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Verehrt. Verdrängt. Vergessen?

Sie malt nicht für den Markt: Ein Porträt der DDR-Künstlerin Heidrun Hegewald

  • Von Jürgen Hahm
  • Lesedauer: 6 Min.

»Ich bin, was mir geschieht« - so hat Heidrun Hegewald eines ihrer Bücher betitelt. Und geschehen ist der Malerin, Grafikerin und Autorin in ihrem nunmehr über acht Jahrzehnte langen Leben schon einiges: in der DDR angesagt, aber auch angefeindet, in der gesamtdeutschen BRD nahezu totgeschwiegen, wie andere Berufskollegen auch. Die Städtische Galerie in Dresden hatte kürzlich eine Mini-Retrospektive der X. und zugleich letzten Kunstausstellung der DDR auf die Beine gestellt. Und da war endlich auch wieder Heidrun Hegewald zu sehen. Mit ihren Bildern dabei zu sein, war für die Künstlerin ein allzu gerechtes Ereignis.

Ein bleiches Kind, ratlos in der geöffneten Tür stehend, blickt mit großen Augen in einen fast dunklen Raum. Unendlich weit entfernt und schemenhaft sitzen dort Vater und Mutter, den Rücken einander zugekehrt. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. Der Titel des Bildes lautet: »Kind und Eltern«. Heidrun Hegewald malt es 1976. Es erregt die Gemüter auf der VIII. Kunstausstellung der DDR in Dresden. Das Bild bleibt im Bewusstsein der Betrachter.

Viele Ehen werden zu jener Zeit geschieden. Oft reichen Frauen die Scheidung ein. Gleichberechtigt sind sie sowie geistig und ökonomisch unabhängig - eigentlich ein positives soziologisches Phänomen. Die Botschaft des Bildes: Das Zünglein an der Waage bleiben die Kinder. Das Gemälde verschwindet nach der Ausstellung im Depot. Dort ist es immer noch.

Die Bombardierung Dresdens erschüttert das achtjährige Mädchen. Das Mietshaus in der Wittenberger Straße 17, wo sie mit der Familie wohnt, wird zerstört. Ein Bild gräbt sich ihr ins Gedächtnis - des Großvaters pappelschlanker Birnbaum. Oft trägt der nur eine gelbe Königin Luise. Deren Verzehr wird in der Familie regelrecht zelebriert. Dieser Baum brennt wie eine Fackel. Rückblickend sagt die Künstlerin: »Das schützende Gehäuse, die Wände des Dialogs mit der Angst, die Heimat des Kinderspiels, die Wärme - sie waren verbrannt. Der Zweite Weltkrieg, die faschistischen Verbrechen politisierten mich. Das Erbe, eine tiefe, beständige Friedenssehnsucht, habe ich angenommen. Warnen, Beschwören und Bewahren sind eine Mission, die sich mit meiner Arbeit bildnerisch und im Wort reproduzieren lässt.«

Sie studiert. Zuerst Modegestaltung, dann Grafik. Freischaffend gestaltet sie Bücher. Der Lohn: Mehrfach werden diese im internationalen Wettbewerb als »Schönstes Buch« ausgezeichnet. Heidrun Hegewald wird Meisterschülerin an der Akademie der Künste der DDR bei Prof. Werner Klemke, einer Ikone der Buchkunst.

»Er war ein so kluger Lehrer, er hat mich intellektuell infiziert, hat Bücher gebracht, Gespräche gewollt. Die Korrekturen waren verhalten, behutsam. Ich hatte immer das Gefühl, er will mich auf meinem Weg nicht stören, er hat mich einfach bekräftigt und mir Vertrauen geschenkt.«

Ab 1975 arbeitet sie freiberuflich als Malerin, Zeichnerin, Grafikerin und Autorin. Sie ist auf allen wesentlichen Ausstellungen im In- und Ausland präsent. Ihre Botschaften vertraut sie oft Figuren der griechischen Mythologie an wie Kassandra, Prometheus, Sisyphus. Auch die christliche Ikonografie ist ein Umweg für ihren Realismus. Es sind politische Botschaften. Nichts Außergewöhnliches, meint Heidrun Hegewald, denn das Außergewöhnliche sei die Wirklichkeit, für die eine Sprache gefunden werden müsse. »Um das Maßlose des Schreckens zu ermessen, beschwor (!) und beschwört (?) die Menschheit Ungeheuerliches mit Metaphern der Künste. Indirekt in Auftrag gegeben denen, die das Medium beherrschen. Als Notwehr gegen die Ohnmacht.«

Kriegsgefahr Anfang der 80er Jahre. US-amerikanische und sowjetische Mittelstreckenraketen in Mitteleuropa. Die Malerin, alarmiert, schafft unter anderem das Diptychon »Die Mutter mit dem Kinde« und »Prometheus bemerkt das Spiel mit dem Feuer«. Gezeigt auf der X. Kunstausstellung 1988 in Dresden. Keine leichte Kost. Die Betrachter müssen nachdenken. Kommen ins Gespräch, untereinander und mit der Künstlerin. Eine umfangreiche Sammlung von Briefen seit 1974 zeugt von der Lust des Publikums am Dialog mit der Malerin. Sie fühlt sich bestätigt und bestärkt. Stärke, die sie braucht. Denn sie hat Widersacher, die ihre Kunst als »ausgedacht«, »kopflastig«, »ungekonnt« diffamieren.

