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  • Corona in Geflüchtetenunterkünften

Lager in Angst

Geflüchtete in Sammelunterkünften sind dem Virus und Anfeindungen von außen schutzlos ausgesetzt

  • Von Dinah Rothenberg und Alexandra Kimel
  • Lesedauer: 7 Min.

Jallo lebt in Doberlug-Kirchhain, in einem Flüchtlingsheim mitten im Brandenburger Wald. Als wären die Geflüchteten in der ehemaligen Kaserne nicht schon abgeschnitten genug, fährt seit drei Wochen der 571er nicht mehr - der einzige Bus, der Jallo und die rund 500 anderen Heimbewohner*innen in die fünf Kilometer entfernte Stadt bringt.

Laut Verkehrsmanagement ElbeElster ist die Einstellung der Buslinie eine präventive Maßnahme, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Wer für die Einstellung der Buslinie verantwortlich ist und warum nur der 571er nicht mehr fährt, während alle anderen Linien weiter nach Ferienplan unterwegs sind, ist unklar. Das Verkehrsmanagement und die Zentrale Ausländerbehörde (ZABH) des Landes Brandenburg schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Der Bus würde zu bestimmten Zeiten zu viel genutzt, heißt es. Klar ist: Der 571er wird, so lange die Coronakrise anhält, nicht wieder eingesetzt. Das teilte ZABH-Leiter Olaf Jansen dem »nd« mit.

Abgeschnitten von der Außenwelt

Wie geht es den Geflüchteten in der Sammelunterkunft in der Coronakrise? Gut ging es Jallo im Camp noch nie, erzählt er: »Vor Corona gab es mehr Abschiebungen. Sie kommen nachts in dein Zimmer, wenn du schläfst, und packen dich. Jetzt können wir zumindest schlafen.« Wegen der Pandemie wurden Abschiebungen in andere europäische Staaten im Rahmen des Dublin-Verfahrens bundesweit vorerst ausgesetzt. Das Lager in Doberlug-Kirchhain gehört zur Erstaufnahme, allerdings haben alle hier ihren Abschiebebescheid bereits in der Hand.

Die Geflüchteten leben stark isoliert. Selbst das Mobilfunknetz funktioniert nicht. Das Deutsche Rote Kreuz, der Betreiber der Unterkunft, kommuniziert mit Funkgeräten. Die Geflüchteten sind aktuell dazu angehalten, in der Unterkunft zu bleiben. Ein Aushang informiert: »Wer über die Nacht außerhalb der Einrichtung war, wird sofort außerhalb der Wohngebäude isoliert.«

Innerhalb des Camps mit seinen Gemeinschaftsküchen und -toiletten sei es nicht möglich, sich und andere zu schützen, erzählt Jallo. »Was, wenn das Virus ausbricht?«, fragt er besorgt am Telefon. »Ich fühle mich nicht gut, und die Situation macht mir Angst.« Er teilt sich mit vier Männern ein Zimmer. Im Speisesaal halten sie anderthalb Meter Abstand zueinander, viel mehr können sie nicht tun.

Die Angst geht um

Ornela lebt in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt. Die Situation ist hier ähnlich wie in Doberlug-Kirchhain. Desinfektionsmittel gebe es nur in der Kantine, auf den Toiletten sei nicht einmal Seife vorhanden, erzählt sie. Früher habe sie mit anderen Bewohnerinnen zusammen gekocht, heute verdächtigen sie sich gegenseitig, infiziert zu sein: »Kommt eine von uns vom Supermarkt, gucken wir uns an, und wissen was wir denken. Aber wir können uns nicht aus dem Weg gehen.« Die gelernte Krankenschwester beschreibt die Situation als beängstigend, traumatisierend.

Die hygienische Situation und welche Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in Sammelunterkünften ergriffen werden können, beschäftigen sowohl in Brandenburg als auch in Berlin Geflüchtete und Mitarbeiter*innen gleichermaßen. Manfred Nowak von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Berlin, die mehrere Flüchtlingsunterkünfte betreibt, spricht von einer »besonders großen Herausforderung«. Nowak findet es verständlich, dass Schutzkleidung und Desinfektionsmittel vor allem in medizinischen Einrichtungen lande, dennoch sei der fehlende Schutz ein großes Problem. Die Krankheitsquote unter den Mitarbeiter*innen sei bereits jetzt sehr hoch. Nowak plädiert für Solidarität und setzt auf Kreativität. So werden Masken mittlerweile von anderen Projekten der AWO selbst produziert, und Kolleg*innen besorgen aus privaten Quellen Desinfektionsmittel.

Es fehlt jedoch nicht nur an Schutzausrüstung, sondern auch an Informationen. In den meisten Unterkünften hängen Zettel in mehreren Sprachen mit den nötigsten Informationen aus. Josephine Furian ist Seelsorgerin in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt. Vor drei Wochen fing sie an, die Bewohner*innen selbstständig über Corona zu informieren. »Ich habe aktiv dieses Thema eingebracht. Das mache ich sonst nicht«, sagt Furian. Aber es gab in ihren Augen keine Alternative: »Ich war einfach verblüfft, in welch verschiedenen Welten wir leben.« Doch geholfen hat das wenig. Die fehlenden Möglichkeiten, das wenige Wissen auch umzusetzen, hätten den Stress und die Angst eher vergrößert.

Da in den meisten Lagern Internet nur begrenzt zur Verfügung steht, sind die Möglichkeiten der Geflüchteten, sich selbst zu informieren, extrem gering. Dass Informationen nur häppchenweise zur Verfügung gestellt werden, nährt den in Krisenzeiten ohnehin schon fruchtbaren Boden für Gerüchte und Fake News zusätzlich.

