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Die Antithese der Influencer

Zwischen Diffamierung und Aneignung: Die E-Girls und -Boys

Von Lena Fiedler

Es war Anfang der Nullerjahre, als manche in der Schule anfingen, sich die Augen schwarz zu umranden, Schuhe der Marke Vans und Kirschen als Aufnäher an ihren Rucksäcken zu tragen. Sie hörten auf ihren MP3-Playern Musik von Bands wie Jimmy Eat World oder Billy Talent, waren jung und edgy - und nannten sich Emos. Was das genau war, schien eher unklar, aber jeder damals wollte zumindest kurz einmal auch so aussehen und kaufte sich in den verlassenen Seitenstraßen deutscher Innenstädte Nietenhalsbänder. Subkulturen, deren Anhänger*innen sich früher an den Bahnhöfen und auf Kirchplätzen trafen, ähnlich aussahen und entsprechende Musik hörten, sind heute vor allem im Netz zu finden, wo ihre schnell wechselnden Codes und Trends für Außenstehende immer schwerer zu deuten sind.

Auf Plattformen wie Instagram und TikTok wirkt es fast so, als seien die Emos von damals in einer digitalen Variante zurückgekehrt, um nun die Generation Z für sich zu gewinnen: als E-Girls und -Boys. Für diejenigen, die dazugehören wollen, gibt es heute die hilfreichen Schminktipps und Dance Moves nicht mehr auf dem Schulhof, sondern selbstverständlich online. »E-Girl« scheint vor allem ein Synonym dafür zu sein, dass man jung, weiblich und sehr online ist. Man trifft E-Girls und -Boys nicht (oder nur selten) im richtigen Leben an, sie sind eher digitale Personä, die Instagram, Discord, Twitch und vor allem TikTok als ihr Zuhause betrachten. Sie tragen karierte Röcke, gestreifte Oberteile, manchmal Choker-Halsbänder oder Ketten um den Hals, dazu spezielles Make-up, das in Tausenden YouTube-Tutorials gelernt und gelehrt wurde - großflächig mit Rouge gerötete Wangen und Nasenpartien, breit aufgetragener Eyeliner, falsche Wimpern -, und eine Haarfarbe, die es in der Natur nicht gibt: pink, grün oder blau.

Im Gegensatz zu den Teenagergenerationen zuvor, gehören die E-Girls und -Boys einer Generation an, die nicht nur mit, sondern im Internet groß geworden sind. Da junge Menschen sich selbst in sozialen Medien ausleben können, eröffnet das ihnen die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten zusammenzufinden, ohne dass sie auf dem gleichen Kontinent leben müssen. Das ist hilfreich, beispielsweise wenn man die einzige homosexuelle World-of-Warcraft-Gamerin in Schwäbisch Gmünd ist. Denn für jedes Problem gibt es im Netz einen Thread, für jeden Lifestyle eine Community.

Öffentlich sichtbar und erreichbar zu sein, birgt aber auch Probleme, gerade wenn es sich um Trends, Milieus oder Subkulturen handelt, die sich einer Kommentierung durch andere nicht entziehen können oder wollen. Noch bevor die 17-jährige US-Amerikanerin Bianca Devins von der Polizei gefunden wurde, tauchten Bilder ihrer Leiche im Internet auf. Die Einsatzkräfte trafen am Tatort auf Devins Mörder, der Selfies schoss. Die Bilder landeten innerhalb von Sekunden auf Plattformen wie 4chan, wo Trolle und Incels [eine sexistische Onlinebewegung, Anm. d. Red.] den Mord kommentierten. Devin war eine Frau, die kein Problem damit hatte, ihr digitales Selbst zur Schau zu stellen. Sie postete Selfies, die sie als E-Girl bekannt machten. Die Tat geschah also im Umfeld einer digitalen Gemeinschaft, in der sich Dynamiken der Abwertung und Aneignung beobachten lassen - ihr Mörder war ihr Freund und einer ihrer ehemaligen Follower.

