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Corona macht die WHO gesund

UN-Gesundheitsorganisation koordiniert die Maßnahmen gegen die Pandemie weltweit

  • Von Marc Engelhardt, Genf
  • Lesedauer: 4 Min.
Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus während einer virtuellen Pressekonferenz aus dem Genfer WHO-Hauptquartier
Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus während einer virtuellen Pressekonferenz aus dem Genfer WHO-Hauptquartier

»Guten Morgen, guten Tag und guten Abend, wo immer Sie gerade sind!« Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, kann sich bei seinen Auftritten derzeit einer globalen Zuhörerschaft gewiss sein. Beinahe täglich setzt er sich vor laufenden Kameras in einen der größten Säle der WHO-Zentrale in Genf, damit er ausreichend Abstand zu anderen Rednern halten kann. Journalisten sind nur online zugeschaltet. Adhanom und die von ihm geführte UN-Sonderorganisation legen Wert darauf vorzuleben, was sie der Welt zur Eindämmung der Corona-Pandemie empfehlen. Das trägt zu der neuen Glaubwürdigkeit bei, mit der die WHO die Krise seit Wochen managt. Sie setzt technische Standards, koordiniert die Forschung an Medikamenten, unterstützt arme Länder. Sie hat einheitliche Hygieneregeln gesetzt und verbreitet weltweite Statistiken. Und sie gibt letztlich das Zeichen, wann immer eine Krankheit zum ernsten Gesundheitsproblem mutiert. Kurzum: Sie ist der globale Koordinator.

»Ich denke, die WHO tut, was sie kann«, lobt Gian Luca Burci, der am Genfer Graduate Institute ein Programm für globales Gesundheitsrecht leitet. 2014 und 2015 war er als oberster WHO-Rechtsberater dabei, als die Organisation auf ganzer Linie dabei versagte, den bis heute größten Ausbruch des Ebolavirus einzudämmen. »Es herrschte Chaos - es gab keine klaren Entscheidungsstrukturen, jeder hatte andere Vorstellungen, was jetzt zu tun sei.« Offenbar hat die WHO daraus gelernt, auch wenn Burci die Umstände der Coronakrise überwältigend nennt und warnt, die Bekämpfung sprenge »die Kapazitäten einer Organisation, die weltweit 8000 Angestellte hat und ein Budget, das dem des Genfer Universitätskrankenhauses entspricht.«

Damit legt Burci den Finger in eine Wunde, die maßgeblich zum Versagen in der Ebolakrise beitrug. Als diese in Westafrika ausbrach, hatte die WHO gerade die schlimmsten Kürzungen in ihrer Geschichte hinter sich. Ein Viertel des Haushalts hatten die Mitgliedsstaaten ihr gestrichen, Hunderte Mitarbeiter mussten gehen. In Afrika waren gerade noch drei Notfallexperten stationiert.

Ilona Kickbusch vom Hochschulinstitut für internationale Studien und Entwicklung in Genf gehört zu den Gesundheitsexpertinnen, die danach Empfehlungen für die nötigen Reformen bei der WHO erarbeiteten. Etwa für die Abteilung, die wie jetzt im Fall der Corona-Epidemie die Noteinsätze übernimmt. »Ganz hervorragend« arbeite diese, urteilt Kickbusch. »Die WHO hat von vorn herein ganz klare Empfehlungen ausgesprochen, wie man handeln sollte.« Man griff auf konkrete Beispiele von Ländern zurück, die Erfahrung mit dem Sars-Virus gemacht hatten.

Chinas drakonische Maßnahmen gegen das neuartige Coronavirus sind hingegen auch innerhalb der WHO umstritten, trotz der großen Erleichterung darüber, dass die Epidemie dort eingedämmt scheint. Die zahme, gar unterwürfige Haltung gegenüber Peking ist der vielleicht größte Kritikpunkt, der der WHO in der Coronakrise bisher gemacht wird. Nicht vehement genug sei Adhanom aufgetreten, obwohl die Chinesen den Ausbruch in Wuhan lange verheimlichten und jetzt behaupten, das Virus sei gar nicht zuerst in China ausgebrochen. Obwohl es dafür keine Belege gibt und die WHO immer wieder vor Falschinformationen warnt, blieb dies unkommentiert. Manche sehen darin den wachsenden Einfluss Pekings in der WHO. Andere glauben, Adhanom wolle während des Kampfes gegen die Pandemie keine politischen Grabenkämpfe, sondern globale Kooperation fördern, wofür er gerade das coronaerfahrene China braucht.

Um den Kampf zu finanzieren, hat die WHO - erstmals in der Geschichte der UN - ein Crowdfunding gestartet. Momentan fließen fast täglich Millionen von Staaten, aber auch von Einzelpersonen und Unternehmen wie der Internetplattform Tiktok oder auch vom Fußballweltverband Fifa. An diesem Mittwoch wird UN-Generalsekretär António Guterres für weitere Spenden werben, für die Arbeit der WHO und auch der anderen UN-Organisationen, die von der Coronakrise betroffen sind. So hat das Welternährungsprogramm seit dem Ausbruch der Pandemie für die WHO Schutzausrüstungen und Material in 67 Länder geflogen, weitere werden folgen. Weil unklar ist, wann Flüge und Grenzverkehr wieder normalisiert werden, will die Organisation in besonders hilfsbedürftigen Ländern Vorräte für drei Monate anlegen. Finanzbedarf alleine dafür: 1,9 Milliarden US-Dollar.

Damit die WHO ihre neue Schlagkraft auf Dauer behalten kann, braucht sie mehr verlässliche Ressourcen. Die Pflichtbeiträge der Länder sind trotz der von Deutschland vorangetriebenen, kürzlichen Erhöhung um drei Prozent noch viel zu niedrig. Einer der größten Geber ist seit Jahren die Gates-Stiftung, deren Einfluss viele als zu groß kritisieren - zumal jeder Dollar von dort auf Freiwilligkeit beruht. »Nach dieser Krise muss man sich die Finanzierungsmodelle neu ansehen, das kann nicht auf diesen Zufälligkeiten beruhen bleiben«, fordert Ilona Kickbusch.

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