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Ausbeutung abgewählt

In Italien produziert eine Genossenschaft afrikanischer Einwanderer gesunde Lebensmittel

  • Von Giacomo Sini und Dario Antonelli
  • Lesedauer: 6 Min.

Ismail richtet sich auf, schaut zum Kollegen neben ihm und scherzt: «Lorenzo, tut dein Rücken schon vom nur Herumstehen weh?» Dann entfernt er mit dem Messer die langen Blätter eines Blumenkohls und legt ihn ins Gemüsegitter. Lachend heben Lorenzo und Cheikh die Kisten an. Gemeinsam gehen sie zum Traktor. Obwohl es erst Februar ist, spürt man die Hitze der Sonne. Wind ist aufgekommen und hat die wenigen Wolken weggeweht. Die Ernte ist beendet. Nun gilt es, den Kohl und den auf anderen Feldern geernteten Salat und Spinat zu waschen, die Pakete vorzubereiten und den Lieferwagen zu beladen.

Mittlerweile hat die Corona-Epidemie Italien erreicht. «Wir arbeiten ohne Unterbrechung. Wir liefern etwas, was die Menschen brauchen, das ist uns wichtig», sagt Cheikh.

Die drei gehören zu «Barikama», einer von afrikanischen Einwanderern gegründeten Genossenschaft. Viele von ihnen hatten am Aufstand im süditalienischen Rosarno im Januar 2010 teilgenommen. Damals protestierten Hunderte afrikanischer Arbeiter auf den dortigen Zitrusplantagen, nachdem einer von ihnen bei einem rassistischen Angriff schwer verletzt worden war. Die Revolte machte die skandalösen Arbeits- und Lebensbedingungen der eingewanderten Arbeiter auf den italienischen Äckern sichtbar. Diese sammelten so Erfahrungen mit gegenseitiger Hilfe und dem Aufbau von Netzwerken. Sie beschlossen ein Projekt zu starten, das ihnen ökonomische Unabhängigkeit ermöglichen sollte.

Sozial orientiert

Heute produziert die Kooperative am Ufer des Lago di Martignano nahe Rom neben Gemüse vor allem Joghurt. «Barikama» ist zugleich ein soziales Projekt, das jungen Italienern mit Asperger-Syndrom Praktika und Arbeitsverträge bietet. Auch der Name der Genossenschaft steht für einen Anspruch: «Barikama» bedeutet in der westafrikanischen Sprache Bambara eine Art von Stärke, die am treffendsten mit «Widerstand» übersetzt wird.

Sitz und Lager der Kooperative befinden sich in Roms Stadtteil Pigneto, einem historischen Arbeiterviertel. Um sieben Uhr morgens, der Himmel klart allmählich auf, betritt hier Modibo eine Eckbar und grüßt die Anwesenden. «Probieren Sie das mit Äpfeln», empfiehlt der Wirt und zeigt auf die Croissants. Modibo, 32 Jahre alt, kam 2008 aus Mali in Lampedusa an. «Die Nachfrage ist gestiegen, nachdem die Leute nicht mehr nach draußen gehen können», sagt er. «Wir haben jetzt doppelt so viel zu tun.» Sie seien vorsichtig und glücklicherweise sei bisher keiner seiner Kollegen an Covid-19 erkrankt, berichtet Modibo.

Wie jeden Morgen treffen sie sich auch heute im Lager, um den Lieferwagen zu beladen und die Arbeit einzuteilen. Zur Feldarbeit kommen Auslieferung und Verkauf auf lokalen Märkten. Einer davon ist der Triester Markt in der Via Chiana. Wegen des Lockdowns werden dort derzeit immer nur wenige Personen zur gleichen Zeit eingelassen. «Barikama» hat hier einen eigenen Stand, den sie reihum betreuen. Heute ist der 31-jährige Tony dran. Vor vier Jahren kam der frühere Maurer aus Nigeria nach Italien. Mehrere Monate lang pflückte er in Foggia in Apulien Tomaten. «Für jede gefüllte 350-Kilo-Kiste gab es vier Euro», beschreibt er die Arbeitshetze. Er ging nach Rom, wo er zu «Barikama» stieß. Tony unterbricht seine Erzählung. Lächelnd bedient er einen Kunden.

Bescheidener Anfang

Cheikh sitzt heute am Steuer des Lieferwagens. «Als wir aus Rosarno in Rom ankamen, lebten wir zunächst in besetzten Häusern», berichtet er. «Wir gingen zu Demonstrationen und forderten Papiere.» Reguläre Arbeit konnten sie nicht finden. Alles habe im eXSnia, einem selbstverwalteten Sozialen Zentrum von Hausbesetzern an der Via Prenestina begonnen, als jemand vorschlug, Joghurt zu produzieren.

