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Kommunale Pflege im Stresstest

Mit Notgesetzen werden in Dänemark Pflegekräfte aus der Versorgung von Kleinkindern abgezogen

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 4 Min.

»Frontsoldaten im Kampf gegen Corona« und »Danke, danke, danke an alle im Pflegebereich«. Es fehlt auch in Dänemark nicht an großen Worten und Gesten. Das wird den Mitarbeitern das Herz wärmen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Jobs in der Pflege generell weit unten in der Hierarchie stehen und schlecht bezahlt sind. Wechselnde Regierungen haben über Jahre versucht, Lösungen für strukturelle Probleme wie fehlendes Personal und hohe Fluktuation zu finden. 2019 gab es den bisher letzten Reformversuch, der eine Lösung im Laufe der nächsten zehn Jahre bringen sollte.

Nun wurde es notwendig, durch Umsetzungen zusätzliches Personal für den angesichts der Corona-Erkrankungen erhöhten Pflegebedarf zu finden. Mit den Notgesetzen war dies im kommunalen Bereich möglich, wobei jedoch mit Zustimmung der Gewerkschaften bestehende Tarifvereinbarungen aufgehoben werden mussten. Etwa die Hälfte des Personals aus der Betreuung für Kleinkinder, alles ausgebildete Krankenschwestern, stand vor der Wahl, für die nächsten Wochen in der Alten- oder Krankenpflege zu arbeiten oder entlassen zu werden.

Grundlegend wird der Pflegesektor durch die Struktur der modernen Gesellschaft herausgefordert. In den allermeisten dänischen Familien arbeiten beide Ehepartner Vollzeit, müssen sich um ihren Nachwuchs kümmern und haben dementsprechend wenig Zeit, auch noch die alternden Eltern zu betreuen. Die einzige Lösung ist die Übernahme dieser Aufgabe durch den großen öffentlichen Sektor, über dessen Größe sich hingegen schon viele Steuerzahler beklagen.

Im Pflegesektor arbeiten etwa 70 000 Personen, fast ausschließlich Frauen, und die meisten von ihnen nur in Teilzeit, da der Bedarf in den Morgen- und Abendstunden am größten ist. Zudem wird seitens der Arbeitgeber angestrebt, die Lohnkosten unter Kontrolle zu halten.

Um ein »SOSU« zu werden, wie die dänische Abkürzung für Sozial- und Gesundheitsmitarbeiter heißt, bedarf es einer knapp vierjährigen Ausbildung. Ein hoher Anteil der Mitarbeiter hat jedoch nur eine Startausbildung von rund einem Jahr und führt daher nur basale Pflegeaufgaben durch. Ein voll ausgebildeter SOSU hat nach einigen Jahren Beschäftigung ein Nettogehalt von knapp 2000 Euro, aber eine Reihe Kommunen zahlt bereits extra Zuschläge, um das Personal zu halten. Dabei muss man in Betracht ziehen, dass die allgemeinen Lebenshaltungskosten in Dänemark 20 bis 25 Prozent höher liegen als etwa in Deutschland. Zudem ist auch billiger Wohnraum knapp, insbesondere im Hauptstadtbereich, wo der Bedarf am größten ist.

Gehalt und Arbeitszeiten sind wichtige Ursachen für die große Fluktuation. Damit sind die Pflegebedürftigen mit ständig wechselndem Personal konfrontiert. Dies ist eine Quelle von Unsicherheit und Gegenstand umfangreicher Kritik. Die Situation wird durch neue Managementstrategien im Pflegebereich noch verschärft. Dazu gehören strikte Vorgaben, wie viele Pflegeheimbewohner betreut werden müssen oder wie viele Hausbesuche zu absolvieren sind.

Die Pflegebedürftigen nehmen ihre tägliche Versorgung oft nur als eine rasante Abfolge von verschiedenen Aktionen wahr: waschen, anziehen, Betten machen, Pillen schlucken - für menschliche Aufmerksamkeit bleibt keine Zeit. Die meisten Pflegerinnen tun ihr Bestes, aber strikte Normierung und Dokumentationspflichten setzen Grenzen. Bis 2050 wird der Anteil der Bevölkerung über 65 Jahren auf rund 25 Prozent steigen, sodass die Situation nicht einfacher wird. Nach Ansicht der Gewerkschaft FOA müssen jährlich 10 000 Azubis für die Pflege ausgebildet werden. Das wären 25 Prozent eines Jahrganges - ein unrealistisches Ziel.

Der Pflegesektor befindet sich in Verantwortung der Kommunen, die die Pflegeheime und Altenwohnungen sowie den Hausbesuchsdienst betreiben. Daneben gibt es private Einrichtungen mit vielen Extras. Deren kostspielige Pflegearrangements sind aber einer Minderheit vorbehalten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kommunen im vergangenen Jahrzehnt bei der Anzahl der Pflegeheimplätze gespart haben. Die offizielle Erklärung ist, dass es für »die Alten« am besten sei, so lange wie möglich in der eigenen Wohnung zu bleiben, statt in Heimen zu leben. Gleichzeitig ist die Anzahl der ambulanten Versorgungsfälle seit 2010 aber um rund 20 Prozent gesunken, obwohl die Anzahl der Rentner gestiegen ist. Rigide Regeln ermöglichen es den Kommunen, Anträge auf praktische Hilfe im Haus abzulehnen oder auf ein Minimum, in der Regel zwei Stunden im Monat, zu beschränken. Der Spardruck bei den kommunalen Finanzen wird durch die Antragsteller wie ihre Familien oft als kalt und unmenschlich wahrgenommen.

Die verworfene Reform von 2019 hatte vorgesehen, weitere Aufgaben in der Hierarchie zwischen Arzt, Krankenschwester und SOSU nach unten zu verschieben und die Arbeit in der Pflege fachlich attraktiver zu machen. Dazu möchte sich der jetzige sozialdemokratische Gesundheitsminister Magnus Heunicke nicht äußern. Er verspricht stattdessen, dass sein Plan für eine entsprechende Reform vor den nächsten Parlamentswahlen 2023 beschlossen werden soll. Alles in allem ist die Situation im dänischen Pflegebereich gegenwärtig schwierig, aber noch nicht kritisch. Angespannte Situationen wie Pandemien machen allerdings deutlich, dass die Reserven schnell aufgebraucht sind.

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