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  • Kultur
  • Sommer der Migration 2015

Hamlet trinkt Bier

Nicht ganz Shakespeare, aber doch mehr als Trash: Der ARD-Film »Die Getriebenen« über Merkels Flüchtlingssommer 2015

  • Von Stefan Gärtner
  • Lesedauer: 5 Min.

Dass es schlimmer immer gehe, ist nicht nur eine bewährte Volks-, sondern auch eine erprobte Fernsehweisheit, und kaum ist die Rezensionsversion von »Die Getriebenen« vorbei, einem Fernsehfilm über das, was als Merkels »Grenzöffnung« vom Spätsommer 2015 in die Zeitgeschichte eingegangen ist, läuft linear eine ARD-Dokumentation über die Colonia Dignidad und sitzen Opfer von einst einem Film Zeuge, der sich für sie nicht die Bohne interessiert, andernfalls er ihre Berichte von Gewalt und Demütigung nicht mit ranzigster Musiksoße übergösse. Sehr viel schlechter als »Die Getriebenen« wäre auch eine der üblichen Trashdokus gewesen, die mit sogenannten Spielszenen jene Lücken schließen, die der Umstand reißt, dass Geschichtliches nur in seltenen Fällen komplett auf Film vorliegt; eine Spielszene ist aber jederzeit nur Füllsel, das den dokumentarischen Anteil zum Komplement degradiert, und was dabei herauskommt, ist so gut wie stets Hirnverklebekleister.

In den »Getriebenen« sind die Spielszenen, wie der Vorspann mitteilt, »nur eine Annäherung an die tatsächlichen Geschehnisse«, aber der Film ist eine einzige Spielszene, nur sporadisch und geradezu taktvoll unterbrochen durch Realmaterial, das nicht grell und plump Lücken schließen muss, sondern den Handlungsrahmen in Erinnerung ruft: die Zustände auf der »Balkanroute«, das Massenlager am Budapester Bahnhof Keleti, brennende deutsche Flüchtlingsheime und Merkel, wie sie sich im Osten als »Volksverräterin« niederbrüllen lassen muss.

»Die Getriebenen« basiert nicht einfach auf dem gleichnamigen, sehr erfolgreichen Sachbuch des »Welt«-Journalisten Robin Alexander, das den politischen Sommer 2015 rekonstruiert, sondern ist »frei nach Motiven« erzählt, und das bedeutet, der Film ist Fiktion, Drama, und darin ist er nicht nur lächerlich, auch wenn er lächerlich beginnt, nämlich mit gröbst geschnitzten Charakterisierungen des Personals. So muss Rüdiger Vogler als Wolfgang Schäuble badisch auf die Schuldengriechen schimpfen und Imogen Kogge als kühle Kanzlerin ihm kühl beipflichten, tragen Sigmar Gabriel und Markus Söder, diabolisch aus der Wäsche grinsend, Sätze aus der Intrigantenfibel vor und steht Thomas de Maizière, damals Innenminister, noch vergrippt um halb fünf auf, um, wie er selbst sagt, das Grundgesetz zu verteidigen.

Das alles ist so lange lachhaft, bis das Tableau etabliert ist und man sich zu Ende gefreut hat darüber, wie nach Kräften ähnlich sich deutsche Fernsehgesichter der hohen Politik machen (bei Dobrindt, auch das beinah ein Witz, reicht der karierte Anzug), und dann sieht man mindestens Imogen Kogge als eloquenterer Version der realen Kanzlerin nicht ungern zu, wie sie sich vom Flüchtlingsmädchen Reem und dem Bild des toten Jungen am türkischen Strand so beeindrucken lässt, dass sie, als es darauf ankommt, Schlagstöcke und Tränengas an einer geschlossenen deutschen Grenze nicht verantworten will, so wenig wie de Maizière, schon um des Bildes vom freundlichen Vaterland willen.

Dass ein Plan zur Schließung der Grenze vorlag und bereits Polizei in Marsch gesetzt war, hat Alexander recherchiert - es ging ja nie um Grenzöffnung, Grenzen sind im Schengenraum ohnehin offen, sondern um eine verhinderte Grenzschließung -, und wie der Film zwischen albern und eindrücklich oszilliert, zeigt sich an Verfassungsschutzchef Maaßen, dem Bundespolizeichef Romann (sic!) und BKA-Präsident Münch, die wie eine Unsympathenversion der Drei Stooges immer als Trio auftreten und gemeinsam zeternd vorm Untergang des Abendlandes warnen. Dass das einen komischen Effekt hat, ist vermutlich nicht beabsichtigt, taugt als Bloßstellung aber so gut wie die unermesslichen Drehbuchsätze (»Wir müssen handeln, Jean. Spätestens auf der Westbalkan-Konferenz sollten wir den Durchbruch erzielen«) für den Gemeinschaftskundeunterricht tun.

Der Finsterling im Hintergrund ist freilich Viktor Orbán, und das ist weniger Trash denn Shakespeare, denn ohne guten Bösewicht ist ein Historiendrama nur die Hälfte wert; und wenn Orbán Claudius ist, gibt Merkel den Hamlet als Volksausgabe und hat für ihre Entscheidung aber viel weniger Muße als der dänische Prinz, der nicht nebenher noch ein Halbdutzend Tagestermine hatte. Politik, wir wissen es, ist bloß die Agentur der Interessen des Kapitals, aber ganz praktisch ist sie Organisation, Koordination, Intrige und PR, und die letzte Entscheidung, das ist sie mitunter auch. Die handwerkliche Seite von Politik als vielleicht sogar ihren tiefsten Reiz vermittelt der Film in den Grenzen seiner zwei Stunden nicht schlecht, und wie gut das Bier schmeckt, das in kleiner Runde bei der Kanzlerin am Ende eines langen Tages verzehrt wird, will man sofort glauben.

Dass nicht geschimpft sei, der Film diene dem Mythos von »Mutti« Merkel - derselben, der fünf Jahre später an einer Wiederholung des Flüchtlingsmärchens so wenig gelegen ist wie allen anderen -, liegt daran, dass wir nicht Merkel sehen, wie sie mit Joachim abends auf dem Sofa sitzt, sondern eine Anverwandlung, deren Bühnensprache (»Das ist doch eine Schande für Europa!«) und moralische Reflexionen (»Angst ist kein Luxusproblem«) anzeigen, dass die Kunst, um auch noch Schiller zu bemühen, stets heiterer ist als das ernste Leben. Ein Gegensatz, der durch den neuerlichen Skandal an den östlichen EU-Grenzen in ein geradezu gleißendes Licht tritt.

»Die Getriebenen«, Deutschland 2019. Regie: Stephan Wagner; Darsteller: Imogen Kogge, Josef Bierbichler, Walter Sittler, Wolfgang Pregler.

Der Fernsehfilm ist bereits ab 8.4. in der ARD-Mediathek verfügbar. Offizieller Erstsendetermin ist der 15.4., 20.15 Uhr, ARD.

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