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Nach der Krise ist in der Krise ist vor der Krise

HEPPENHEIMER HIOB: Roberto J. De Lapuente über permanente Probleme in der Pflege

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

So weit hat es also tatsächlich kommen müssen: Erst eine Krise nötigt der Gesellschaft Demut in Bezug auf bestimmte Berufsgruppen ab. Wann haben denn Angestellte eines Supermarktes vorher Anerkennung erhalten? So viel Dank für zugestellte Pakete und gelieferte Pizzen war selten. Wurden Pflegekräfte je beklatscht, weil sie zum Dienst eilten? Plötzlich ist man froh, dass man sie alle hat. All die »Hilfskräfte«, für die man sonst keine Sympathie, meist aber viel Ignoranz erübrigte. Nun weiß man, was man an ihnen hat. Jedenfalls für den Augenblick.

Eine Krankenschwester aus Berlin hat bei Facebook rege Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ihr Post, in dem sie sich auskotzt über die grundsätzlichen Arbeitsverhältnisse und jene, die gerade durch den Ausnahmezustand nochmals verschärft werden, wurde zu dem, was man heute einen »viralen Hit« nennt: Er wurde über 60.000 Mal geteilt. Das Klatschen für die »Pflegehelden« könnte man sich sonst wo hinstecken, findet sie. Überhaupt sollten »genau jetzt alle Pflegekräfte ihren Job kündigen« - aus Protest darüber, vorher nie gehört worden zu sein.

Man kann das nachvollziehen: Das, was jetzt stattfindet, macht was mit den Pflegekräften. Helden wollen sie ja gar nicht sein. Nur von ihrer Arbeit leben können, mehr Planungssicherheit haben – und vor allem mehr Nischen zur Erholung: Das wäre schon was. Der herzliche Dank der Politik sollte nicht aus warmen Worten bestehen, bei gleichzeitiger Aufhebung der Pflegeuntergrenze während der Corona-Krise: Der Respekt zeigte sich viel ehrlicher in einer Bereitschaft, die Probleme dieses Berufsstandes endlich anzupacken.

Während man für die Krisenzeit die Dokumentationspflicht gelockert hat, spricht kaum jemand vom MDK-Reformgesetz des letzten Jahres. Das erhöht die Prüfquote des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) und sieht Strafgelder für beanstandete Abrechnungen vor. Um bei den Prüfungen des MDK bestehen zu können, um nachvollziehbar zu bleiben, verpflichtet man nun besonders die Pflege, noch genauer, noch detaillierter mit der Dokumentation zu sein.

Mehr Schreibarbeit ohne nennenswerte Steigerung der Manpower: Diese Zeit geht wieder von der eigentlichen Pflegearbeit ab. In Kombination mit dem Gesetz zur Pflegeuntergrenze wird das nur auf dem Papier ausgeglichen. Im Wesentlichen hat die Untergrenze zu Bettensperrungen in Krankenhäusern geführt. Man will und kann aber auch nicht ausreichend Personal rekrutieren. Deshalb wildert der CDU-Gesundheitsminister ja auch im Ausland und schwächt deren Volkswirtschaften durch den Entzug von Fachpersonal.

Jens Spahn sagt bei fast jeder Gelegenheit, er möchte den Pflegeberuf attraktiver machen. Außer einiger Kampagnen, die »Pflegehelden« ausrufen und so tun, als sei dieser Beruf ein hochmoralischer, ja eine Berufung geradezu, passiert allerdings wenig. Indes ist es recht zweifelhaft, ob eine spürbare Veränderung in den Arbeitsbedingungen so viele junge Menschen für den Beruf begeistern würde.

Denn der Beruf birgt ein metaphysisches Dilemma: Im Pflegeverhältnis stellt sich, philosophisch betrachtet, die Frage nach der menschlichen Würde beidseitig. Einmal hat man da den gepflegten Menschen, hilflos und nicht autonom, der jemanden als Erfüllungsgehilfen seiner täglichen Verrichtungen benötigt. Und dann ist da noch derjenige, der dem Pflegebedürftigen »den Hintern abwischt«, wie der Volksmund dieses Urdilemma gerne bildhaft ausschmückt. Auch die Pflegekraft wird dann nicht als autonome Person betrachtet, sondern als verlängerter Arm des Patienten.

Man benötigt also zunächst mal Empathie, um sich in diesem Beruf vorstellen zu können. In unseren Zeiten, da gewisse zwischenmenschliche Arrangements mehr und mehr schwinden und zersetzt werden, in der man schon den Jungen ökonomisch und politisch beibringt, dass man auf sich alleine gestellt ist, »unterm Strich nur ich zähle«, kommt man nicht automatisch auf den Trichter, dass so ein Pflegeberuf was Tolles sein könnte.

Wenn wir nach der Krise über eine entlastete Pflege sprechen wollen, kommen wir an einem Sujet nicht vorbei. An einem, das übrigens auch gerne von jenen weggeschoben wird, die jetzt klatschen und anerkennen – und zwar lehnen sie mit den Worten ab, wonach dies unethisch und für die Pflegebedürftigen nicht zumutbar sei. Gemeint sind Pflegeroboter. Die ersetzen zwar nicht das menschliche Antlitz, schaffen aber Zeitreserven für den menschlichen Kollegen.

Und nebenbei schonen sie die Bandscheiben und eben auch die Psyche. Auch die Pflegekraft hat Anspruch auf Würde. Daher wird, wegen der schwierigen Rekrutierung von neuen Pflegekollegen, der Roboter Thema werden müssen. Auch da hat man geschlafen, ja nicht mal Patientenlifter, also Hebekräne, findet man heute standardisiert auf Krankenstationen. Ohne Roboter wird es aber in Zukunft nicht gehen. Darüber gesprochen wird dann aber nur, wenn die Begeisterung für unsere Alltagshelden dann noch existent ist. Und zwar nur dann. Falls nicht, stehen wir nach der Krise vor der Krise.

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