E-Girls werden online häufig sexistisch diffamiert, als »Internetschlampen« bezeichnet. Auf Gaming-Seiten wird der Begriff verwendet, um Frauen ihre Errungenschaften abzuerkennen. Die Kommentarspalten sind auch nach der sogenannten Gamergate-Affäre von 2014 - einer Debatte darüber, wie Frauen in der überwiegend männlichen (weißen) Spielwelt bedroht und beschämt werden - voll von Diffamierungen. Der Begriff »E-Girl« scheint eigens dafür erfunden, um Frauen herabzusetzen - egal ob sie gamen, sich schminken, Badewasser verkaufen oder einfach digital sichtbar werden. Dennoch laden immer mehr Frauen Videos von sich hoch, in denen sie sich als E-Girls bezeichnen.

Die Gamerin Rusty Fawkes, E-Girl der ersten Stunde, war eine der ersten Frauen, die sich den Begriff aneigneten, mit dem sie beschimpft wurden. Sich Beleidigungen als Selbstbezeichnung zu eigen zu machen und sie mit einer anderen Bedeutung aufzuladen, hat in der Popkultur schon häufiger funktioniert, beispielsweise bei den Riot Grrls. Auf Plattformen wie TikTok, wo Codes ohnehin ständig in Bewegung sind, gehen die Bedeutungsverschiebungen auch noch schneller vonstatten.

In den Videostreams prägt eine paradoxe Mischung aus Anders- und Gleichsein das Bild: In einer der beliebtesten Kategorien beschäftigen sich die E-Girls mit ihrer eigenen Transformation. Die Mädchen filmen sich in Alltagskleidung dabei, wie sie sich selbst unsanft in eine »E-Girl-Factory« ziehen, wo sie brutal umgestylt werden, um dann lasziv zu tanzen und einen Gesichtsausdruck zu zeigen, der zwischen Orgasmus und Würgegriff liegt, im japanischen Anime als »Ahegao« bekannt. Durch die meisten Videos zieht sich eine hypersexualisierte Kindchen-Ästhetik - und wirft die Frage auf, wo die Ironisierung des misogynen Etiketts aufhört und die Reproduktion der sexistischen Abwertung anfängt.

Die Öffnung zum Mainstream, normalerweise der traurige Niedergang einer jeden Subkultur, ist im Falle der E-Girls und -Boys auch ein Segen: Sie normalisiert das Aussehen und das Verhalten einer kleineren Gruppe. Im Prozess dieser Normalisierung gibt es Codes, die so oft weitergereicht wurden, dass keiner mehr weiß, wie sie eigentlich mal gemeint waren: Einige der Frauen imitieren den sogenannten Soft Choke so routiniert, als sei er ein ebenso normaler Tanzschritt wie der Macarena. In dieser kompletten Verflachung des Zitats zeigt sich die Unwissenheit über den Ursprung der Gesten. Dennoch drehen die Frauen damit die Gebärde eines sexuellen Missbrauchs in eine Handlung um, die sie als Gruppe erkennbar macht. Immerhin würgen sie sich selber, anstatt von anderen angegangen zu werden.

E-Girls und -Boys wollen Nischen besetzen - egal ob Anime, Hip-Hop oder Fetisch, Hauptsache nicht Mainstreamsein. So wiederholt sich online eine Entwicklung, die schon in den Nullerjahren zu beobachten war, als die Ästhetik von Marken wie »Juicy Couture« bei den Emos ihre Gegenbewegung fand. Unter einem der Videos der Gamerin Fawkes fragt jemand nach Online-Shops für den E-Girl-Look, womit der Untergang dieser Gegenkultur besiegelt wäre. Die Neuen sind die Nachzügler*innen, die das subversive Potenzial der Gegenbewegung verpasst haben.

Unter dem Hashtag »RIPBianca« sammeln Fans Andenken an Devin und verdrängten so nach und nach die Bilder und Sprüche der Trolle. Der Wettstreit um die Deutungshoheit ist noch nicht entschieden. Aber die Community zeigt, wie sie Methoden der Aneignung und des Reclaiming anwendet - und dass sie mit dieser Strategie Erfolg haben kann.

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