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NKWD

Die Geschichte der Gräber

Vor 80 Jahren ermordeten Angehörige von Stalins Geheimdienst NKWD 15 000 polnische Offiziere.

Von René Heilig

Die Lüge und die Halbwahrheit sind seit jeher Geschwister des Verbrechens, sagt man. Das 1940 angeblich im Namen des Kommunismus begangene und im Archiv der Unmenschlichkeit unter dem Ortsnamen »Katyn« gespeicherte vergiftet noch immer das Zusammenleben nicht nur von Russen und Polen.

»Am Bahnhof hat man uns unter strenger Bewachung in Gefangenenwagen verladen. Nun warten wir auf die Abfahrt. So optimistisch ich anfangs gewesen bin, komme ich jetzt zu dem Schluss, dass diese Reise kein gutes Ende nehmen wird«, schrieb Leutnant Wacław Kruk in sein Tagebuch. Die Fahrt der »Schwarzen Raben«, so nannte man Gefangenentransporter in der stalinistischen Sowjetunion, war nur vier Kilometer lang. Sie endete in einem Wäldchen am Dnepr. Dort war eine »Art Landhaus für die Sommerfrische«, notierte Major Adam Solski. »Hier eine gründliche Durchsuchung. Ich wurde meine Uhr los, die 6:30 zeigte. Man fragte mich nach meinem Ehering. Rubel, Gürtel und Taschenmesser weggenommen.« Was danach kam, ist noch immer unfassbar. Man fesselte die Männer, sie mussten an einer Grube niederknien. Dann folgten Genickschüsse. Am Ende des Schlachtens waren acht Massengräber gefüllt, jedes zwei bis dreieinhalb Meter tief. Die Leichen lagen in neun oder gar zwölf Schichten. 4443 polnische Offiziere hat Stalins NKWD im Wald von Katyn umgebracht.

Sogar Hitlers Menschenvernichter waren von der Präzision dieser fließbandartigen Hinrichtung beeindruckt. Die Nazis hatten bereits 1941 von den Untaten erfahren, öffneten die Gräber aber erst 1943, um von eigenen Untaten abzulenken, die antibolschewistische Propaganda zu verschärfen und Keile in die erstarkende Anti-Hitler-Koalition zu treiben. Moskau dagegen behauptete noch jahrzehntelang, der Massenmord gehe - wie so viele andere Verbrechen - auf das Konto der Invasoren.

Im August 1939 hatten Hitlers und Stalins Außenminister einen »Nichtangriffsvertrag« besiegelt. Durch ein geheimes Zusatzabkommen definierten beide Mächte ihre Einflusssphären. Erst zerrissen sie Polen auf der Landkarte, dann real. Am 1. September 1939 fielen deutsche Truppen in das Land ein - begleitet von Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des SD, denen die »Lösung der Judenfrage« sowie die Vernichtung von Angehörigen der polnischen Intelligenz zukam. Keine drei Wochen später rückte die Rote Armee vor. 52 Prozent des polnischen Staatsgebiets und über 13 Millionen Menschen fielen unter die Regie Moskaus.

Bereits Wochen zuvor hatte Lawrenti Berija, Chef im Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD), Operativgruppen bilden lassen. Sie verhafteten Beamte, Richter, Staatsanwälte, Polizisten. Zugleich bildete man eine »Kommission für die Angelegenheiten der Kriegsgefangenen« mit einem Netz von Gefangenen-, Arbeits- und Sonderlagern. Generäle, Oberste, Oberleutnants wurden vor allem in Starobielsk interniert. Mitarbeiter des Geheimdienstes und der Gendarmerie fanden sich im Sonderlager von Ostaschkow wieder. Das Kloster Kozielsk, es liegt rund 250 Kilometer südöstlich von Smolensk, diente bis zum Herbst 1939 als NKWD-Urlaubsheim. Nun sperrte man dort polnische Reserveoffiziere ein, die im Zivilberuf Lehrer, Hochschuldozenten, Juristen, Ingenieure, Schriftsteller oder Publizisten waren.

Das Massaker war nur eine der vielen Routineoperationen, die Stalins NKWD verübte. In Katyn liegen »nur« Ermordete aus dem Lager Kozielsk. Es gab weitere Hinrichtungsstätten. Insgesamt, so schätzt man, brachte der sowjetische Geheimdienst 15 000 polnische Offiziere um. Die Morde waren Teil einer viel weiter reichenden Operation zur »Sowjetisierung« Polens, in deren Verlauf man - so sagen polnische wie russische Historiker - 22 000 Polen tötete und eine Million in Arbeitslager deportierte.

Am 5. März 1940 reichte Berija eine Beschlussvorlage im Politbüro der KPdSU ein, nach der über die Festgehaltenen ohne Anklageerhebung die Höchststrafe zu verhängen sei: »Tod durch Erschießen«. Ferner wurde die Exekution von 11 000 weiteren Polen vorgeschlagen, die in anderen sowjetischen Lagern inhaftiert waren. Auf dem Deckblatt der Vorlage finden sich die zustimmenden Unterschriften von Stalin, Woroschilow, Molotow und Mikojan. Das Einverständnis der Politbüromitglieder Kaganowitsch und Kalinin wurde nachträglich eingeholt. Chruschtschow war auf einer Dienstreise und nicht erreichbar.

