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Die Angst vor der zweiten Welle

Viele ostasiatische Staaten sind erfolgreich gegen das Coronavirus vorgegangen, nun schotten sie sich ab

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 3 Min.

Am Samstag um Punkt 10 Uhr gedachte die Volksrepublik mit einer Trauerminute ihren über 3000 Virustoten. Landesweit heulten die Luftschutzsirenen, die Flaggen wehten auf Halbmast. Mit dem Nationalen Gedenktag schloss China auch symbolisch mit einem der tragischsten Kapitel in der modernen Geschichte des Landes ab: Das neuartige Coronavirus, das noch im Februar eine Provinz von rund 60 Millionen Einwohnern in den Kollaps gezwungen hatte, wirkt im mittlerweile zum Alltag zurückfindenden Staat schon fast wie ein Relikt der Vergangenheit.

Seit gut zwei Wochen scheinen die täglichen Neuinfektionen im bevölkerungsreichsten Land der Welt fast schon vernachlässigbar: Am Sonntag meldete die Nationale Gesundheitskommission nur 30 Neuinfektionen, wobei 25 davon sogenannte »importierte Fälle« aus dem Ausland waren. Auch wenn sich die Indizien häufen, dass die offizielle Statistik frisiert sein könnte: China hat das Virus derzeit erfolgreich unterdrückt.

Wie fragil dieser Zustand ist, wird dieser Tage mehr als deutlich: Das Land hat seine Pforten für Ausländer vollständig dicht gemacht. Selbst Personen mit Hauptwohnsitz in der Volksrepublik dürfen ihre Wahlheimat bis auf Weiteres nicht betreten. Zudem haben die Behörden diese Woche erneut einen Landstrich in der Provinz Henan isoliert, nachdem sich eine Frau bei einem Infizierten angesteckt hatte. Auch die Abriegelung des Epizentrums Wuhan, dessen Einwohner ab dem 8. April erstmals seit Monaten die Stadt verlassen dürfen, könnte sich aufgrund der Angst vor den »stillen Virusträgern« weiter verlängern. Eine Studie des »Lancet Public Health Journal« prognostiziert, dass eine Aufhebung der Restriktionen in Wuhan zu einer zweiten Viruswelle bis August führen könnte.

Viele Lockerungen wurden wieder zurückgenommen: So durften Ende März allmählich die Kinos wieder öffnen, nur um Tage später erneut eine Schließorder zu bekommen. Auch Sportveranstaltungen mit Publikum wurden bis auf weiteres der Riegel vorgeschoben: »Um unsere Pflichten zu erfüllen, dass das Virus nicht importiert wird und Inlandsinfektionen wieder ansteigen, (…) werden bis auf weiteres Sportveranstaltungen, die Publikum anziehen, nicht fortgesetzt werden«, so das Nationale Sportbüro.

Wer derzeit von Europa nach Ostasien schaut, blickt immer auch ein wenig in die Zukunft: In China, Südkorea und Japan ist das Virus zuerst ausgebrochen, die erste Ansteckungswelle wurde dort auch zuerst deutlich abgeflacht. Die wichtigste Lehre aus jener Region ist allerdings eine ernüchternde: Die Gefahr einer zweiten Welle bleibt bestehen, bis man das Virus medizinisch in den Griff bekommen hat. Der Kampf gegen Covid-19 lässt sich nur global gewinnen.

Praktisch alle ostasiatischen Ländern schotten sich derzeit aus Angst vor der zweiten Infektionswelle ab: Südkorea war stets dafür bekannt, dass es aufgrund systematischem Testens die Ausbreitung des Virus verlangsamen konnte, ohne eine flächendeckende Quarantäne einzuführen oder sich abzuschotten. Nun muss sich jeder Einreisende für 14 Tage in Quarantäne begeben. Japan hat die Quarantänebestimmungen ebenfalls für Einreisende aus fast allen Teilen Europas ausgeweitet. In Taiwan werden mittlerweile Personen, die gegen ihre Quarantäne verstoßen, mit hohen Geldbußen bestraft. Hongkong ist vollständig für Einreisende geschlossen. Wer in der ehemaligen britischen Kolonie in häusliche Quarantäne muss, wird mit einem elektronischen Armband kontrolliert.

Es scheint zunächst wie ein Widerspruch: Ausgerechnet in jenen Ländern, in denen die Infektionszahlen sinken, werden die Maßnahmen strenger. Dies führt dazu, dass zwar innerhalb der Landesgrenzen zumindest annähernd »virusfreie Zonen« entstehen. Gleichzeitig wird die Isolation selbst für hoch entwickelte Exportnationen in Asien zum Normalzustand - bis eine medizinische Behandlung oder ein wirksamer Impfstoff gefunden wird.

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