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Wenn Ausweichen unmöglich ist

Der Anstieg von Gewalt gegen Frauen und Kinder erfordert mehr Hilfe und Aufmerksamkeit

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.

»Wir müssen davon ausgehen, dass die innerfamiliäre Gewalt in den nächsten Wochen deutlich zunehmen wird«, erklärt Saskia Etzold von der Gewaltambulanz der Charité. Denn viele Berliner*innen erleben die Coronakrise als starke Belastung: Wer mit mehreren Menschen in einer kleinen Mietwohnung in Wedding, Lichtenberg oder Neukölln lebt, gerät schneller mal im Streit aneinander. Die Räume werden enger, die Möglichkeiten, sich auch mal aus auszuweichen, weniger. Zwischenmenschliche Konflikte gibt es zwar in allen Haushalten hin und wieder, aber unter den aktuellen Bedingungen können die eigenen vier Wände vor allem für Frauen und Kinder zur Bedrohung werden: So registrierte die Berliner Polizei bereits zwischen dem 1. und 24. März einen Anstieg von häuslicher Gewalt um elf Prozent. Da dies nur die bekannt gewordenen Fälle sind, dürfte die Dunkelziffer wie üblich deutlich höher liegen.

Saskia Etzold vergleicht die momentane Situation mit der nach langen Ferien. »Nach dem Ferienende müssen wir uns jedes Mal um sprunghaft mehr Fälle von Kindesmisshandlung kümmern«, erklärt die Rechtsmedizinerin. Die Gründe liegen für Etzold auf der Hand: In der Coronakrise müssten viele Menschen um ihren Job bangen, sie hätten Angst um ihre Zukunft, es gebe finanzielle Sorgen. Solche psychischen Belastungen seien starke Risikofaktoren für physische Ausbrüche, von denen dann die Schwächsten getroffen würden.

Die Gewaltambulanz mit elf Mitarbeiter*innen arbeitet nach Angaben der Vizechefin derzeit uneingeschränkt weiter: »Unser Job funktioniert nicht im Homeoffice«, sagt Etzold. Sowohl Kinder als auch Erwachsene können dort ihre Verletzungen vertraulich und kostenlos dokumentieren lassen. Sie müssen nicht sofort entscheiden, ob sie die Täter anzeigen.

Auch die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG) kann trotz einer zeitweise auftretenden »Leitungsüberlastung« der von ihr betriebenen Hotline ihre Angebote weitestgehend aufrechterhalten, heißt es auf der Webseite. Die BIG bietet telefonische Erstberatung für von Gewalt Betroffene, aber auch für Unterstützer*innen sowie für Fachpersonen an. Hier können Frauen Nachfragen zu freien Plätzen in den Frauenhäusern der Hauptstadt stellen, in denen sie mit ihren Kindern Zuflucht suchen können.

Weil diese Plätze ohnehin knapp sind, stehen seit dem 1. April 2020 nun 34 zusätzliche Schutzplätze in einem der sechs Berliner Frauenhäuser zur Verfügung, teilte Gleichstellungssenatorin Dilek Kalayci (SPD) Ende der vergangenen Woche mit. Außerdem seien zeitlich begrenzte Unterbringungsmöglichkeiten akquiriert worden, so dass im Bedarfsfall rund 130 zusätzliche Schutzplätze angeboten werden können, erklärte Kalayci weiter. Neben den insgesamt 335 Plätzen in Frauenhäusern gibt es in Berlin darüber hinaus 45 Zufluchtswohnungen sowie 46 sogenannte Zweite-Stufe-Wohnungen. Hier können Frauen für sich und ihre Kinder ein unabhängiges Leben aufbauen. Wer häusliche Gewalt erkennt, sollte sich unbedingt an Beratungstelefone wenden. Um den Menschen die Sorgen zu nehmen, die mit der Coronakrise einhergehen, sei es außerdem wichtig, sie über staatliche Hilfen zu informieren und sie bei deren Beantragung zu unterstützen, appelliert Saskia Etzold.

BIG-Hotline als Erstanlaufstelle bei häuslicher Gewalt gegen Frauen: 030-611-03-00, täglich 8 bis 23 Uhr;

Hilfetelefon Schwangere in Not: 0800 40 40 020;

Hotline von LARA – Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Frauen*: 030-216-88-88, Mo bis Fr 9 bis 18 Uhr;

Frauenkrisentelefon: 030-615-42-43, Mo und Do 10 bis 12 Uhr, Di und Mi 15 bis 17 Uhr, Fr 19 bis 21 Uhr, Sa und So 17 bis 19 Uhr

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