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Zahlenzweifler

NETZWOCHE: Der Verleger Jakob Augstein predigt in der Coronakrise Zahlenfeindlichkeit

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 2 Min.

Jakob Augstein ist auf einer Mission. Er will als scheinbar letzter aufrechter Linkslibertärer Deutschlands Bürger schützen - vor überzogenen Coronavirus-Maßnahmen und dem Terror von Epidemiologen und dem Gesundheitsüberwachungsstaat. Deswegen schreibt der »Spiegel«-Erbe und »Freitag«-Verleger seit Tagen auf Twitter gegen die neue Macht der Virologen und gegen ihre Zahlen an, denn sie hätten ein »totalitäres Denksystem«. Augstein fürchtet, dass der »Gesundheitsstaat ganz schnell zum Überwachungsstaat wird«. Im Vorgehen dagegen suggeriert er, Covid-19 sei lediglich so gefährlich wie eine starke Grippe. Er warnt vor »Medienhysterie« und vor dem »Zahlenwerk« als »Illusion« - gemeint sind die Statistiken zur Coronakrise, auf deren »unklarer Grundlage« weitreichende Entscheidungen getroffen würden.

Statt die Unsicherheit zu erklären, die allen Statistiken innewohnt, oder den Lesern zu vermitteln, dass auch vor der Corona-Pandemie Banker Entscheidungen auf Grundlage unvollständiger Marktdaten getroffen haben und Journalisten über Umfragen mit Fehlertoleranzen schreiben; statt zu informieren, dass Wissenschaftler mit Studien niemals hundertprozentige Sicherheit über ihren Forschungsgegenstand haben und nur hinreichend Gewissheit erlangen, um Empfehlungen auszusprechen, warnt er vor »zweifelhaften Zahlen«. Seine Agenda ist eine andere: Er will Deutschland vor unnötigen »Zwangsmaßnahmen« schützen.

Andere Linkslibertäre sind in ihrer im jahrelangen Kampf gegen Big Brother und den War on Terror geschulten reflexartigen Reaktion gegenüber expansiven staatlichen Maßnahmen schon weiter, überlegen, wie man Kritik an Verstößen gegen Bürgerrechte - die es ja tatsächlich und durchaus gibt - auch in Coronavirus-Zeiten in Einklang bringen kann mit dem, wozu uns die Zahlen der Virologen derzeit zwingen. Wie man beides ernst nehmen kann. Glenn Greenwald etwa: Der Journalist, der 2013 Edward Snowden zu weltweiter Bekanntheit verhalf, erklärte am Mittwoch, er versuche beides auszubalancieren.

Augstein kann sich trösten: Er ist nicht allein. Seit Tagen versammeln sich unter den Tweets von Wissenschaftlern, Journalisten und anderen, die die aktuellen Zahlen etwa der neu bestätigten Fälle auf Twitter verbreiten, die »Concern Trolls«, die die Zahlen grundsätzlich infrage stellen. Man wisse ja nicht genau, wie sich das Testgeschehen entwickelt habe, wie hoch die Dunkelziffer sei. All das ist richtig. Das heißt aber nicht, wie gerne suggeriert wird, dass die aktuell vorliegenden Zahlen gar nichts aussagen.

Sie zeigen durchaus etwas, vor allem wenn man Entwicklungen der über mehrere Tage ähnlich unvollständigen Daten interpretiert. Übrigens: In Schweden und den Niederlanden, von Augstein als Positivbeispiel angeführt - beide Länder verfolgen eine Laissez-faire-Strategie, die sich auf Appelle beschränkt -, steigen seit wenigen Tagen die Todeszahlen.

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