Einen Tag nach dem Gespräch schickt Jallo am Freitagmittag eine Nachricht aus der Kaserne in Doberlug-Kirchhain: »Es wurden drei Menschen positiv getestet.« Diese und einige Kontaktpersonen würden in Quarantäne untergebracht, der Rest der Bewohner*innen solle sich verstärkt an die Anweisungen halten. Am Abend erzählt er: »Alle haben jetzt Angst, viele kamen heute nicht zum Essen in die Mensa. Der Arzt hat gesagt, wir müssen auf uns selbst aufpassen und sind verpflichtet auch die anderen zu schützen.«

Intransparente Maßnahmen

Vor der Herausforderung, wie Geflüchtete in Sammelunterkünften in Quarantäne untergebracht werden können, steht man in Berlin und Brandenburg gleichermaßen. Dem Berliner Flüchtlingsrat bereitet dabei Bauchschmerzen, dass es in der Hauptstadt keinerlei Quarantäne-Richtlinien und kein transparentes Verfahren gebe. Die Gesundheitsämter gäben nur mündliche Anweisungen. Betreiber und Bewohner*innen der Unterkünfte würden über Grund und Dauer der Quarantäne und die Voraussetzungen für deren Aufhebung im Unklaren gelassen.

So wurde in Treptow-Köpenick eine gesamte Unterkunft unter Quarantäne gestellt, obwohl aufgrund der Apartmentstruktur der Einrichtung auch eine Einzelquarantäne für die Betroffenen möglich gewesen wäre, kritisiert der Flüchtlingsrat. Bei den Bewohner*innen sei dadurch der Eindruck entstanden, das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten wolle auf kaltem Weg eine Dauerquarantäne etablieren, zumal immer weitere infizierte Personen dorthin verlegt wurden. In Pankow soll nun in Kürze eine Quarantäne-Unterkunft mit Platz für 300 Menschen eröffnet werden, in die infizierte Geflüchtete aus anderen Einrichtungen verlegt werden sollen.

In Eisenhüttenstadt und Doberlug-Kirchhain wird mit Isolations-Containern gearbeitet. Doch der Einsatz scheint inkonsequent. Bewohnerin Ornela berichtet von Menschen, die sich am offenen Fenster ohne Abstand mit den Menschen im Container unterhalten. »Wenn ich was dagegen sage, schauen sie mich an und fragen, wer ich denn sei, ihnen Anweisungen zu geben«, erzählt sie. Sie fühlt sich mit ihrer Forderung, Informationen kontinuierlich zu verbreiten, allein gelassen.

Die Flüchtlingsräte in Berlin und Brandenburg fordern eine Entzerrung der Belegung. Es handele sich bei zum Teil 500 Bewohner*innen in einer Unterkunft quasi um tägliche Großveranstaltungen, so der Flüchtlingsrat Brandenburg. Aber: Der Flüchtlingstransfer in Brandenburg wurde für die kommenden Wochen eingestellt. Der Bestand an Bewohner*innen sei »eingefroren«, so der Leiter der Ausländerbehörde Olaf Jansen.

Statt die Belegung in den Unterkünften zu entzerren, wird von den Bewohner*innen erwartet, dass sie die fehlenden Infektionsschutzmaßnahmen in den Sammelunterkünften selbst ausgleichen. So sollen sie zum Beispiel die Nutzung von Gemeinschaftsbädern und -küchen eigenständig in Schichten organisieren und gänzlich auf Ausgang verzichten. Wenn sich alle an die Vorsichtsmaßnahmen halten würden, seien die Camps momentan der sicherste Ort, meint Olaf Jansen.

Laut dem ZABH-Leiter gib es in jedem Heim eine Ambulanz, und chronisch kranke Patient*innen würden mit besonderer Vorsicht versorgt. Verdachtsfälle seien getestet worden. Ein Screening auf Risikogruppen findet allerdings nicht statt. So leben weiterhin auch HIV-, Krebs- und Diabetespatient*innen sowie Personen mit Lungenerkrankungen in den Sammelunterkünften.

Vorurteile und Anfeindungen

Wie Ornela wohnt auch Marie in Eisenhüttenstadt. Das Heim liegt eingezäunt zwischen Kleingartenanlagen und Wohnsiedlungen. In der Nähe befindet sich ein großer Supermarkt - einer der wenigen Orte, den die Bewohner*innen außerhalb des Camps noch besuchen können. Marie berichtet, dass sich Vorurteile und Anfeindungen seit Ausbruch der Krise noch verstärkt hätten: »Gestern war ich im Marktkauf. Eine Frau ist vor mir weggerannt, als sie mich gesehen hat. Die Leute denken, wir seien die Gefahr, weil wir in einem Camp leben. Wir haben auch keine Masken - in dem Geschäft sind sie ausverkauft und im Camp gibt es keine.« Ornela ergänzt: »Wenn du eine PoC (People of Color, Anm. d. Red.) bist, schauen sie dich misstrauisch an. Und jetzt in der Krise noch mehr.«

Wird die Ausgrenzung von Geflüchteten durch die Maßnahmen der Behörden in der Coronakrise also noch zusätzlich befördert? Zumindest wird sie sichtbarer, meint Lotta Schwedler vom Flüchtlingsrat Brandenburg: »Man merkt jetzt so richtig, wie die Coronakrise die soziale Ungleichheit und die strukturelle Diskriminierung absolut zutage treten lässt.«

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