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Leichensäcke statt Schutzmasken

In Frankreich werden Heimbewohner mit Fieber und Atemnot kaum noch in Krankenhäuser aufgenommen

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

»Atemschutzmasken für Personal und Bewohner reichen vorn und hinten nicht, aber Leichensäcke sind reichlich vorhanden. Das spricht doch für sich«, meint Laurent Garcia bitter. Er ist stellvertretender Direktor des Altenpflegeheims »Vier Jahreszeiten« in Bagnolet bei Paris. Hier kommen rund 40 Pflegekräfte auf 65 Pensionäre. Die Einrichtung ist eine von landesweit 7000 Heimen für nicht selbstständige alte Menschen (französisch kurz EHPAD). »Wir gehören zum Gesundheitswesen, werden aber wie das fünfte Rad am Wagen behandelt, wenn es um Budget, Löhne oder Material geht«, ergänzt Garcia. »Wenn nicht die meisten Mitarbeiter das durch persönliches Engagement ausgleichen würden, auch gerade in diesen schwierigen Zeiten, wäre hier schon alles zusammengebrochen.«

Dabei ist das Risiko für alle groß, denn einige der Bewohner haben Corona-Symptome, ohne dass man weiß, ob sie positiv sind, denn auch Tests sind rar. Die Ärzte, die regelmäßig ins Haus kommen und die Kranken hier behandeln, versuchen jetzt meist vergebens, besonders schwere Fälle mit Fieber und Atemnot ins Krankenhaus einweisen zu lassen. EHPAD-Patienten seien »nicht prioritär«, wird ihnen dort entgegnet. Es heißt, dass die meisten alten Menschen sowieso Langzeiterkrankungen hätten und ihr Immunsystem geschwächt sei, sodass sie die Strapazen einer Intensivbehandlung nicht überstehen würden.

Andererseits mangelt es inzwischen auch an Medikamenten, mit denen die Ärzte diesen Patienten wenigstens die letzten Tage erleichtern könnten. Auch dabei sind die Heimbewohner nicht »prioritär«. »Überall denkt man wohl: Die haben doch ihr Leben gelebt«, kommentiert das eine der Pflegerinnen. Wie die meisten ihrer Kolleginnen hat sie es zu Hause schwer, ihren Mann zu überzeugen, dass sie weiter zur Arbeit gehen muss, weil sie hier gebraucht wird. »Die Familien und Nachbarn sehen in uns potenzielle Trägerinnen des Virus.«

Um die Ansteckungsgefahr einzuschränken, sind alle Beschäftigungsangebote gestrichen. Auch wird seit einigen Tagen nicht mehr gemeinsam im Speisesaal gegessen, sondern jeder muss in seinem Zimmer bleiben und bekommt dort sein Essen. Das drückt auf die Stimmung, zumal auch Besuche der Verwandten schon seit zwei Wochen verboten sind. Seitdem sind zwei Insassinnen gestorben, ohne dass ihre Kinder sie noch einmal sehen konnten.

Wie viele der landesweit 700 000 Bewohner von Altersheimen seit Ausbruch der Coronavirus-Epidemie schon gestorben sind, konnte oder wollte bisher niemand sagen. In die offizielle Statistik der Corona-Opfer gehen sie nicht ein, ebenso wenig wie diejenigen, die zu Hause sterben. Daher wurde in der Öffentlichkeit und über die Medien der Verdacht laut, hier wolle die Regierung wohl wieder etwas vertuschen. In diesem Zusammenhang erinnert man sich, dass im Hitzesommer 2003 in Frankreich 30 000 alte Menschen gestorben sind, weil sich niemand um sie gekümmert hat.

Vor Tagen hat das Gesundheitsministerium für diese Woche zumindest versprochen, eine ungefähre Gesamtzahl der Opfer in den EHPAD-Heimen zu nennen. Doch die lässt auf sich warten. Am Mittwoch wurde lediglich bekannt gegeben, dass in der nordöstlichen Region, dem französischen Corona-Epizentrum, in den zurückliegenden zwei Wochen 570 dieser Heimbewohner gestorben sind. Das ist jedoch nur eine von 13 Regionen des Landes.

Vereinzelte Meldungen in den Medien lassen Schlimmes befürchten, denn in vielen Heimen geht die Epidemie um, und in einzelnen Einrichtungen gab es schon bis zu 21 Tote. Allerdings ist es oft schwierig, die »normalen« Todesfälle und die durch das Virus verschuldeten zu trennen, denn mangels ausreichender Tests weiß man oft nicht einmal, ob die Opfer nun an Covid-19 erkrankt waren oder nicht. Die in den Heimen tätigen Ärzte sind überzeugt, dass man mit mehr Tests viele Fälle frühzeitig hätte erkennen und die Betroffenen im Interesse der anderen Bewohner in ihrem Zimmer hätte isolieren können.

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