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Coronakrise

Die gleichzeitige Ungleichzeitigkeit

sieben tage, sieben nächte über die Coronakrise

Von Stephan Fischer

Wenn alle plötzlich bemerken, dass sie im selben Boot sitzen, heißt das noch lange nicht, dass alle in dieselbe Richtung schauen. Es ist noch nicht einmal gesagt, dass die Existenz nur eines einzigen Bootes zur gleichen Zeit anerkannt wird. Die Coronakrise zeigt eine Ungleichzeitigkeit der Gleichzeitigkeit: Während alle gleichzeitig durch die Krise gehen, ist jeder unterschiedlich weit. Die Folgen der massiven Ausgangsbeschränkungen seit vergangener Woche waren in den Infektionszahlen noch gar nicht abzusehen, da sorgte eine leichte Abschwächung Anfang der Woche, die wahrscheinlich einfach nur der nachlaufenden Erfassung der Zahlen geschuldet war, für einen Hoffnungsschimmer. Dieser mündete in nicht mehr verstummen wollenden Forderungen, die Ausnahmemaßnahmen wieder zurückzufahren. Diese gleichzeitige Ungleichzeitigkeit lässt sich sogar an einzelnen Personen beobachten: So spricht der Gesundheitsminister Jens Spahn von der »Ruhe vor dem Sturm«, in der wir uns befänden - während er Pläne für ein schrittweises Hochfahren der Gesellschaft »nach dem Sturm« ankündigt.

Natürlich gehört zu verantwortungsvoller Politik beides. Ein Problem kann diese Gleichzeitigkeit trotzdem sein - für den Einzelnen. In Sorge um die Gesundheit Angehöriger, um Menschen, die zu einer »Risikogruppe« gehören oder die der Pandemie im Krieg oder auf der Flucht ausgesetzt sind, mag einem die Forderung nach einem Hochfahren des Wirtschaftslebens gleichsam zynisch erscheinen. Während der gleichzeitig ins Haus flatternde Brief des Unternehmens, dass Zustimmung zur »Kurzarbeit null« einfordert - ein Begriff, der manche im selben Moment schmerzhaft in die frühen 90er Jahre in Ostdeutschland katapultiert - den Wunsch nach genau jenem schnellen Wiederhochfahren der Wirtschaft ins Bewusstsein schießen lässt. Da gibt es kein entschiedenes Entweder-oder, sondern nur ein ständiges Sowohl-als-auch, da fordern das Ego für sich selbst und das Ich als Teil des Wir gleichzeitig Zustimmung ein.

Das Osterwochenende scheint für viele so eine Art Wasserscheide zu sein: Bis dahin hält man den Ausnahmezustand aus, ab da muss dann aber auch wieder eine »Normalisierung«, wie auch immer die aussehen mag, beginnen. Dass sich diese Hoffnung auf eine Art kollektive Auferstehung der Gesellschaft an die höchsten christlichen Feiertage bindet, die sich dem Tod widmen und die Auferstehung feiern, mag für die einen Symbol oder Zeichen sein. Für viele andere ist es einfach Zufall ohne höhere Bedeutung. Und so scheint es auch fraglich, ob es überhaupt ein gleichzeitiges Ende der Coronakrise geben kann. Zu unterschiedlich sind das Erleben und die Betroffenheit, werden die Wendepunkte und auch die Folgen empfunden. Aber: Das geht wiederum jedem so und kann auch eine Brücke zum Anderen sein.

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