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Typus Donald Trump

Nur wer Kredit hat, hat es angenehm

Honoré de Balzac blickte in die Glaskugel und schrieb über den Typus Donald Trump

Der wirklich sehr merkwürdige Mensch, von dem ich jetzt einige Augenblicke meine Leser unterhalten will, mein Onkel also, war eines jener von der Natur bevorzugten Individuen, für die das Schicksal Wunder wirkt. Schon vom zartesten Alter an wusste er es, sich über jene so mächtigen Vorurteile zu stellen, die die Gesellschaft beherrschen und die, philosophisch angeschaut, doch nur große moralische Schwächen sind, indem er in der Tat auf dem Fuße eines Mannes lebte, der fünfzigtausend Livres Rente hat, während er rechtmäßig nie auch nur einen Sou Einkommen besaß. Nachdem er sechzig Jahre hindurch alle Genüsse genossen hatte, die ein Mann wünschen und kosten darf, schuf er sich ein seiner würdiges Ende, indem er seinen letzten Seufzer bei einem berühmten Gastwirt ausstieß, der oft in der Lage gewesen war, seine brillanten Eigenschaften und seine genialische Kraft zu schätzen.

Mein Onkel wurde in Saint-Germain-en-Laye am1. April 1761 geboren. Ich werde von den ersten Jahren seiner Kindheit nicht sprechen, sie flossen friedlich dahin, wie die aller von ihrer Mutter verwöhnten Kinder.Meine Großmama hatte sich schon lange ein Pfand der ehelichen Zärtlichkeit meines Großvaters gewünscht, sie bekam es erst nach zehn Jahren der Vereinigung, und mein Onkel war die erste Frucht. (Mein Vater kam erst zehn Jahre später zur Welt.) Mein Großvater, ebenso verblendet in der Zärtlichkeit für seinen Sohn wie seine Frau, wusste nichts von allen den Leidenschaften zu erkennen, die später eines Tages auf das Herz »seines Schatzes« einstürmen würden, und obwohl er ein Mann von Geist war, verstand er es auch nicht, seiner Erziehung jene Richtung zu geben, die sie wohl nötig hatte. Neun Monate jedes Jahres war er nicht zu Hause, denn die musste er bei seinem Regiment der Royal Cravate verbringen, wo er es bis zum Major gebracht hatte; so konnte er seinen Sohn nicht überwachen und war gezwungen, sich auf die Weisheit seiner Frau zu verlassen. Der Schatz meiner Großmama aber, begabt mit allen Talenten, die notwendig sind, damit man eines Tages Gutes von ihm spreche, hatte eben auch alle jene kleinen Fehler, die notwendig sind, damit man von einem auch ganz das Gegenteil sagen kann.Man hatte ihm Lehrer gegeben, auf die er nicht hörte. Er tanzte um seinen Lateinlehrer herum, warf Knallerbsen auf den Tanzlehrer, steckte Kerzenstummel in die Taschen seines Zeichenlehrers und Pfropfen in die Flöte seines Musikmeisters. Während der kurzen Reisen, die mein Großvater nach Saint-Germain machte, nahm mein Onkel seinen Degen und steckte ihn auf den Platz des Rostes, nachdem er seinen Federhut an die Stelle des Geflügelbratens gesetzt hatte.Oder er riss der Katze die Haare aus, oder er malte mit Tinte dem Kanarienvogel einen Schnurrbart. Meine Großmama fand das alles charmant. Mein Großvater konnte auch das Lachen nicht zurückhalten, behandelte alle diese Spitzbubenstücke als Kleinigkeiten und sagte, dass die Zeit ihn schon bessern werde. Die Zeit kam, mein Onkel besserte sich nicht. Schließlich wurde es so arg, dass niemand es mehr im Hause aushielt. Man fasste also den Entschluss, sich des »Schätzchens« zu entledigen. Damals war mein Onkel zehn Jahre alt.

Er kam in das Collège Louis-Ie-Grand nach Paris, wo er während der ersten vier Jahre sichtliche Fortschritte machte und die wertvollen Talente, die ihm die Natur geschenkt hatte, zur Geltung brachte. Wenn er auch nicht der Erste bei den lateinischen Übersetzungen war, so war er doch der Stärkste beim Ballspiel; er raufte sich regelmäßig zweimal täglich, er brachte es dahin, dass man ihn fünfmal in der Woche auf trockenes Brot setzte, bekam fünfundzwanzig Rutenhiebe am Ende jedes Monats und brachte dann zwei Preise und ein halbes Dutzend Anerkennungsschreiben am Ende des Jahres nach Hause, worüber Großmama entzückt war.

