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Mein linker, rechter Platz ist leer

BVG und S-Bahn Berlin haben wegen der Coronakrise Fahrten gestrichen

  • Von Jonas Wagner
  • Lesedauer: 4 Min.
Außer zu den Stoßzeiten bieten die Waggons reichlich Platz.
Außer zu den Stoßzeiten bieten die Waggons reichlich Platz.

Der S-Bahnhof Alexanderplatz ist am Montagvormittag gegen 10 Uhr beinahe wie ausgestorben. Ein Sinnbild dafür, wie sehr die Corona-Pandemie Berlin im Griff hat. Man hört das Klackern der Rolltreppen, so still ist es. Nur einige wenige Fahrgäste warten auf den Bahnsteigen auf ihre S-Bahn. Und obwohl die S5 zeitweise wegen einer Signalstörung ausfällt, sind die anderen Züge der Stadtbahn relativ leer. In den meisten Abteilen sitzt nur ein Mensch, die meisten Passagiere versuchen, möglichst viel Abstand zu anderen zu halten. Lediglich beim Ein- und Aussteigen stehen die Menschen recht dicht beieinander - kein Vergleich jedoch zum normalen Gedränge an den Türen.

Bereits seit Donnerstag fallen die Verstärkerzüge auf S1, S3 und S5 im Berufsverkehr aus. Am Samstag fielen auch die Linien S26, S45 und S85 weg. Am Wochenende führte die Einstellung der S85 auf dem stark nachgefragten östlichen Teil der Ringbahn in Kombination mit den aus nur vier Wagen bestehenden Zügen der S8 zu relativer Enge.

Ein ähnliches Bild wie am Alexanderplatz bietet sich auch an anderen Stationen: Der Bahnhof Friedrichstraße ist wie leergefegt, im Ostbahnhof warten kaum Passagiere und auch an der Warschauer Straße ist das Fahrgastaufkommen sehr überschaubar. Am Kottbusser Tor ist es ebenfalls verhältnismäßig leer. Auf der Strecke zwischen Warschauer Straße und Nollendorfplatz fährt nur noch die U1 wie alle anderen Linien aktuell im Zehn-Minuten-Takt. Die U3 endet von Krumme Lanke kommend am Nollendorfplatz.

»Ich gehe immer noch jeden Tag zur Arbeit, und die Bahnen sind leer«, berichtet Frau Baladin, die am Kottbusser Tor auf die U1 wartet. Ihren Vornamen will sie nicht nennen. Sie selbst achte darauf, in den Bahnen nichts anzufassen und ihre Hände zu desinfizieren. »Ich finde schon, dass die Menschen den Sicherheitsabstand einhalten«, so ihre Beobachtung. Ein anderer Fahrgast sieht das etwas anders: Er habe das Gefühl, dass die U-Bahnen morgens im Berufsverkehr genauso voll seien wie immer, sagt er. Doch gerade abends und am Wochenende gebe es kaum Passagiere.

»Es ist definitiv leerer«, erzählt Mara zwei Etagen tiefer, auf dem Bahnsteig der U8. Sie habe in der oft notorisch überfüllten Linie sogar einen Sitzplatz bekommen. Wenige Meter weiter erklärt ein anderer Fahrgast, er wundere sich etwas, denn auf dem Bahnsteig sei mehr los, als er erwartet hätte. Doch generell seien die Bahnen »sehr leer, und dadurch ist es wieder okay«.

Petra Nelken, Pressesprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), bestätigt den Eindruck vieler Passagiere: »Wir haben bestimmt fünfzig Prozent weniger Fahrgäste«, erklärt sie auf nd-Anfrage. Dennoch seien die Bahnen im Berufsverkehr teilweise voll. Deswegen appelliert Nelken an die Nutzer*innen des Nahverkehrs, sich nach Möglichkeit in der Rushhour zu verteilen. Oft seien Bahnen und Busse, die kurze Zeit später abfahren, schon bedeutend leerer, so die Sprecherin.

»Die BVG hat so viele Züge fahren zu lassen, dass der geforderte Abstand von 1,50 Meter zwischen den Menschen gewährleistet wird«, sagt Jens Wieseke, Sprecher des Berliner Fahrgastverbands IGEB. Die Umstellung des Busverkehrs auf ein geringeres Angebot in der letzten Woche sei schon »sehr holprig« verlaufen, kritisiert er. Aufgrund von Abstimmungsproblemen bei der BVG seien etwa Busse ausgefallen oder überfüllt gewesen. »Die BVG ist aufgefordert, schnell nachzusteuern und den Takt zu verstärken«, sollte es etwa in Stoßzeiten zu einem großen Andrang kommen, so Wieseke weiter. Auch sollten Züge immer mit maximal vielen Wagen fahren, damit die Passagiere sich in der Bahn verteilen könnten, und Türen sollten - sofern möglich - automatisch öffnen. Überdies fordert Wieseke, dass die Toiletten in den Bahnhöfen der Deutschen Bahn kostenlos zugänglich werden, wie es schon bei den Autobahn-Raststätten der Fall ist: »Das hat oberste Priorität.«

Aktuell gebe es trotz eines hohen Krankenstandes keine Personalengpässe, berichtet BVG-Sprecherin Nelken. Auf Dauer ergebe es keinen Sinn, leere Bahnen durch die Gegend fahren zu lassen. »Wir müssen auch ein bisschen schonend mit Menschen und Material umgehen«, schließlich wolle man so lange wie möglich durchhalten.

Diesen Dienstag wird auch der Regionalverkehr weiter eingeschränkt. die Linien RB14, RB43 und RB49 entfallen »aus betrieblichen Gründen« ersatzlos bis 19. April, wie DB Regio mitteilte. Auf der RB23 wird zwischen Potsdam und Michendorf ein Busnotverkehr eingerichtet, auf der RB55 ist das bereits der Fall.

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