»1988, auf dem letzten Kongress des Verbandes Bildender Künstler, wurde öffentlich ein Affront gegen mich inszeniert, ohne jeglichen kollegialen Anstand. Meine ›Anlober‹ duckten sich weg. Es wurde der Hund geprügelt, sie meinten aber den Herrn.« Mit letzterem sind wohl die Kulturoberen der DDR gemeint. Eine Wunde, die nie geheilt ist. Sie legt alle Verbandsämter nieder. »Ich empfinde, wir haben unsere Naivität verloren«, sagt sie damals vor den Delegierten, »Kunst geht nicht mehr in unbefleckter Empfängnis.« Heute darauf angesprochen, antwortet sie: »Das ist mein Credo, das Credo meiner Generation.«

Sie malt nicht für den Markt oder um anderen zu gefallen. »Wenn man seine Mitte, sein Künstlertum gefunden hat und weiß, was der innere Auftrag ist, dann steht die Frage gar nicht: Will das einer haben?« Nur einen einzigen Auftrag nimmt sie an, mit thematischer Herausforderung. 15 Maler, darunter sie, sollen Bilder für das neue Gewandhaus schaffen. Das Thema - weit gefasst - ist Musik. »Als ich die Konzeption vorgelegt habe, wurde mir geraten, diese zu ändern.« Erwartet werden wohl Lobgesänge auf die Musik. Heidrun Hegewald nennt ihr Werk »Die Tanzmeister - ein Bild über die falschen Töne«. »Das, was ich als Kind erlebt habe, das Exerzieren, die Märsche, die emotionale Verführung und damit die geistige Manipulation, das hatte ich im Nachhall. Ich musste unbedingt dieses Bild machen.«

Die Kulturabteilung des ZK der SED unterstellt ihr, den »Großen Bruder« beleidigt zu haben. Der zum Krieg verführende Tod trüge den Stahlhelm und das Tarncape der Roten Armee. Sie widerlegt es. So überzeugend, dass bei einer Führung selbst Generale der NVA über den unsinnigen Vorwurf nur die Köpfe schütteln. Trotzdem wird das Bild immer mal wieder entfernt. Jetzt hängt es - in der äußersten Ecke.

»Die DDR war meine emotionale Heimat, meine kulturelle und meine politische«, bekennt sie heute unumwunden. Sie fühlt sich mit ihren Bildern und deren Wirkweise in dieser Gesellschaft zu Hause. Sie sieht ihr Land politisch entgleisen, verarbeitet es künstlerisch, macht Vorschläge. »Ich wollte die DDR nicht abschaffen, ich wollte sie korrigieren.«

Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus sind die Künstler nicht mehr sozial abgesichert. Hegewald ist nicht mehr gefragt, bleibt ohne Einkommen. Damit nicht genug. Im Rahmen einer Rückführung bekommt der neue Vermieter aus dem Westen die Macht, sie aus ihrem Atelier und ihrer Wohnung zu werfen. Ein furchtbarer Schlag. Für die Familie und die Bilder muss ein neues Zuhause gefunden werden. Zwei Aufgaben sind gleichzeitig zu meistern. Ein Atelier und eine Arztpraxis für ihren Mann müssen ausgebaut werden. 1993 wird notgedrungen, weil existenzsichernd, aus der Künstlerin eine Arzthelferin. »Ich teilte Zeit und Kraft zwischen einer Überkonzentration in der neuen Tätigkeit und meiner Kunstarbeit. Bilder schaffen, Texte schreiben und veröffentlichen, Reden halten, Lesungen und Ausstellungen organisieren.«

2014 wird die Praxis aufgelöst. Ein zwei Jahre langer quälender Prozess bürokratischer Abwicklung. Am Ende ist die 79-Jährige ausgebrannt und schwer erkrankt. Jetzt ordnet sie ihren Nachlass: »Ich archiviere und reduziere. Die herzustellende Überschaubarkeit macht auch Innenschau und Erinnerung - nicht unbedingt willkommen. Dieses Tun ist wie ein wenig sterben, vor dem Sterben. Ich möchte nur ein wenig träumen, Visionen erwarten und vielleicht produzieren.« Die Zeit läuft.

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