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Die Versorgung läuft übers Meer

Reeder fordern die Offenhaltung der Häfen für den Gütertransport - auch Krankenhäuser warten auf Waren

  • Von Hermannus Pfeiffer, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein Containerschiff beim Beladen im Hamburger Hafen
Ein Containerschiff beim Beladen im Hamburger Hafen

Kaum zwei Wochen ist es her, da forderte die Bundeskanzlerin bei der Vorstellung erster konkreter Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Covid-19 wichtige Industriezweige auf, ihre Aktivitäten fortzusetzen - Angela Merkel meinte damit auch die Häfen. Allein über die deutschen Seehäfen an Ost- und Nordsee werden jährlich rund 300 Millionen Tonnen an Gütern ein- oder ausgeführt.

Die Schifffahrt sei zusammen mit Lkw- und Bahnverkehr die wichtigste Säule der Versorgung, werde aber weit weniger beachtet, klagt der Verband Deutscher Reeder (VDR). Dabei werden weltweit 90 Prozent aller Waren übers Meer transportiert, von Brokkoli über Seltene Erden bis hin zu Mundschutzmasken. Schon im vergangenen Jahr ging der Seegüterumschlag leicht zurück. Laut Statistischem Bundesamt verlor dieser in den deutschen Häfen um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damals war das noch eine Folge von Brexit, Handelskonflikten und sich abschwächender Hochkonjunktur in Asien.

Der Hamburger Hafen blieb davon unbeeindruckt. Seine enge Verbindung mit China, die Nähe zu Osteuropa und die gute Hinterlandanbindung über die Schiene hielten ihn über Wasser. Am Mittwoch vermeldete die teilstaatliche Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), die zwei Drittel des Umschlags im größten deutschen Hafen abwickelt, für 2019 einen Umsatz und Gewinn, der deutlich über dem Vorjahr lag. Der Umsatz legte um 7,1 Prozent auf 1,35 Milliarden Euro zu. 7,6 Millionen Container schlug die HHLA um, in Hamburg sowie in Tallinn und Odessa.

Doch nun ist die Coronakrise auf dem Weg: Da die Fahrt eines Containerriesen aus China nach Nordeuropa sechs, sieben Wochen dauert, werden Quarantäne und Produktionsstopp in der Volksrepublik erst in den nächsten Tagen an der Elbe zu spüren sein. Gleiches gilt für die Konkurrenz in Rotterdam und Antwerpen. Die Frachter, die im Januar oder Februar in China losfuhren, sind teilweise nur halb voll.

Allerdings hofft die HHLA auf rasche Besserung, denn die Produktion in China sei jetzt ja wieder angelaufen. Daher rechnet Vorstandsvorsitzende Angela Titzrath schon im Mai wieder mit ansteigenden Ladungszahlen. »Wir versorgen Deutschland«, versicherte Titzrath mehrfach während einer Telefonkonferenz den lauschenden Journalisten.

Die Logistikkette über See darf nicht abreißen, meint Reederpräsident Alfred Hartmann, denn sie sei »essenziell«. Für den Wirtschaftsstandort Deutschland und auch für den einzelnen Menschen. »Jeder Supermarkt, jedes Unternehmen, aber auch jedes Krankenhaus ist auf Waren angewiesen, die per Schiff kommen.« Deutschland als fünftgrößte Schifffahrtsnation der Welt - allerdings fährt kaum noch ein Frachter unter deutscher Flagge - habe einen wesentlichen Anteil daran, dass es zumindest bislang zu keinen größeren Versorgungsengpässen gekommen sei. Schiffe als abgeschlossene Einheiten, die zudem wochenlang übers Meer fahren, seien in der derzeitigen Situation auch besonders virensicher. Dem VDR waren bisher auch keine Corona-Fälle an Bord deutscher Handelsschiffe bekannt. »Wir transportieren Waren, nicht Viren.«

Allerdings kann mittlerweile nicht mehr jeder Hafen angelaufen werden. Nach Beobachtung des VDR wird das Einlaufen von Handelsschiffen von Behörden an Land immer öfter drastisch beschränkt. »Das ist eine sehr unheilvolle Entwicklung«, warnt Hartmann. Seinen Appell, die Häfen unbedingt offen zu lassen, um Warentransport per Schiff weiter zu ermöglichen, hatte der Reederverband bereits im Rahmen eines Spitzentreffens von Arbeitgebern und Gewerkschaften mit der Bundesregierung vor wenigen Tagen im Kanzleramt vorgetragen - und breite Zustimmung erhalten. »Offene Häfen müssen eine absolute Priorität bekommen. Dies muss jetzt bei den Maßnahmen in Europa und weltweit berücksichtigt werden«, so Hartmann.

Dies betrifft übrigens auch die Seeleute: In vielen Häfen kann die Besatzung nach monatelangem Einsatz nicht mehr von Bord gehen, um die Heimreise anzutreten. Anderswo kommen sie nicht mehr zum Ausgangshafen ihrer Fahrt.

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