«Zuerst machten wir Joghurt mit Töpfen und Pfannen, aber 2014 gründeten wir eine Genossenschaft. Am Anfang seien dabei pro Person nur 5 bis 10 Euro pro Tag herausgesprungen. »Damit konnten wir immerhin zu Hause anrufen«, sagt Cheikh. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für die Produktion fanden sie das Casale di Martignano. Mit den Erben des Hofes schlossen sie eine Vereinbarung über die Nutzung von Molkerei und Maschinen sowie die Pachtung von Agrarland. Heute bewirtschaftet »Barikama« 6 Hektar Gemüsefelder. In der Woche produziert sie bis zu 200 Liter Joghurt.

Der 34-jährige Cheikh kommt aus Senegal, war Fußballspieler und studierte an der Universität Biologie. 2007 traf er in Italien ein und arbeitete zunächst auf Gütern in Foggia und Rosarno. »Ich schaute mich um und begann zu rechnen. In Rosarno arbeiteten mit mir 200 bis 300 Personen mindestens einen Monat lang ohne Vertrag. Da geht es um viel Geld. Das kann unmöglich niemand bemerkt haben.« Cheikh kann nicht verstehen, dass viele Italiener auf Leute wie Matteo Salvini von der rassistischen Lega hören. Die Leute sollten sich besser fragen, warum es Migration überhaupt gibt, findet Cheikh. »Ich wäre lieber in meiner Heimat bei meiner Familie geblieben«, sagt er und fügt hinzu: »Diejenigen, die hier die Menschen ausbeuten, sind die gleichen, die sie in Afrika ausbeuten. Nur ihre Gesichter unterscheiden sich.«

Fruchtbarer Boden

Die grünen Bohnen blühen bereits. Ein paar trockene Schläge mit dem Kopf der kleinen Hacke, Holz gegen Holz, und der Pfahl sitzt. Aboubakar verlegt gerade gemeinsam mit Saydun Tropfbewässerungsschläuche. »Das ist eine afrikanische Hacke. Ich habe für jede Art von Arbeit eine eigene«, erläutert Aboubakar. Dann erzählt er, dass »Barikama« zunächst nicht in der Lage war, die gesamten sechs Hektar Land zu bestellen. Doch dann gelang es ihnen mit Hilfe eines Vereins, einen Traktor zu kaufen. »Auch in Mali habe ich seit meiner Kindheit auf den Feldern gearbeitet, aber dort bauen wir Baumwolle, Mais und Reis an. Diese brauchen weniger Pflege und machen auch sonst weniger Arbeit als Gemüsebeete. Das war gemütlicher.« Er hätte schon gern einen weniger anstrengenden Job, gibt der Malier zu. Aber es sei schwierig, etwas anderes zu finden.

Sein Kollege Saydun stammt aus Gambia. Auch er hat schon immer auf dem Feld gearbeitet: »Der Boden hier besteht aus guter vulkanischer Erde. Er ist besonders fruchtbar und die Pflanzen werden nicht so oft krank. Auch wenn wir als kleine Genossenschaft keine Biozertifizierung erhalten können, so machen wir doch alles auf natürliche Weise.« Während er das sagt, deutet er auf die Felder, die sich um Bauernhaus und Ställe herum am Nordufer des Martignanosees erstrecken.

Währenddessen nähert sich der blaue Traktor. An der Motorhaube ist eine große perlweiße Schleife befestigt. Man könnte meinen, er sei dazu bestimmt, einen Hochzeitszug anzuführen. Modibo lenkt den Traktor geschickt durch das Feld, auf dem Saydun und Aboubakar gerade Salate pflanzen. Seit sie den Traktor haben, hat sich die Arbeit hier stark verändert. »Barikama« ist jetzt unabhängiger und kann damit nicht nur die eigenen Felder bestellen, sondern ihn auch verleihen.

Von der Molkerei weht der Duft nach Milch herüber. Donnerstag ist Joghurttag. Das Milchprodukt ist bei den Kunden besonders gefragt. Unter den Käufern sind sowohl Privatpersonen als auch Geschäfte und Restaurants.

Was am Monatsende unter dem Strich übrig bleibt, wird unter den Mitgliedern der Kooperative gerecht aufgeteilt. Alle hier erhalten den gleichen Lohn. Im Durchschnitt waren das 2019 500 Euro im Monat, in den letzten Monaten des Jahres sogar 700. Um stabile und bessere Gehälter zu ermöglichen, wollen sie weiter wachsen und den Großhandel ausweiten. Eine Genossenschaft wollen sie immer bleiben.

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