem Bundeskanzler ein möglichst positives Bild des Arbeiter- und Bauernstaates und seiner Bewohner zu vermitteln. Roland Büttner meint, er habe »noch nie so viele Kehrmaschinen mit Leipziger Kennzeichen durch die Innenstadt von Erfurt« fahren sehen wie unmittelbar vor Brandts Besuch. Auch die Schaufenster der Innenstadtläden hätten in den Tagen zuvor ein ungewohntes Bild geboten. Sie seien oft hell erleuchtet gewesen, weil Dekorateure die Auslagen besonders hübsch gestaltet hätten. »Und an den beiden Tagen vor dem Besuch waren sehr viele Seniorinnen und Senioren hier in der Innenstadt zugegen, die wussten, dass das Warenangebot gerade besonders groß war. Die haben eingekauft und eingekauft.«

In einem Brief, den Büttner viele Jahre nach der Wende bekommen hat, ist noch eine andere Facette der Vorbereitungen für den Brandt-Besuch geschildert: Darin erinnert sich eine inzwischen verstorbene Frau daran, wie kurz vorher Maler in ihrer Küche arbeiteten - die dann plötzlich abgezogen wurden, auch auf Anweisung »von oben«. Der zuständige Vorarbeiter, schreibt die Erfurterin, habe ihr damals gesagt, alle verfügbaren Handwerker der Stadt hätten den Auftrag erhalten, den Bahnhof auf Vordermann zu bringen. Erst nach Brandts Abreise sei die Küche fertig gestrichen worden.

Viele DDR-Bürger verfolgten das Treffen von »Willy und Willi« und dessen Begleitumstände mit großem Interesse. Büttner sagt, er habe am Abend des 19. März »im Westfernsehen« viele Details der Ereignisse erfahren. Schon tagsüber habe einer seiner Kollegen im Betrieb ein Kofferradio dabei gehabt, dem man sich immer wieder zugewendet habe. Der Kollege habe dann »immer aufgepasst, dass nicht ein Westsender eingestellt war, wenn gerade jemand in das Arbeitszimmer rein kam«.

Seit 2009 prangt der Schriftzug »Willy Brandt ans Fenster« auf dem »Erfurter Hof«. Vor dem 50. Jahrestag des Gipfels eröffnete am 8. März der ehemalige Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) im Erfurter Stadtmuseum die seit dem vergangenen Oktober durchs Land tourende Wanderausstellung »Willy Brandt - Freiheitskämpfer, Friedenskanzler, Brückenbauer«. Wegen der Coronakrise ist sie allerdings bis auf Weiteres geschlossen.

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