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»Euer Sowezkij Sojus ist vorbei …«

Marina Frenk erzählt vom Nichtankommen in einem nicht ersehnten Deutschland

Ich bin sechs Jahre alt und sitze auf der Rückbank unseres Lada. Lada klingt wie ein Mädchenname. Oder eine kleine Hündin, die könnte auch Lada heißen. Einer der kleinen unbehausten Hunde in unserem Hof könnte so gerufen werden. Lada, komm her, Lada, hau ab. Oder unsere Katze, die könnten wir doch umbenennen, denke ich mir. Susanka ist so ein langweiliger und zischender Name. »Ssssssussssssanka…«, spreche ich leise vor mich hin. Mama und Papa hören einen Moment lang auf zu streiten.

»Was sagst du, Kira?«

»Können wir Susanka nicht Lada nennen?«, frage ich sie. Mama streitet weiter.

»Gut, dann reiche ich am Montag die Scheidung ein«, faucht sie, während ich die an mir vorbeisausenden verregneten Straßen betrachte. Es ist mitten im Sommer, aber heute regnet es schon seit den frühen Morgenstunden. Ab und zu hört es auf, und die Sonne explodiert an ihrem eigenen Glühen. Ich versuche dann nicht zu tief hineinzuschauen, die Sonne kann blind machen, meint Papa. Menschen stehen in ihren kurzen Hosen und Kleidern an den Rändern der Bürgersteige herum und warten auf den Trolleybus.

»Was ist nochmal der Unterschied zwischen einem Trolleybus und einem Autobus?«, frage ich.

»Der Trolleybus braucht Strom zum Fahren«, bellt Papa von vorn, und ich versuche durch das zerfließende Fenster hinauszuschauen, um die in den Himmel ziehenden Stromleinen vom Trolleybus besser erkennen zu können. Er ist wie eine dieser Puppen, die man oben an

Schnüren festhält, und dann können sie sich bewegen.

»Wie heißen nochmal diese Puppen?«, frage ich.

»Aber am Montag reisen wir aus, hast du das vergessen?«, schreit mein Vater meine Mutter an. »Musst du dich wohl an einem anderen Tag scheiden lassen«, lacht er.

»Welche Puppen, Kira?«, Mama weint.

»Diese an den Faden?«

»Ach so … Mario … Marionetten«, schluchzt sie. Marionetten, Marionetten … wiederhole ich immer wieder in meinem Kopf.

»Wohnen wir dann am Montag nicht mehr in Kishinjow?«, frage ich.

»Nein?, antwortet mein Vater, «und Kishinjow heißt jetzt wieder Chisinau», sagt er verärgert.

«Deshalb ziehen wir ja weg», schluchzt Mama, weil sie sich scheiden lassen will, aber am Montag geht es nicht.

Mama und Papa haben beschlossen, in Europa zu leben. Also, unser Land liegt, glaube ich, auch in Europa, aber es gibt wohl noch ein besseres Europa, und da wollen sie hin. Ich verstehe nicht genau warum, aber es hat irgendetwas mit den Nachrichten zu tun. Jeden Abend, wenn sie im Fernsehen die Nachrichten anschauen, fangen sie an zu schimpfen, und es geht dabei immer um Europa und um Moldawien und um dieses Transnustri-Transnostri … ich kann mir den Namen nicht merken und muss immer lachen, wenn ich versuche, es auszusprechen. Das war wohl irgendwie auch ein Teil von Moldawien, aber irgendetwas Wichtiges ist auseinandergefallen, und seitdem gehört Transnostri-Transnustri nicht mehr dazu, und deshalb gab es auch diesen Krieg letztes Jahr. «Es sind nur Unruhen, Kira, aber hier können wir nicht mehr bleiben, keiner weiß, was aus diesem Land wird …», erklärte mir Mama. «Wir sprechen kein Rumänisch, hier ist keine Zukunft für dich», sagte sie.

«Aber wir sprechen doch Russisch.»

«Ja, das ist das Problem.»

«Könnten wir nicht Rumänisch lernen?» Mama denkt kurz nach.

«Macht keinen Sinn … Global gesehen, macht das keinen Sinn.»

«Global wie mein Globus?»

«Genauso. Wir lernen jetzt Deutsch, Kira.»

«Deutsch macht mehr Sinn?», frage ich.