Exakt einen Monat später begann die Auflösung des Lagers Kozielsk. An diesem Tag wurden die ersten 62 Gefangenen durch ein kleines Tor aus dem Lager geführt.

Im August 1941 - die Nazis hatten die Sowjetunion überfallen und rückten rasch vor - unterzeichneten die Sowjetunion und die polnische Exilregierung in London ein Militärabkommen. In der UdSSR sollte eine polnische Armee aus zu entlassenden polnischen Kriegsgefangenen aufgestellt werden. Befehlshaber wurde General Władysław Anders, bis dahin selbst NKWD-Häftling. Bei ihm meldeten sich Soldaten, doch kaum Offiziere.

Anders beauftragte einen Major Jósef Czapski mit genauen Nachforschungen. Auch er war in Kozielsk eingesperrt gewesen, jedoch - wie nur knapp 400 weitere Kameraden - auf für ihn unerklärliche Weise verschont worden. Wie Exilpräsident Władysław Sikorski, der polnische Botschafter in Moskau und andere wurde er mehrfach bei Stalin und vor allem bei dessen Vizeaußenminister Andrej Wyschinski, dem berüchtigten Ankläger in diversen Moskauer Schauprozessen, vorstellig. Sie legten Namenslisten vor - und hörten nur Ausflüchte.

Der Streit um Täterschaft und Verantwortung wurde nach dem Sieg über Hitlers Barbarei fortgesetzt und war vielfach Bestandteil des Kalten Krieges. Erst unter Präsident Boris Jelzin öffnete man sich in Moskau ein wenig der Wahrheit. Der Generalstaatsanwalt der UdSSR und der Oberste Militärstaatsanwalt ermittelten »zur Klärung des Schicksals der 15 000 polnischen Kriegsgefangenen«. Aus den archivierten Unterlagen ließen sich Namen, Dienstgrade und Funktionen sowie die Einheiten der Täter feststellen, die für ihre Bluttaten Orden und Prämien abgefasst hatten. 1992 waren die Ermittlungen abgeschlossen. Man ließ den Mördern an der Grube wie denen am Schreibtisch ihre Dienstgrade und Ehrenzeichen, ergänzte nur selten deren Biografien. Die Untersuchungsergebnisse füllen angeblich 183 Aktenordner. 36 davon sind »Staatsgeheimnis«, 80 weitere »vertraulich«.

Und wie stellten sich die beiden Nachkriegsdeutschlands diesem Thema? Während es in den Anfangsjahren der Bundesrepublik vor allem publizistisch und - ob der immensen deutschen Verbrechen gegen die Menschlichkeit - nur eine geringe Rolle spielte, war es in der DDR so gut wie unbekannt. Obgleich es Leute wie den Chef des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), Erich Mielke, gab, die aus eigenem Mittun im sowjetischen Exil und im Spanischen Bürgerkrieg wussten, wie »die Freunde« unter Stalin mit unliebsamen Zeitgenossen umgegangen waren. Er selbst war vom Stalinismus »infiziert«. Überliefert ist eine Rede in einer Kollegiumssitzung des MfS im Jahr 1982, in der Mielke interne Hinrichtungen auch ohne Strafprozess rechtfertigte: »Das ganze Geschwafel, von wegen nicht hinrichten und nicht Todesurteil«, so stammelte er, »alles Käse, Genossen ... Hinrichten die Menschen ohne Gesetze, ohne Gerichtsbarkeit und so weiter!«

Polen war zumindest in Zeiten, da sich dort die Solidarność-Opposition rührte, Beobachtungsobjekt von Mielkes MfS. Laut Auflistung der Stasiunterlagenbehörde fand man im MfS-Filmarchiv auch eine Kassette aus dem Jahr 1981: »Das Zeugnis des Josef Czapski, ein Pole im Pariser Exil. Lebensstationen eines Malers und Schriftstellers.« Es handelte sich um jenen Offizier, der 1941 mit der Suche nach seinen Kameraden beauftragt worden war. Wer hat sich beim MfS warum für seine Lebensgeschichte interessiert? Oder hat man die Kassette nur im Auftrag der Moskauer Kollegen beschafft?

2009 schrieb der damalige russische Premier Wladimir Putin zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen einen Brief an die Nachbarn: »Das russische Volk, das schwer unter einem totalitären Regime zu leiden hatte, hat Verständnis für die erhöhte Sensibilität der Polen in Bezug auf Katyn, wo Tausende polnische Armeeangehörige begraben liegen. Gemeinsam müssen wir die Erinnerung an die Opfer dieses Verbrechens in unserem Gedächtnis bewahren.« Absichtsvoll verknüpfte er dieses Gedenken mit dem »tragischen Schicksal russischer Soldaten, die im Verlauf des Krieges von 1920 in polnische Kriegsgefangenschaft geraten waren«. Immerhin: Vor zehn Jahren lud Putin seinen damaligen polnischen Kollegen Donald Tusk zu einer gemeinsamen Feierstunde an den Gräbern von Katyn ein.

Doch über die hinweg trübte sich das Verhältnis zwischen dem NATO-Mitglied Polen und Russland wieder ein. Jüngst erst gab Präsident Putin mehrfach Polen eine Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und verteidigte den Hitler-Stalin-Pakt. Warschau reagierte empört und attackierte Moskau seinerseits mit einer Flut von Halbwahrheiten.

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