Im Monat April 1777 war mein Großvater gerade in Saint-Germain und kam nach Paris in der Absicht, seinen Sohn abzuholen, damit er einen Teil der Ferien mit ihm beim Regiment verlebe. Er kommt voll Freude in das Collège, denn es war für ihn ein Fest, seinen Sohn zu sehen. Er fragt nach ihm. Das Gesicht des Schulvorstehers wird immer länger, seine Physiognomie wird finster, er stammelt, … schließlich erfährt mein Großvater, dass seit vierzehn Tagen sein lieber Sohn verschwunden sei, und zugleich mit ihm die Tochter der Wäscherin, und dass man nicht wisse, wohin sie sich gewendet hätten. Mein Onkel war damals gerade sechzehn Jahre geworden. Mein Großvater hütete sich wohl, diese kleine Eskapade seiner Frau mitzuteilen. Er ging zum Polizeichef M. de Sartines, der ihm sagte, er solle nur am Abend wiederkommen. Während dieser Zeit wurde mein Onkel mit seinem kleinen Wäschermädel in einem möblierten Zimmer der Rue Framenteau aufgestöbert, wohin er sich geflüchtet hatte. Sein Vater brachte ihn nach Saint-Germain zurück, ohne ihm im übrigen Vorwürfe zu machen, und von diesem Augenblicke war es beschlossene Sache, dass er fortgeschritten genug in seinen Studien sei, um nun kein Collège mehr zu brauchen. Er sollte seine Bildung im väterlichen Hause vollenden. Die Studien, die mein Onkel nun vornahm, waren angenehm genug. Jeden Morgen spielte er Federball oder Billard, am Abend ging er auf die Bälle. Er machte eine Menge Bekanntschaften, die er dann zu seiner Mutter führte, um sie den besten Wein seines Vaters trinken zu lassen, hetzte Pferde zu Tode, zerbrach Wagen, die man gefällig genug war, ihm zu leihen, und machte bei aller Welt Schulden. In der schönen Jahreszeit ging er gerne aufs Land, schoss auf die Hunde oder sogar gelegentlich auf die Waldhüter, nachdem er deren Frauen Kinder gemacht hatte, tötete alles Wildbret und lieh von allen Grundbesitzern der Umgegend Geld aus. Im Winter hatte er allwöchentlich ein Duell und wurde jeden Monat in den Arrest gesteckt. In dieser Zeit war es, dass mein Großvater den Entschluss fasste, ihn reisen zu lassen, um auf diese Weise zu versuchen, »ein Gehirn zu beruhigen«, das, wie er sagte, nichts anderes notwendig hatte als Einsicht ins Leben. Nun, Reisen können sehr gut Einsicht ins Leben schaffen …

Das Jahr darauf kam mein Onkel nach Saint-Germain zurück - und eine wichtige Änderung hatte sich in seiner ganzen Persönlichkeit vollzogen. Hatte er auf der einen Seite gewonnen, so hatte er auf der andern verloren; denn er brachte von dieser Reise einen ausgesprochenen Geschmack für das Hasardspiel mit, dem er sich denn auch so widmete, dass mein Großvater sein kleines Vermögen weggeben musste, um die zahlreichen Schulden zu zahlen, die sein Sohn machte.