«Leider.»

Unsere Wohnung hat drei Zimmer, und überall liegen bunte Teppiche. Rot und grün und braun und gelb mit Kringeln und Dreiecken, es flimmert richtig in den Augen, wenn ich sie lange betrachte. «Deutsch macht Sinn, Deutsch macht Sinn», schreie ich und hupfe auf dem Plüschsessel herum. Er ist dunkelgrau, und daneben steht das dunkelgraue Sofa und dazwischen ein Tischchen aus Glas. «Pass auf den Tisch auf, Kira, wenn du so wild herumspringst», ruft Mama mir aus der Küche zu.

Im Flur stehen Kartons und Taschen, die mit uns ins bessere Europa kommen. Gestern haben wir meine Spielsachen in die grüne Reisetasche gepackt. Ich habe sie seitdem immer im Blick, sie steht an der rechten Wand auf dem zweiten Karton von links oben drauf. Die muss unbedingt mit. Nur die zwei kleinen Affen mit den Klettverschlüssen an den Pfoten habe ich noch draußen gelassen. Ich kann ihre dünnen Arme um meinen Hals legen und an den Klettverschlüssen verbinden, dann umarmen wir uns. Ich springe auf den Teppich und stütze mich dabei am Sofa ab. Hinter dem Sofa hat Mama mich vor ein paar Tagen morgens gefunden. Ich bin schlafgewandelt. Das mache ich manchmal, aber ich weiß nicht warum. Ich hörte Mama morgens aufgeregt nach mir rufen, weil ich nicht in meinem Zimmer war. Ich hatte nicht mitbekommen, wann ich aufgestanden und hinter das Sofa im Wohnzimmer

gekrochen bin. «Ja, Kira, das nennt man Schlafwandeln», sagte Mama.

«Vielleicht müssen wir doch mal zum Arzt mit ihr. Sie ist merkwürdig», flüsterte sie meinem Vater zu und küsste mich auf die Stirn.

Es klingelt an der Tür. Ich laufe hin und betaste das dicke weiche Leder, das an der Tür klebt. «Das ist zum Abdämmen und Wärmen», hat Mama mir einmal erklärt, als ich sie gefragt habe, warum diese weichen glatten braunen Polster an die Türen genagelt sind. Bei allen meinen Freunden zu Hause sieht es genauso aus. Als wollte man die Tür schon verpacken, um sie zu verschenken. Es macht Spaß, auf die gerundeten Stellen zu drücken und über das glatte Leder zu streichen. Mama kommt zur Tür und schaut durch das Guckloch. Dann öffnet sie das obere Schloss und dann das untere und dann dreht sie noch den Schlüssel um. Ich komme an die oberen Schlösser nicht dran, und den Schlüssel darf ich nicht umdrehen, wenn ich allein zu Hause bleibe. «Die Tür bleibt zu, Kira. Du darfst niemanden reinlassen, wenn du allein bist. Es ist gefährlich geworden in diesem Land», hat Mama gewarnt. Sie schiebt mich zur Seite und öffnet die Tür. Eine Frau in einem langen bunten Rock und einer Strickjacke, die ihr bis zu den Knien herunterhängt, steht davor. Sie hat langes schwarzes Haar, das hinten zu einem Zopf gebunden ist. Sie begrüßt meine Mutter und sagt, sie sei diejenige, die die Wohnung kriegt.

«Ja, unsere Wohnung, unsere Wohnung», sagt Mama leise und nervös.

«Na, lässt du mich rein, um deine Wohnung mal anzuschauen, meine Liebe?», fragt die Frau und betont dabei das Wort «deine», als wollte sie sich draufsetzen. Ich stelle mir vor, wie ich mich auf ein Wort setze und es sich unter mir biegt. Ich kann schon lesen und schreiben und habe in Schönschrift die beste Note in der Klasse.

«Jetzt ist es ja unsere, wir haben sie gekauft», erklärt die Frau laut.

«Ja, von welchem Geld, wo habt ihr das Geld her, frage ich mich … », spricht Mama leise vor sich hin und lässt die Frau rein.

