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Die Puppen dürfen noch auftreten

Digitale Theaterformate in Zeiten von Covid-19 stellen eine Grundfrage der darstellenden Künste neu

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Quarantänemaßnahmen wegen der Covid-19-Pandemie haben die Theater hart getroffen. Die Häuser sind geschlossen. Bis auf Weiteres ist auch das zentrale Moment der Bühnenkunst überhaupt behördlich verboten: das Versammeln von Menschen an einem Ort, damit die einen den anderen beim Schauspielen zuschauen.

Viele Theaterinstitutionen haben sich jetzt zu einer Ad-hoc-Modernisierung entschlossen. Ihre Webseiten, bislang oft kaum mehr als Spielplanankündigungen, werden zu Streamingplattformen umgebaut. Wer bereits einen kleinen Schritt weiter ist wie etwa die Münchner Kammerspiele, ergänzt das Streaming durch einen Interaktionskanal. Vor, während und nach dem Versenden einer aufgezeichneten Version der Inszenierung von »Trommeln in der Nacht« konnten sich am Wochenende die Zuschauenden untereinander und auch mit Regisseur Christopher Rüping in einem Chatraum austauschen und unter dem Hashtag bühnentrommeln zudem noch per Tweet miteinander kommunizieren. »Ich persönlich habe heute zum ersten Mal einen Zipfel des Gemeinschaftsgefühls, das ich am Theater im analogen Raum so liebe und das ich gerade so vermisse, im digitalen Raum zu packen gekriegt. Vielen Dank an alle, die dabei waren!«, lautete Rüpings begeistertes Fazit.

Das weist bereits auf eine fundamentale Verschiebung hin: Zuschauende wie Spielende sind jetzt örtlich voneinander getrennt. Aber sie sind live dabei, selbst wenn es sich, wie bei »Trommeln in der Nacht« geschehen, um eine Bühnenkonserve handelt.

Freie Theaterkünstler*innen sind da längst weiter. Die Einheit der Zeit, also das gemeinsame Teilen des Live-Erlebnisses von sehr unterschiedlichen Orten aus, war bereits im Jahr 2005 bei dem auf Smartphone ausgespielten Videospaziergang »Call Cutta« von Rimini Protokoll das konstituierende Element der von Europa bis nach Indien reichenden Aufführung.

Solche Strategien können jetzt auch fruchtbar sein. Machina eX, eine seit 2010 zusammenarbeitende Gruppe aus Programmierer*innen, Game-Designer*innen, Raumkünstler*innen und Performer*innen, passt gegenwärtig die Smartphone-App, die sie bei ihrem Stadtrundgang »Patrol« 2019 benutzte, auf neue Projekte an. »Wir wollen auf der Basis dieser Technologie ein neues Skript entwickeln. Dabei sollen Interaktionen über SMS und Anrufe nicht nur mit der Software, sondern auch der Teilnehmer untereinander möglich sein«, blickte Clara Ehrenwerth von machina eX für »nd« in den Werkzeugkasten.

An einer gleich dreidimensionalen Live-Interaktion arbeiten die CyberRäuber. Ihre ursprünglich für den April geplante Premiere von »Cyberballett« im realen Bühnenhaus des Badischen Staatstheaters Karlsruhe wollen sie auf die Plattform VR-Chat verlagern. Dies ist eine frei zugängliche digitale 3-D-Welt, die von Avataren bevölkert wird. Bei früheren Experimenten transferierten sie bereits die Opernsängerin Jess Gadani per Motion-Capture-Verfahren in den virtuellen Raum. Als die Mezzosopranistin dort ihre Stimme erklingen ließ, konstituierte sich ein Theatermoment. »In all dem Chaos der verschiedenen Avatare herrschte plötzlich Stille. Eine ganze Gruppe von ihnen versammelte sich um Jess. Einer malte mit einem Stift sogar eine Bühne um sie. Es entstand auf einmal eine soziale Struktur«, erzählt Marcel Karnapke von CyberRäuber »nd«.

Ähnliches hat er nun mit dem »Cyberballett« vor. Per Motion Capture aufgezeichnete Bewegungen von Balletttänzer*innen sollen auf die VR-Plattform transferiert werden. »Zuschauer können sich dann von zu Hause aus mit einer VR-Brille in die Plattform einwählen und virtuell interagieren«, blickt CyberRäuber-Kollege Björn Lengers voraus. Eine Beteiligung ginge aber auch ohne VR-Brille. »Man wählt sich einfach mit dem Computer ein und kann sich dann individuell durch die virtuellen Welten bewegen. Die dritte und vom Erlebniswert her schwächste Variante wäre, dass wir zu einer bestimmten Zeit live in die Inszenierung gehen und als Kameraleute einen Livestream produzieren«, meint Lengers. Er würde dann die Plattform Twitch wählen, die neben dem Livestream noch einen Interaktionskanal für Zuschauende bereithält.

Bemerkenswert: Die schwächste Variante der CyberRäuber geht locker über das Stärkste hinaus, wozu die Münchner Kammerspiele gegenwärtig in der Lage sind. »Trommeln in der Nacht« war nur die Konserve - neu und zugleich das einzige Livemoment waren Chatraum und Twitter-Kommunikation.

Es gibt aber auch andere Strategien. Das Objekttheater-Ensemble Mysharedspace will selbst in den Zeiten, in denen Künstler*innen ins Digitale verdrängt werden, am physischen Ort festhalten. Für die Berliner Schaubude erarbeiten sie derzeit eine hybride Rauminstallation. »Durch Objekte und Puppen wird eine Wohnung zum Leben erweckt«, sagt Larissa Jenne »nd«. Objekte und Puppen erzählen vom Leben der abwesenden Bewohnerin, von ihrer Online-Chat-Partnersuche und von den Treffen, die sich daraus ergeben haben.

Das Projekt ist als begehbare Installation für jeweils eine Person gedacht. Bleiben die Quarantäne-Anordnungen auf dem jetzigen Stand, müsste wohl die Distanz von Einzelbesucher*in und Spieler*innen erhöht und nach jedem Durchgang die Installation desinfiziert werden. Die aktuelle Situation lädt das Projekt immerhin inhaltlich auf. »Ein Aspekt war die Einsamkeit der Bewohnerin. Das verstärkt sich jetzt noch. Und wir selbst kommunizieren nun auch viel intensiver online als geplant. Für die Stückentwicklung ist das sicherlich positiv«, meint Jenne.

Einen Überblick über die verschiedensten Digitalaktivitäten und die Entwicklung virtueller Tools will in Kürze die Akademie für Theater und Virtualität in Dortmund liefern. »Wir sind dabei, einen Spielplan 3.0 zu erstellen«, sagt der Dramaturg Roman Senkl »nd«. Senkl ist einer der Begründer*innen des Onlinetheaters. Das setzte bei seinen Ausstrahlungen im Internet ebenfalls auf den Liveaspekt zur Konstituierung des lokal weit verstreuten Publikums.

»Manche Zuschauer*innen hatten sogar Public-Viewing unserer Streams organisiert«, erzählt Senkl. Public-Viewing über Leinwände in geschlossenen Räumen verstößt derzeit gegen die Auflagen. Aber alles, was jetzt an digitalen und virtuellen Formaten entwickelt wird, könnte auch nach dem Ende der Coronakrise das Theater bereichern und dem in weiten Teilen technologisch konservativen Betrieb zu neuen Dynamiken verhelfen.

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