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Corona

Politisierte Pandemie

Velten Schäfer schaut auf die ersten Wochen des deutschen Corona-Publizismus

Von Velten Schäfer

Es sei eine »Schande«, dass die Weltgesundheitsorganisation »diesen schweren Eingriff in die Freiheitsrechte von Millionen ohne Weiteres unterstützt«. So kommentierte die Korrespondentin der »Süddeutschen« am 27. Januar die Pekinger Entscheidung, das Corona-Virus mit massiven Einschränkungen der Bewegungsfreiheit zu bekämpfen. Sei doch die Volksrepublik zu derlei nur in der Lage, »weil die Menschen kein Mitbestimmungsrecht haben«. Und »hilfreich« sei all das auch nicht. Tatsächlich brächten die Maßnahmen eher »Menschen (…) in Gefahr«.

Diese jüngst noch oft gehörte Verurteilung der chinesischen Corona-Politik basierte auf einer Einschätzung, an die heute niemand mehr erinnert werden will: Noch Ende Januar, als sich die Volksrepublik schon veranlasst sah, zig Millionen zu isolieren und einen ökonomischen Schock hinzunehmen, fand nicht nur Gesundheitsminister Jens Spahn einen Vergleich von Covid-19 mit einer ganz normalen Grippe noch angemessen. Sondern ausdrücklich auch die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts.

Das klingt wie Jahrzehnte her, seit das Virus auch die Deutschen mit ihrem »Infektionsschutzgesetz« bekannt macht. Nun kann sich die WHO jedes Beifalls sicher sein, wenn sie gegen diesen »Feind der Menschheit« nach allen erforderlichen Mitteln ruft. Reminiszenzen an jenes »Mitbestimmungsrecht«, das man jüngst noch Peking vorhielt, rangieren nun kurz vor Wehrkraftzersetzung. Und flugs werden in der Qualitätspresse Positionen tragbar, die man noch unlängst als »chinesisch« gebrandmarkt hätte: »Nicht jedem muss jede Erkenntnis oder wissenschaftliche Vermutung sofort mitgeteilt werden«, empfiehlt etwa dieser Tage die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«. Denn zu viel Information »vergrößert« nur die »Unsicherheit« einer Bevölkerung, die »gesundheitsbezogene Informationen« nicht angemessen »beurteilen« könne - und daher wohl auch nicht mehr wissen müsse, als was sie jetzt zu tun hat.

Selten sind Einlassungen so rasch gealtert wie dieser Tage. Was indes gleich bleibt in der hiesigen Corona-Öffentlichkeit, ist eine handfeste Unfähigkeit zu trauern. Trotz aller Bekenntnisse bringt man es nicht fertig, die Pandemie nicht zu politisieren. Statt Solidarität herrschen Bigotterie und Schuldzuweisungen. So lautet der Vorwurf an Peking heute zwar nicht mehr, zu hart eingeschritten zu sein, sondern zu spät. Für klar aber scheinen viele nach wie vor zu halten, dass ein solcher Ausbruch »bei uns« nicht hätte passieren können. Und ist es wirklich noch wichtig, ob nun westlich-parlamentarische oder »autoritäre« Systeme besser mit einer solchen Herausforderung fertig würden?

Der Tiefpunkt aber besteht in der Weise, wie jetzt vielfach auf die russischen, chinesischen und kubanischen Hilfsaktionen für Italien reagiert wird. Stellvertretend suggeriert der »Spiegel« per Archivbild, dass Wladimir Putin und Xi Jingping jetzt höhnisch auf Corona anstoßen. Man drohe, den »Krieg der Bilder« zu verlieren! Natürlich haben zwischenstaatliche Handlungen stets symbolische Dimensionen. Diese sind aber keine Einbahnstraße. Man könnte diese ersehnte Unterstützung, die »wir« derzeit nicht leisten, ebenso gut als Versöhnungsgeste nicht nur deuten, sondern auch beantworten und somit wirksam machen.

Dass der liberale Mainstream, für den jenes Heft spricht, selbst jetzt zuerst an »Krieg« denkt, spiegelt ein Bewusstsein, das nicht weniger zynisch ist als die nun offenbar in China kursierenden Nachrichten von einem amerikanischen Ursprung des Virus: Die Mehrzahl der erstlichen Artikel über die Lage in der Volksrepublik befasst sich auch oder sogar vordringlich mit der Frage, ob oder inwieweit das Virus der Regierung schade.

Der optimistische Schluss wäre, so bitter das klingt: Solange die Situation so verhandelt wird, kann sie nicht so schlimm sein. Der pessimistische lautet hingegen, dass diese Rhetorik die einzig legitime Politisierung der Pandemie zu übertönen droht: die Frage nämlich, ob Gesundheit weiterhin auch Ware sein darf. Unzweifelhaft ist indes eins: Humanismus sähe anders aus.

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