Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Polnische Pendelpause

Warschau streicht Ausnahmen von Quarantäne und stellt Brandenburg vor große Probleme

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Ab diesen Freitag, null Uhr, müssen sich alle Polen, die aus Deutschland zurück in die Heimat wollen, zwei Wochen in Quarantäne begeben. Den vielen Berufspendlern - die Industrie- und Handelskammer (IHK) spricht von 25 000 allein in Berlin und Brandenburg - ist es damit ab sofort nicht mehr möglich, wie gewohnt früh zur Arbeit und abends nach Hause zu fahren.

»Das trifft viele Brandenburger Unternehmen ins Mark. Der Mangel an Arbeitskräften wird nun in betroffenen Branchen brenzlig«, kommentiert Carsten Christ, Präsident der IHK Ostbrandenburg.

Polen hatte wegen der Coronakrise bereits am 13. März seine Grenzen für Ausländer geschlossen und heimkehrende Staatsbürger in Quarantäne geschickt. Bis jetzt galten jedoch Ausnahmeregelungen für Pendler. Diese hat Polen nun aufgehoben. »Nur noch bis Freitag können Menschen, die auf der anderen Seite der Grenze arbeiten, diese frei überqueren«, hatte der polnische Innenminister Mariusz Kaminski am Mittwoch in Warschau erklärt. Damit soll das Einschleppen des Coronavirus verhindert werden. Es gibt in Polen 957 bestätigte Coronavirus-Erkrankungen und 13 Todesopfer. Für Brandenburg sind 548 Erkrankungen und ein Todesfall gemeldet. Hier werden 37 Patienten stationär behandelt und drei davon künstlich beatmet.

»Bleiben Sie hier! Wir werden Sie unterstützen«, appellierte Brandenburgs Finanzministerin Katrin Lange (SPD) am Donnerstag an polnische Pendler. Diese sollen ab sofort eine Aufwandsentschädigung von 65 Euro pro Tag erhalten, wenn sie ihren Lebensunterhalt weiter in Brandenburg bestreiten und hierfür im Land bleiben. Obendrauf legt das Finanzressort 20 Euro täglich für jedes Familienmitglied, das mit nach Brandenburg übersiedelt. Damit solle der Mehraufwand etwa für die Übernachtung in Hotels oder Pensionen pauschal ausgeglichen werden, heißt es.

Die IHK Cottbus suchte nun kurzfristig freie Unterbringungskapazitäten für polnische Pendler und erstellte eine Liste, die Unternehmer der Region einsehen dürfen.

Nicht nur das Handwerk steht jetzt vor einer großen Herausforderung, sondern insbesondere auch das Gesundheitswesen. »Derzeit sind im Land Brandenburg etwa 280 polnische Kolleginnen und Kollegen tätig«, erklärte am Donnerstag Landesärztekammerpräsident Frank-Ullrich Schulz. Und damit meinte er nur die Mediziner. Hinzu kämen Krankenschwestern und Hebammen. »In manchen - vor allem grenznahen - Kliniken hat die Zahl der polnischen Mitarbeiter bereits eine Größenordnung von mehr als 30 Prozent aller Beschäftigten erreicht. Der Großteil davon sind Ärztinnen und Ärzte.« Wären diese durch die nahezu ohne Vorlauf eintretenden neuen Quarantäne-Regelungen an ihrer Arbeit gehindert, könnte dies zu schwerwiegenden Engpässen in der Versorgung führen. Schulz warnte: »In der derzeitigen Situation können und dürfen wir uns keinen medizinischen Aderlass in dieser Größenordnung leisten.« Darum begrüße er die Maßnahme der Landesregierung.

Ähnlich hatte zuvor Sachsen reagiert und Berufspendler aus Polen und Tschechien 40 Euro pro Tag zugesichert. Denn auch Tschechien hat seine Grenzen dicht gemacht. Bayern als Nachbar Tschechiens ist ebenso betroffen. Dort fehlen Ärzte und andere Pendler genauso.

Am Klinikum Uckermark in Schwedt sind rund 50 Mitarbeiter betroffen - überwiegend Ärzte, aber auch Krankenschwestern und Hebammen, berichtete der Ärztliche Direktor Rüdiger Heicappell im RBB-Inforadio. Bei insgesamt nur 140 Ärzten wird das Klinikum davon empfindlich getroffen. Man habe Hotelzimmer in der Umgebung angemietet, sagte Heicappell. Es sei aber nicht allen Kollegen möglich, nun erst einmal ganz in Deutschland zu bleiben.

Im Klinikum Frankfurt (Oder) klingt es nicht ganz so dramatisch. Nur knapp 30 der mehr als 1500 Mitarbeiter dort leben in Polen, sagte Pressesprecherin Kati Brand auf nd-Anfrage. Das Klinikum habe den Betroffenen »eine Unterkunft im Haus, alternativ in der Stadt Frankfurt (Oder) angeboten«.

In Frankfurt (Oder) arbeiten allerdings viele Polen in der Altenpflege. Insgesamt etwa 1250 Berufstätige kommen Tag für Tag über die Oder-Grenze, erläuterte Oberbürgermeister René Wilke (Linke). Nach Auskunft seines Pressesprechers Uwe Meier koordiniert die Stadtverwaltung jetzt eine hohe Zahl eingereichter Offerten von Hotels, Pensionen, sozialen Trägern und weiteren Institutionen, die polnische Pendler bei sich übernachten lassen wollen. »Nach ersten Rückmeldungen, die uns erreichen, wird das recht gut angenommen«, sagte Meier zu »nd«. Die Situation für die Pendler sei aber schlimm, so Oberbürgermeister Wilke. Diese müssten sich nun entscheiden »zwischen Familie und Einkommen«.

Nicht betroffen sind von der neuen Situation jene Agrarbetriebe, die ihre Erntehelfer aus Polen oder Rumänien in der Saison sowieso immer bei sich auf den Höfen unterbringen, so wie etwa beim Spreewaldbauern Ricken in Vetschau. Aber es sind polnische Pendler, die mit der dringend notwendigen Versorgung der Viehbestände befasst sind. »Die Nerven liegen blank«, sagte Landesbauernpräsident Henrik Wendorff. Auch die Erntehelfer der Obstbaubetriebe in Frankfurt (Oder) pendeln normalerweise täglich, erklärte Obstbauer Wolfgang Neumann dem »nd«. Akut sei das aber noch nicht, da als erste Kultur die Erdbeeren frühestens Anfang Juni reif werden. Seite 9

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln