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Eine Rede, nur für die Geschichtsbücher

HEPPENHEIMER HIOB: Roberto J. De Lapuente über die Kanzlerin im Angesicht der Coronakrise

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
Corona in Deutschland: Eine Rede, nur für die Geschichtsbücher

Lang erntete sie kein Lob mehr, über Jahre galt sie als diejenige, die auf ihr politisches Ende wartet, aussitzt bis September 2021. Letzte Woche war sie aber zurück: die Kanzlerin der Herzen. Allgemeine Anerkennung gab es für ihre Rede an die Nation, drastisch sei sie gewesen. Aber auch hoffnungsvoll. Ja, auch erbauend. Sie habe starke Worte an die Menschen im Lande gerichtet. Alles, was man ihr zuletzt an Kritik zukommen ließ, war wie weggeblasen. Sie war wieder da, auferstanden aus Ruinen, der Zukunft zugewandt. Das Land scheint wieder froh, sie zu haben.

Es schürt ja nun auch durchaus Zuversicht, wenn sie behauptet, dass Deutschland ein »exzellentes Gesundheitssystem« habe. Und besser als in Burundi oder Bulgarien ist es ja auch allemal. Was nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass es diese nun allseits beliebte Bundeskanzlerin und ihre verschiedenen Kabinette der letzten Jahre waren, die es fleißig bespart haben. Es fehlt besonders an Fachpersonal. Falls es hart auf hart kommt, wird uns das auf die Füße fallen.

In den Medien spricht man jetzt häufig vom Stresstest für das Gesundheitswesen. Das klingt ein wenig so, als würde das alles nur eine Maßnahme des TÜVs sein. Die Plakette gibt es wohl am Schluss. Dass dieses »exzellente Gesundheitssystem« daran scheitern könnte, klingt nie durch. Es wird als Bewährungsprobe verkauft. Dass indes die Krankenhäuser elektive Aufnahmen von Patienten rückgängig machen, Operationen für Kranke bis auf Weiteres aufgeschoben werden müssen, gehört auch zu diesem exzellenten Betrieb. Sie leben solange weiter mit Schmerzen und Ängsten, bis es Entwarnung gibt.

Die Kanzlerin ist hingegen raus aus ihrem Tal. Mal wieder. Vielleicht schaffen wir nicht immer all das, was sie uns als schaffbar anrät. Sie schafft es aber immer mal wieder. Im Grunde war die Frau schon vor der letzten Bundestagswahl an ihr Ende gelangt. Ich erinnere mich, wie ich einigen Arbeitskollegen bei einem Gespräch zuhörte. Es war nach einer Landtagswahl, bei der die AfD stark zugelegt hatte und die etwa ein Jahr vor der Bundestagswahl stattfand. Sie sagten sinngemäß, sie hätten nie Merkel gewählt, aber demnächst würden sie es tun, einfach um sie gegen die AfD zu stärken. Gefühlt waren das wohl Wähler der Grünen – jetzt wichen sie aus.

Fukushima, die AfD, dazu eine Sozialdemokratie, die kein Gegengewicht mehr entstehen lässt: Irgendwie kam immer irgendetwas dazwischen, um das politische Ende der Angela Merkel aufzuschieben. Nicht, dass jetzt die Krise um Covid-19 und ihre Ansprache etwas ändern würde - sie wird sicher 2021 abtreten müssen. Aber sie hat sich abermals als Profiteurin erwiesen, als jemand, dem das Glück immer dann hold ist, wenn andere Pech haben. Sie macht das nicht mit Eloquenz oder Verve, ihr Geschick besteht darin, irgendwie einen als mütterlich geltenden Beschützerinstinkt zu vermitteln.

Die Wahrheit ist aber, dass in Zeiten fehlender politischer Führungsfiguren, jemand schon wie eine vertrauensvolle Gestalt wirkt, wenn er halbwegs gerade auf einen Stuhl sitzen und in die Kamera blinzeln kann. Das kriegt sie hin. Sie unterfüttert dieses Talent mit euphemistischen Sätzen, geht nicht zu tief in medias res, zeichnet Krisen mit fatalistischer Attitüde und setzt auf pastorale Töne, die offenbar auch in unseren an Gottesfürchtigkeit nun wahrlich armen Zeiten immer noch gut ankommen.

Da war sie also wieder, die Alternativlose und die Unentbehrliche, die sich mit wenig Aufwand zurückmeldet. Diesmal nicht, um sich als Kanzlerin zu empfehlen, sondern um ihre Kanzlerschaft vor der Geschichte aufzustylen und mit Make-up zu verschönern. In den Rückblicken auf die Ära der Kanzlerin Merkel wird man jene Rede in Auszügen sehen, ihre staatsmännische Haltung loben und so den politischen Niedergang kaschieren, der in den Jahren 2005 bis 2021 stattfand. Jene Rede an die Nation war eher eine Rede für die Erzählung späterer Generationen: Wenn man sich einst erzählen wird, dass diese Frau über Jahre alternativlos war, weil sie das Beste war, was dieses Land zu bieten hatte. Danke, Merkel.

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