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Gefangen in der Matrix

Im Studio Babelsberg gehen Hunderte Jobs verloren - Arbeitsmarkt steckt tief in Coronakrise

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

In der Zukunft übernimmt Künstliche Intelligenz die Kontrolle. Maschinen benutzen auf einer verwüsteten Erde die Menschen, die auf Feldern gezüchtet werden, nur noch als Energiequelle. Den Menschen wird aber durch Computerprogramme vorgespiegelt, dass sie in der Zeit um das Jahr 2000 herum in der damals normalen Welt leben. Sie sind in der Matrix gefangen. Nur wenige kennen die Wahrheit und wehren sich.

Das ist die Handlung der Filme »Matrix«, »Matrix Reloaded« und »Matrix Revolutions«, die in den Jahren 1999 und 2003 in die Kinos kamen. Regisseurin Lana Wachowski dreht nun die Fortsetzung »Matrix 4«, die eigentlich 2021 fertig werden sollte. Nachdem die Dreharbeiten in den USA gestartet waren, sollten ab März Szenen in den Babelsberger Filmstudios entstehen. Eine Mannschaft von rund 400 Leuten wurde dafür angeheuert, erste Kulissen waren bereits gezimmert. Doch wegen der Coronakrise verließen die Leute aus Hollywood fluchtartig Deutschland und sollen, bevor sie ins Flugzeug stiegen, noch gerufen haben: »Fire them all!« (Feuert sie alle!)

So ähnlich erging es rund 400 weiteren Filmschaffenden, die in Babelsberg für die Hollywood-Produktion »Uncharted« verpflichtet waren. Wie in der Branche üblich, hatten die meisten nach mündlicher Absprache angefangen und noch keine schriftlichen Verträge von einer Tochterfirma der Studio Babelsberg AG erhalten, erläutert Rechtsanwalt Steffen Schmidt-Hug von der Künstlerkanzlei. Er berät 333 Betroffene, denen gekündigt wurde und die sich zusammengeschlossen haben, um für ihre Interessen zu kämpfen. Doch Kurzarbeit sei nicht möglich, sei ihm in den bisherigen Verhandlungsrunden von der Geschäftsführung bedeutet worden, berichtet Schmidt-Hug. Begründung: Die Arbeitsagentur vertraue auf die Zusage der Produzenten, den Dreh nach überstandener Coronakrise fortzusetzen.

Da nicht prognostiziert werden könne, wann, ob oder in welchem Umfang die Dreharbeiten wieder aufgenommen werden, »mussten die zeitlich befristeten Arbeitsverhältnisse« gekündigt werden, bedauert Carl Woebcken, Vorstandschef der Studio Babelsberg AG. »Leider steht uns für die zeitlich befristeten Arbeitsverhältnisse das Instrument der Kurzarbeit nach heutigem Kenntnisstand nicht zur Verfügung.«

Die Pandemie hat dramatische Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Die am Dienstag veröffentlichten Zahlen der Arbeitsagentur zeigen noch nicht das gesamte Ausmaß. »Berlin und Brandenburg waren auf dem besten Wege zu einer ordentlichen Frühjahrsbelebung. Jäh gestoppt wurde diese Entwicklung durch die Corona-Pandemie«, beklagt Regionaldirektionschef Bernd Becking. »So spiegelt der vorliegende Arbeitsmarktbericht nur die eine Hälfte der Realität wider - die der ersten beiden Märzwochen. Dann führten die Corona-Einschränkungen in weiten Teilen der Wirtschaft zu einer Vollbremsung. Viele Unternehmen haben Kurzarbeit angezeigt.« Erst im April werde die Statistik die äußerst angespannte Lage korrekt abbilden, sagt Becking.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) appelliert an die Unternehmer, Entlassungen zu vermeiden. Auch DGB-Landesbezirkschef Christian Hoßbach fordert, statt zu kündigen, bei Bedarf Kurzarbeit anzumelden. Er sagt: »Landes- und Bundeshilfen müssen jetzt schnell ausgezahlt werden, damit die Liquidität gesichert ist und Gehälter weiter gezahlt werden können.«

»Wir werden kaum ohne Jobverluste durch die Krise kommen«, denkt Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg. »Das Ausmaß lässt sich derzeit nicht vorhersagen«, meint Amsinck.

»Bei der Bewältigung des riesigen Antragsaufkommens machen die Berliner Agenturen für Arbeit einen hervorragenden Job«, lobt Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Berliner Industrie- und Handelskammer. Sie seien bestrebt, die Wartezeit für Firmen zu minimieren, »die auf eine schnelle und unbürokratische Auszahlung des Kurzarbeitergeldes angewiesen sind«.

Gearbeitet wird in den Arbeitsagenturen und Jobcentern »bis zum Anschlag«, formuliert Regionaldirektionschef Becking. Zur Situation der 800 Leute vom Film konnte wegen der Belastung bis Redaktionsschluss noch keine Auskunft gegeben werden. Es heißt lediglich: »Wie fast immer sind solche Fälle sehr kompliziert - und dies besonders in der aktuellen Lage, für die es keine Muster gibt.«

Nach Kenntnis des Wirtschaftsministeriums bemühte sich Studio Babelsberg um eine »gütliche Einigung«, wie Ministeriumssprecherin Andrea Beyerlein mitteilt. Es bestehe Anspruch auf Arbeitslosengeld, wenn die Gekündigten in den letzten zwei Jahren mindestens zwölf Monate lang versicherungspflichtig arbeiteten. Die Freiberufler könnten Soforthilfe beantragen. Doch da liegt nach Auskunft von Anwalt Schmidt-Hug das Problem: Filmschaffende sind in der Regel immer nur kurzfristig angestellt und fallen daher durchs Raster.

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