«Business!», sage ich stolz, denn so hat Papa es mir erklärt. «Alle haben Geld, weil sie Business machen in diesen Zeiten … Nur ich, ich kann das nicht. Deshalb müssen wir jetzt auch weg», hatte er gereizt und traurig gesagt. Mama zeigt mir mit dem Zeigefinger an den Lippen, dass ich still sein soll, dabei habe ich, glaube ich, Recht. Ich soll meistens still sein, wenn ich Recht habe. Die Frau geht an mir vorbei, und ich betrachte ihre Hände. Sie sind rau, und die Fingernägel sind bordeauxrot angemalt. Unser Lada hat dieselbe Farbe. Bordeaux, bordeaux, poltert es stumm und rhythmisch in meinem Kopf, und ich schleiche still hinter den beiden her. Die Frau läuft zwischen den gepackten Kartons im Flur hindurch und versucht hineinzuschauen. Meine Mutter schnalzt mit der Zunge und schaut skeptisch, sagt aber nichts. Wir gehen von Raum zu Raum und betrachten die halbleere Wohnung. Als wir ins Wohnzimmer kommen, wo noch die Teppiche auf dem Boden liegen, sagt Mama zu der Frau, dass sie ihre Schuhe ausziehen soll. Sie hat Schlappen mit Socken an, fällt mir auf. Dabei regnet es doch heute. «Ein lauer Sommerregen, wie schön!», hatte Mama morgens gesagt, und ich frage mich, ob die Socken nicht nass geworden sind. Die Frau zieht ihre Schlappen aus und läuft in Socken über den Teppich, den sie genau betrachtet. Dann fasst sie den Plüschsessel an, worauf Mama ziemlich laut sagt, sie soll ihre Hände da wegtun.

«Du hast die Wohnung gekauft, meine Liebe, die Möbel stehen allerdings nicht zur Debatte, die gehen an Freunde. Sei froh, dass ich dich überhaupt nochmal reinlasse, dein Mann war ja vor zwei Wochen schon hier mit seinen Kumpanen. Würde ich denen nachts im Dunkeln begegnen, hätte ich Angst?, schimpft Mama.

»Ach ja, diese Russen … «, seufzt die Frau, »na, Gott sei Dank ist euer Sowezkij Sojus jetzt endlich vorbei, jetzt haut ihr alle ab hier, ist schon lange überfällig«, sagt sie, und ich versuche mich zu erinnern, was nochmal dieses Sowezkij Sojus ist. Das ist wohl das Land, in dem unser Land auch drin war, bevor etwas Wichtiges auseinandergefallen ist, irgendwie so, aber ich habe es nie ganz verstanden, und Papa wird verärgert sein, wenn ich noch einmal frage, deshalb lasse ich es lieber. Außerdem ist es ja jetzt eh kaputt. Ich habe zwar nicht gesehen, wie es umgefallen ist, aber in den Nachrichten erzählen sie jeden Tag davon.

»So, hast du genug geschaut jetzt?«, fragt Mama ziemlich unfreundlich.

»Ja, hier ist Platz, ich weiß jetzt, wo was hinkommt. Und falls du dein Sofa doch noch verschenken willst … abkaufen wird dir das alte Teil bestimmt keiner mehr, dann meld dich«, sagt die Frau in den Socken und zwinkert meiner Mutter zu. Zwei golden funkelnde Zähne blitzen in ihrem Mund auf, und ich frage mich, ob sie vielleicht eine Hexe ist.

»Die Möbel gehen an Freunde, habe ich dir doch schon gesagt, und jetzt hau ab hier«, zischt Mama.

»Wer wird denn so unfreundlich sein? Komm schon, deine Freunde haben ihre eigenen alten Sowjet-Sofas, lass mir doch deins da … Du willst doch Glück haben da in dem Europa, oder? Willst du doch?«

Mama schiebt die Frau zur Tür und hält mich dabei an der Schulter fest. Ich bekomme ein bisschen Angst und kralle mich mit den Händen in Mamas Oberschenkel. Die Frau wehrt sich, und Mama schubst sie aus dem Wohnzimmer in den Flur. »Hau ab jetzt, du Hexe«, schreit sie. Ich behalte die Tasche mit meinem Spielzeug vorsichtshalber im Auge, vielleicht will die Frau mit den funkelnden Zähnen die auch noch haben.

Marina Frenk:
ewig her und gar nicht wahr
Verlag Klaus Wagenbach, 240 S., geb., 22,00

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