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Zu jener Zeit war es, nämlich im Jahr 1787, als mein Onkel seinen Vater verlor. Er starb an den Folgen eines Sturzes vom Ross; meine Großmutter folgte ihrem Gatten bald nach. Mein Vater wurde, obwohl er mehr als zehn Jahre jünger war als sein Bruder, vom Familienrate mit der Ordnung der Erbschaft betraut. Er war eben weitaus klüger, obwohl er noch nicht einmal volljährig war. Meine Großeltern hinterließen ihren Kindern nur recht wenig. Obwohl mein Onkel schon sechsmal so viel vorausbekommen hatte, als sein Teil gewesen wäre, teilte mein Vater mit ihm die zwölftausend Franken, die die ganze Erbschaft ausmachten. Die Revolution brach damals gerade aus, und mein Onkel, der sich schon durch die Heftigkeit seiner monarchischen Überzeugungen bemerkbar gemacht hatte, hielt es für seine Pflicht, ins Exil zu gehen, in einem Moment, wo alles, was zur »Hofpartei« gezählt wurde, für sein Leben fürchten musste. Ein Grund mehr dafür, und ein nicht geringerer war, dass er eben gar nichts mehr hatte und bei seinem erschöpften Kredit, doch gewöhnt an ein großartiges Leben, sowieso nirgends mehr einen Menschen gefunden hätte, der ihm einen Sou geliehen hätte. Er entschloss sich, in die Bäder zurückzukehren, wo er die verschiedenen Einnahmequellen, die ihm das Spiel erschlossen hatte, auszunutzen hoffte. Er verließ also Paris im Monat Mai des Jahres 1789 und kam nach Bagnères, wo er sich bescheiden für einen jungen Bankier aus Hamburg ausgab, obwohl er noch niemals einen Louisdor für seine Unterschrift bekommen hatte. Allein niemand schien sich besser als er auf große kommerzielle Unternehmungen zu verstehen; wenn man nämlich auf ihn hörte, so stand er in den besten Beziehungen zu allen großen Plätzen Europas. Die Namen der berühmtesten Großkaufleute führte er stets im Munde. Immer, ohne die geringste Affektation, sprach er von den ungeheuren Finanzoperationen, die er gemacht hatte, bei den letzten Messen in Frankfurt oder in Leipzig, und das einzige, was man vielleicht nicht begreifen konnte, wenn man ihm gut zugehört hatte, war, dass noch kein einziger Souverän Europas ihm die Leitung der Finanzpolitik übertragen hatte und dass er in Bädern die kostbare Zeit verlor, die er doch so nützlich für die Wohlfahrt seiner Mitbürger hätte verwenden können. Ein anderes Mal fand er Mittel und Wege, um einen russischen Fürsten davon zu überzeugen, dass er auf seiner Besitzung in Sibirien Marmorbrüche habe, deren Ausbeutung verschiedentliche Millionen eintragen müsse. Sie machten einen Kontrakt, den dann mein Onkel kurz darauf für fünfzigtausend Ecus an einen Florentiner Kaufmann verhandelte. Der reiste nun allerdings nach Rußland und gab sechsmal hunderttausend Franken aus, um im angeblichen Steinbruch zu schürfen, aus dem er nicht einmal so viel Marmor gewinnen konnte, um für seinen Nachttisch eine Platte machen zu lassen. Im Jahre 1796 kam mein Onkel nach Paris zurück und stürzte sich dort in Geschäfte. Er bekam auch eine Anstellung bei den Lieferungen für den italienischen Feldzug, und 1799 war er einer der Hauptlieferanten der Armee Pichegrus in Holland. Im Verlaufe von acht Jahren machte er viermal sein Vermögen, verlor es wieder, machte es wieder und aß es viermal auf. Kurz und gut, als er eines schönen Tages meinem Vater eingestand, dass er im Augenblick wenigstens nicht einen Louis besaß, ihm aber gleichzeitig eine Wette um tausend Louis vorschlug, dass er von Spa, wohin er für die Badesaison gehen wolle, mit fünfzigtausend Franken zurückkehren werde, da hätte mein Vater seine Wette verloren und mein Onkel sie gewonnen. Während ganzer fünfzehn Jahre hatte mein Onkel keine anderen Existenzmittel als die, die er aus seinem Talent am Billardtisch, beim Pikett und anderen Spielen zog, die er jedoch nie irgendwo anders ausübte, als in den beliebtesten Badeorten oder in Paris im Pavillon d’Hanovre oder in anderen Etablissements derselben Art. SeinGlück war so beständig, dass man gelegentlich in Versuchung war zu glauben, dass auch recht viel Geschicklichkeit dabei war. Aber der Beweis seiner Ehrlichkeit war die Spitze seines Degens oder die Kugel seiner Pistole, und mein Onkel hatte so viele Male dieses Mittel mit Erfolg angewendet, dass er schließlich alle Welt besiegt hatte, allerdings niemanden überzeugt.

Honoré de Balzac:
Die Kunst, seine Schulden zu zahlen
Aus dem Französischen von Margrit Diethelm Faber und Faber, mit 25 Farbillustrationen von Volker Pfüller, 120 S., geb., 24,00 €
erscheint Mitte April 2020

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