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Für die 3. Liga rechnet sich ein Saisonabbruch

Weil sie so wenig Fernsehgelder generieren können, sind die Drittligisten aus dem Osten gegen Geisterspiele

  • Von Max Zeising, Leipzig
  • Lesedauer: 4 Min.

Während die Politik dieser Tage maßgeblich von den Erkenntnissen der Virologie bestimmt wird, hat im Fußball längst die Stunde der Mathematiker geschlagen. Es gilt, Berechnungen anzufertigen - und dabei möglichst kein Fieber zu bekommen, vor lauter roten Zahlen: Verluste über Verluste, vom Profifußball bis hinunter zu den Amateuren. Längst geht es nicht mehr darum, aus dem Rot ein Schwarz zu machen. Sondern darum, das die roten Zahlen möglichst niedrig zu halten.

Die Erkenntnisse der Fußballmathematiker sind unterschiedlich, die Gehaltsklassen sind es ja schließlich auch. Während in der 1. und 2. Bundesliga aufgrund der exorbitanten TV-Einnahmen weiterhin Geisterspiele als Heilmittel angesehen werden, forscht man in Liga drei reichlich mühevoll nach einem anderen Medikament, weil man dort eigentlich auf die Zuschauereinnahmen angewiesen ist. Doch Fußball vor Publikum wird es in nächster Zeit wohl nur im Reich der Fantasie geben.

Beim 1. FC Magdeburg ist Mario Kallnik der Chefmathematiker. »Meisterschaftsspiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit sind für uns überhaupt keine Option«, sagt der Geschäftsführer der 1. FC Magdeburg Spielbetriebs-GmbH. »Bei Geisterspielen würden Zuschauereinnahmen in sechsstelliger Höhe fehlen«. Magdeburg könne es sich schlichtweg »nicht leisten, ohne Zuschauer zu spielen«. Eine Saisonfortsetzung mit Geisterspielen sei von allen Varianten »die mit Abstand schlechteste. Eine derartige Entscheidung würde die ohnehin nicht gute finanzielle Lage der 3. Liga drastisch verschärfen.«

Blieben also zwei Alternativen: eine langfristige Verschiebung, bis wieder Fußball vor Publikum möglich ist - oder ein sofortiger Abbruch. Über einen solchen will Kallnik zwar »zu diesem Zeitpunkt« noch nicht nachdenken - doch es ist ersichtlich, dass ein Saisonabbruch unter den Drittligisten als Option gehandelt wird.

So forderte der Hallesche FC bereits vor zwei Wochen in einem offenen Brief einen Ligastopp. »Wir sehen zum Abbruch der Saison in der 3. Liga keine Alternative. Dieses Hin und Her, diese Salamitaktik, all die Theorien und Eventualitäten sind in den vergangenen Tagen zu Recht kritisiert worden«, schrieb HFC-Präsident Jens Rauschenbach. Auch der FSV Zwickau setzt sich Medienberichten zufolge für einen Saisonabbruch ein, der Verein sagt, er müsse sonst Insolvenz anmelden.

Der FC Carl Zeiss Jena will sich diesbezüglich noch nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen. »Wir sind gegen Geisterspiele, weil wir Fußball nicht in leeren, sondern möglichst in vollen Stadien spielen wollen. Wir spielen Fußball für die Leute«, sagt Geschäftsführer Chris Förster nur. Doch eines ist ihm wichtig: »Wir brauchen eine schnelle Entscheidung, um Planungssicherheit zu haben in jeglicher Hinsicht: für Fußballer, für Sponsoren, für finanzielle Maßnahmen und so weiter.«

Eine schnelle Entscheidung, das ist klar, könnte momentan nur ein Abbruch sein. Um die Befürchtungen der Fußballfunktionäre nachzuvollziehen, genügt ein Blick in den Drittliga-Bericht der vergangenen Saison. Darin machen Einnahmen aus dem laufenden Spielbetrieb durchschnittlich 21 Prozent der Gesamterträge eines Vereins aus, nur durchschnittlich 10,8 Prozent stammen aus Medieneinnahmen. Das ist der große Unterschied zur 1. und 2. Bundesliga: In der 3. Liga sind Fans noch etwas wert.

So erhält jeder Drittligaklub pro Saison nur 842 000 Euro Fernsehgelder. Zum Vergleich: In der 2. Bundesliga sind der SV Wehen Wiesbaden und der VfL mit je 7,3 Millionen Euro noch die Geringverdiener. Der FC Bayern München bekommt in dieser Saison allein aus dem TV-Topf 67,9 Millionen Euro. Klar dass die Branchenriesen auch die Saison 19/20 auch ohne Fans unbedingt zu Ende bringen zu wollen - weil man ansonsten neben den Zuschauereinnahmen auch noch auf die üppigen TV-Gelder verzichten müsste.

In der 3. Liga ist die Rechnung eine andere: Fernsehgelder bringen hier kaum etwas, dafür hätte man als Verein bei einer Fortsetzung der Saison - bei weniger Einnahmen - aber die vollen Ausgaben zu tragen. Aktuell haben viele Klubs auf Kurzarbeit umgestellt, doch sollte die Saison fortgesetzt werden, würden die Spieler dann wieder ihre vollen Gehälter von den Vereinen erhalten. Aus mehreren Gesprächen des »nd« mit Fußballfunktionären ergibt sich die einhellige Meinung: Das sei wirtschaftlich nicht machbar.

Ergo: Die Entscheidung über den weiteren Saisonverlauf in der 3. Liga könnte ganz anders aussehen als das, was die Deutsche Fußball-Liga (DFL) in den letzten Tagen für die 1. und 2. Bundesliga verkündete. Dort hofft man auf Geisterspiele ab Mai, notfalls kann die Saison über den 30. Juni hinaus verlängert werden. »Es ist immer interessant, was die DFL beschließt«, sagt Magdeburgs Mario Kallnik. Doch das es zur Nachahmung kommt, ist mehr als fraglich.

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